Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gesperrte Tweets: US-Bürgerrechtler rügen Twitter für Selbstzensur

Twitter-Logos: Die EFF kritisiert den Kurznachrichtendienst Zur Großansicht
Getty Images

Twitter-Logos: Die EFF kritisiert den Kurznachrichtendienst

In Pakistan zensiert Twitter Verweise auf Pornobilder, in Russland politische Profile. Dafür wird der Kurznachrichtendienst jetzt von einer Bürgerrechtsorganisation angegangen, die den Dienst vor einigen Jahren noch gelobt hatte.

Die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) kritisiert den Kurznachrichtendienst Twitter scharf für seine Selbstzensur in Russland und Pakistan. "Wir sind traurig, verkünden zu müssen, dass Twitter jetzt eingeknickt ist", heißt es auf der Website der EFF. Der Grund für die Kritik: Twitter hat auf Anordnung der Behörden in Pakistan und Russland politische und satirische Tweets gesperrt, ebenso Accounts einer Partei. Die Enttäuschung bei der EFF ist groß, da die Organisation den Dienst vor einigen Jahren noch als Vorzeigeplattform für die Redefreiheit im Internet gefeiert hat.

In Pakistan hat die Telekommunikationsbehörde insgesamt fünf Anträge an den US-Konzern gestellt, in denen gefordert wird, mehrere Beiträge von Twitter-Nutzern zu verbergen: Die Tweets seien "blasphemisch" und "unethisch". Die Links führen unter anderem zu Bildern mit Karikaturen des Propheten Mohammed und zu Fotos des Pornostars Belle Knox, die sich mit Sexfilmen ihr Studium an der amerikanischen Duke University finanzieren will. Twitter hat dem Antrag zugestimmt und die betroffenen Tweets für alle Bürger innerhalb Pakistans blockiert. In anderen Ländern sind die Beiträge noch zu sehen.

Die EFF verweist außerdem auf das Profil einer proukrainischen Partei, das Twitter bereits vor einigen Tagen in Russland gesperrt hat. Die russische Regierung begründete den Zensurantrag damit, dass die Betreiber des Twitter-Accounts zu "Massenaufständen und extremistischen Aktivitäten" aufrufen würden und die "öffentliche Ordnung" verletzten. Auch hier hat Twitter zugestimmt und den Account für russische Bürger ausgeblendet.

"Kein Grund, stolz zu sein"

Die EFF ist nun aus zwei Gründen enttäuscht vom Kurznachrichtendienst: Einerseits, weil Twitter laut EFF keine Vertretung in Russland hat und deshalb auch keine gerichtliche Anordnung umsetzen müsste. Anderseits, weil der gesperrte Account von der Ukraine aus befüllt wurde und nicht von Bürgern in Russland.

Mittlerweile sei Twitter vom Topverfechter der freien Meinungsäußerung in eine ähnliche Liga wie Facebook und Google abgerutscht, heißt es bei der EFF. Auch wenn Twitter immer wieder betont, dass man die Redefreiheit schützen wolle, sei der Dienst mittlerweile weit entfernt von seinen ursprünglichen Idealen: "Es gibt keinen Grund, stolz darauf zu sein, mit allen anderen auf den Grund zu sinken." Wenn Twitter nicht für freie Meinungsäußerung in einem Land einstehe, "wo unabhängige Medien zunehmend unter Druck geraten, wofür steht es sonst?"

In ihrem kritischen Artikel erwähnt die EFF aber auch, dass sie seinerzeit den Vorschlag von Twitter unterstützt hat, beanstandete Inhalte nur im jeweiligen Land zu löschen statt überall auf der Welt. Man habe die Entscheidung als "kleinstes Übel" verteidigt. Doch gleichzeitig sei Twitter auch gewarnt worden: Schon damals sei klar gewesen, dass die Länder auf jeden Fall eine Zensur einfordern würden, sobald sie die Möglichkeit dazu haben.

Auf eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage zum Thema hat Twitter am Freitagvormittag nicht reagiert.

jbr

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
maledicto 23.05.2014
Meiner Meinung nach ist Twitter genau wie Facebook ein Geheimdienstwerkzeug.
2. Och, menno...
Ogden wernstrom 24.05.2014
...schon wieder ist den Investoren ihr Geld näher als die verbreitung der demokratischen Grundrechte in der ganzen Welt. Ich bin erstaunt und schockiert! ;) Mal ehrlich: Wir Alle würden genau so entscheiden, wäre es unsere Kohle. Zumal mit einem Twitter-Verbot niemandem geholfen ist. Dann lieber mitspielen und vorsichtig gucken, was geht...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zum Autor
  • Jörg Breithut sucht von Stuttgart aus nach Themen im Internet. Und schreibt sie dort auch wieder rein.

  • Blog von Jörg Breithut
Buchtipp


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: