Zehn Jahre Twitter Bibi in der Brüllkammer

Auf den Tag genau vor zehn Jahren verschickte Mitgründer Jack Dorsey den ersten Tweet überhaupt. Wie steht es heute um Twitter? Vier persönliche Zwischenbilanzen.

YouTuberin und Twitter-Nutzerin Bibi
Youtube/ BibisBeautyPalace

YouTuberin und Twitter-Nutzerin Bibi


Twitter ist ... der Ort, wo man Böhmermanns Witzen schon vorher begegnet (Christian Stöcker, @ChrisStoecker)

Wenn man jemandem, der Twitter gar nicht kennt, erklären will, wie Twitter in Deutschland so ist, könnte man es mit folgender Geschichte versuchen: Die extrem erfolgreiche Beauty-YouTuberin Bibi, auf Twitter unter dem Namen @BibisBeauty unterwegs (1,34 Millionen Follower), twitterte am 14. März: "Viel zu KRASS! (Schäm-Smiley) Gerade mein iPad, dass (sic!) ich vor nem Jahr verloren habe, in der Bettritze wiedergefunden (Schäm-Smiley) Komm gerade gar nicht drauf klar (Lachtränen-Smiley)."

1119 Retweets, 8136 Likes.

Natürlich enthält diese Enthüllung viele schöne Anknüpfungspunkte, die von anderen Twitterern schnell und bereitwillig aufgegriffen wurden. Zum Beispiel die naheliegende Frage, ob Bibi ihr Bett nur einmal im Jahr bezieht. Oder was sich in der zu diesem Zeitpunkt schon zum Trending Topic mutierten #Bettritze wohl noch so alles finden ließe. Das Bernsteinzimmer. Oma. MH370.

Drei Tage später ist das Thema dann der Opener-Gag bei Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royale". "Bibi hat vor wenigen Stunden einen unglaublichen Tweet losgelassen", sagt Böhmermann, erklärt den Sachverhalt, schaut dann nach unten und sagt: "Huch, ein iPad! Und das Bernsteinzimmer! Und MH370!"

Twitter in Deutschland im Jahr 2016: Das ist der Ort, an dem Bibi auf Böhmermann trifft. Und an dem man manchen Böhmermann-Witz schon viel früher mitbekommt.

Twitter ist … eine Brüllkammer, die manchmal doch ganz nützlich ist
(Angela Gruber, @netzkolumnistin)

Twitter interessiert nur Journalisten, haben schon viele Journalisten abfällig zu mir gesagt. Trotz dieser Einschätzung kenne ich keinen Kollegen, der sich von Twitter abgemeldet hätte, weil er dort nicht seine Leser treffen kann. Ist das die Angst, etwas zu verpassen? Oder die Tatsache, dass man sich nirgends anders so schön selbst in Szene setzen kann?

Manchmal wird man niedergeschrien, das fällt mir in letzter Zeit immer häufiger auf. Twitter kommt mir in solchen Momenten nicht mehr wie eine Echokammer vor, sondern wie eine regelrechte Brüllkammer.

Als ich einmal ein Interview über den #Gamergate-Streit veröffentlicht habe, meldete sich ein Mann aus Indien per Direktnachricht und beschimpfte mich. Er hatte den deutschen Text entdeckt und übersetzt. Ich habe ihn blockiert, damit er mir keine Nachrichten mehr schicken kann. Twitter ist auch das Netzwerk der Wahl, wenn die Hinterbänkler der Politik ihren Hass öffentlich loswerden wollen. Erika Steinbach ist da nur ein Beispiel.

Gegen Trolle tut das Netzwerk viel zu wenig. Trotzdem ist Twitter einer der wