Twitter-Tratsch über Promi-Affäre Der Ball, der Sex und das Netz

Verheirateter Fußballer trifft Busenwunder - Manchester-United-Star Ryan Giggs wollte Gerüchte über eine Affäre gerichtlich unterdrücken, scheiterte aber an tratschenden Twitter-Nutzern. Nun hat nicht nur der Bloßgestellte ein Problem, sondern auch die britische Politik.

Manchester-Star Giggs: Geschäftstüchtiges Starlet bringt Fußballer in Bedrängnis
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Manchester-Star Giggs: Geschäftstüchtiges Starlet bringt Fußballer in Bedrängnis


Am Samstag spielt Manchester United im Champions-League-Finale gegen den FC Barcelona, und ein Star könnte bei den Engländern fehlen: Ryan Giggs, Frauenheld und Darling der englischen Fußballfans, hat derzeit andere Sorgen. Seit er vergangene Woche von über 70.000 Twitter-Usern als jener mysteriöse Fußballer geoutet wurde, der eine Affäre mit dem Big-Brother-Busenwunder Imogen Thomas hatte, findet sich Giggs im Auge eines Mediensturms wieder.

Am Dienstag tauchte der 37-jährige Familienvater auf sämtlichen britischen Titelseiten auf - selbst der Europareisende Barack Obama hatte das Nachsehen. Die schönste Schlagzeile hatte der "Daily Mirror": Das einem Hollywoodfilm entlehnte Wortspiel "Naming Private Ryan" schaffte es auf Twitter prompt in die "Trending Topics", die meistdiskutierten Themen des Kurznachrichtendienstes.

Die Affäre zwischen dem Fußballer und dem Fernsehsternchen an sich wäre nicht weiter erwähnenswert - das ist schließlich das täglich Brot des britischen Boulevards. Es ist die Art und Weise, wie sie ans Licht kam, die nun in Großbritannien eine Grundsatzdebatte über das Spannungsverhältnis zwischen Meinungsfreiheit und dem Recht auf Privatsphäre auslöst.

Wer die Knebelverfügung erwähnt, verstößt gegen die Knebelverfügung

Bis zum Wochenende war die Affäre "Britanniens bestgehütetes Geheimnis" ("Independent"). Dafür hatte Giggs gesorgt, indem er im April vom Londoner High Court eine sogenannte "Super Injunction" verhängen ließ. Mit einer solchen Knebelverfügung können britische Prominente die Presse daran hindern, über eine bestimmte Privatangelegenheit zu berichten. Damit nicht genug: Die Presse darf nicht einmal erwähnen, dass die Knebelverfügung existiert, damit jegliche Gerüchte ausgeschlossen werden.

Die Verfügung verhinderte einen Monat lang, dass die Boulevardzeitung "The Sun" die Affäre enthüllen konnte, welche die geschäftstüchtige Thomas dem Blatt offensichtlich verkauft hatte. Der Bann hielt, bis die Namen Giggs und Thomas vergangene Woche plötzlich auf Twitter zirkulierten. Wie sie dort hingelangten, ist unklar, doch das Geheimnis war gelüftet.

Zunächst wurde das Giggs-Gerücht mehr als 70.000 Mal von Twitter-Usern weitergeleitet, dann brachte der schottische "Sunday Herald" am Sonntag ein Bild von Giggs auf der Titelseite. Das konnte die Zeitung trotz der Knebelverfügung riskieren, weil englisches Recht in Schottland nicht gilt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste ganz Großbritannien, wer der Fußballer war. Selbst Premier David Cameron gab zu, er wisse Bescheid.

Pikante Details aus der Knebelverfügung veröffentlicht

Dennoch hielt das Londoner Gericht am Montag das Berichtsverbot aufrecht. Erst als ein liberaler Abgeordneter am Montag im Unterhaus seine parlamentarische Immunität dazu nutzte, in einer Debatte den Namen Giggs zu nennen, galt dieser als öffentliches Wissen - und alle Zeitungen konnten am Dienstag darüber berichten.

Der "Guardian" veröffentlichte auf seiner Webseite die richterliche Knebelverfügung in voller Länge, und nun kann jeder nachlesen, worum es geht. Giggs hat demnach in einer geheimen Anhörung vor Gericht drei Treffen mit Thomas zwischen September und Dezember 2010 eingeräumt. Später dann forderte sie laut Giggs' Darstellung 100.000 Pfund für ihr Schweigen und erwähnte, dass ein Fotograf Bilder von ihr vor einem Hotel haben könnte. Der "Kiss and Tell"-Klassiker also.

Nun hat aber nicht nur der bloßgestellte Giggs ein Problem, sondern auch die britische Politik. Denn der Fall hat das System der Knebelverfügungen ad absurdum geführt. Sie waren 2000 eingeführt worden, um das in der Europäischen Menschenrechtskonvention verbriefte Recht auf Privatsphäre zu schützen. Der Gesetzgeber überließ es den Richtern, in jedem Einzelfall zwischen zwei Grundrechten abzuwägen: Dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Recht auf Privatheit. Im Fall Giggs wurde sein Recht auf Privatheit höher eingestuft als das Recht von Imogen Thomas und der "Sun", über die Affäre zu berichten.

Abgeordnetensport: "super injunctions" öffentlich machen

Was aber zählt das Richterwort noch, wenn die Gerüchte auf Twitter in Umlauf gebracht werden und so ihren Weg zurück in die alten Medien finden? Wie kann es sein, dass eine Zeitung nicht über etwas berichten darf, was im Internet bereits als Allgemeinwissen gilt?

Gerade liberale Politiker haben etwas gegen die Knebelverfügungen. Einzelne Parlamentarier nutzen ihre Immunität immer wieder dazu, mitten in der Parlamentsdebatte die Existenz von "super injunctions" bekanntzumachen, von denen sie Kenntnis erhalten haben. So wurde unter anderem bekannt, dass der ehemalige Chef der Royal Bank of Scotland, Fred Goodwin, eine Affäre mit einer hochrangigen Bankangestellten geheim zu halten versuchte.

Die Richter sind über diese Sabotage im Parlament entrüstet und werfen den Abgeordneten vor, die Rechtsprechung zu unterminieren. Die Politiker kontern, dass Richter nicht einfach ein Privatsphärengesetz durch die Hintertür einführen und den Geist des Presserechts pervertieren könnten. Auch der Uno-Menschenrechtsausschuss hält die restriktive Rechtsprechung für eine Gefahr für die Pressefreiheit.

Erfundene Knebelverfügung, tagelange Schlagzeilen

Dank Twitter erhält der Streit nun eine weitere Dimension. Es ist ein Leichtes, auf der Internet-Plattform Gerüchte in die Welt zu setzen. Strafverfolgung ist angesichts der Masse und der globalen Verteilung der User so gut wie unmöglich. Mit Twitter, so scheint es, haben die traditionellen Medien einen Weg gefunden, die richterlichen Verfügungen auszutricksen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Twitter-Lawine im Fall Giggs aus dem Umfeld der "Sun" gestartet wurde - mit dem Ziel, die Geschichte am Ende doch noch auf die Titelseite zu heben.

Ob dies das Ende der Knebelverfügungen ist, wie einige bereits prognostizieren, bleibt abzuwarten. Denn irgendwie werden Prominente auch in Zukunft ihre Privatsphäre schützen können müssen - das folgt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention. Eine Reform der bisherigen Praxis scheint aber unvermeidlich, das Unterhaus beschäftigt sich bereits damit.

Während die Netzgemeinde den Aufklärungseffekt von Twitter feiert, gibt es auch eine Kehrseite, wie die britische Millionärstochter und Journalistin Jemima Khan vor kurzem erfahren musste. Auf Twitter wurde gestreut, dass sie eine "super injunction" beantragt habe, um eine Affäre mit dem Fernsehmoderator Jeremy Clarkson geheim zu halten. Beides war frei erfunden. Doch fand sie sich tagelang in den Schlagzeilen wieder.

Ein wirksames Mittel gegen die Twitter-Lawinen gibt es bislang nicht. Giggs hat das Unternehmen und einzelne Twitter-User nun verklagt, doch werden ihm keine großen Erfolgschancen eingeräumt. Das Medium könnte sich am Ende als unkontrollierbar erweisen.

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insgesamt 20 Beiträge
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flower power 25.05.2011
1. Presse findet heute auf vielen Medien statt
Dadurch ist es zum Glück bis dato nicht möglich diese zu unterwandern. Diese Verlogenheit ekelt mich an. auf der einen Seite die Facebook-Generation für die erfolgreichen Revolutionen loben, ist aber dann diese Revolution vorbei, wird die Freiheit wieder abgeschaltet. Wie durchtrieben und weltfremd sind eigentlich unsere Politiker in Europa? Einfach widerlich.
chris14 25.05.2011
2. Keine Chance
Zitat von sysopVerheirateter*Fußballer trifft Busenwunder*- Manchester-United-Star Ryan Giggs wollte Gerüchte über eine Affäre gerichtlich unterdrücken, scheiterte aber*an tratschenden Twitter-Nutzern. Nun hat nicht nur der Bloßgestellte ein Problem, sondern auch die britische Politik. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,764812,00.html
Knebel hin oder her: Als ob im Lande von CCTV, der Sun und an der Scheibe plattgedrücken Nachbar-Nasen irgendetwas geheim bliebe ;-) Aber dennoch ein nettes Völkchen... wenn man nix zu verbergen hat.
Newspeak, 25.05.2011
3. ...
"Denn irgendwie werden Prominente auch in Zukunft ihre Privatsphäre schützen können müssen - das folgt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention." Komisch. Es gibt nicht wenige Prominente, die schaffen die Trennung von Privatem und Öffentlichem auch einfach so, ohne Gerichtsbescheid. Es sind allerdings zugegeben nicht dieselben Prominenten, die sich sonst selbst gerne, d.h. in guten Zeiten, in den Klatschspalten sehen, in schlechten Zeiten aber nicht "belästigt" werden wollen.
DerBlicker 25.05.2011
4. was soll der Quatsch?
Zitat von sysopVerheirateter*Fußballer trifft Busenwunder*- Manchester-United-Star Ryan Giggs wollte Gerüchte über eine Affäre gerichtlich unterdrücken, scheiterte aber*an tratschenden Twitter-Nutzern. Nun hat nicht nur der Bloßgestellte ein Problem, sondern auch die britische Politik. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,764812,00.html
die Privatsphäre von Promis gehört nur geschützt, wenn ihnen jemand was Falsches anhängen will. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht von Affären zu erfahren, kein Promi hat ein Recht dass seien Fehltritte privat bleiben, das widerspricht allen Grundrechten. Wer sich als Promi nicht benimmt, muss eben mit den Folgen leben.
mannew66 25.05.2011
5. Welch eine Illusion
Es ist vorbei mit der Sicherheit deiner Daten und, im Falle es interessiert einen, auch deiner intimsten Geheimnisse. Das kann man bejubeln, denn es bedeutet ja auch, dass nicht nur Tratsch und Klatsch immer öffentlicher wird, sondern auch durchaus wichtige Dinge. Mit der Erfindung des Internet war der Gehemniskrämerei das Grab bereitet. Siehe Wikileaks. Aber seinen wir doch mal ehrlich, ein bisschen exhibitionistische Lust kann auch Herr Giggs nicht leugnen und Frau Thomas nunmal gar nicht. Man zahlt eben für alles im Leben einen Preis und die teuersten werden nicht in Euro berechnet.
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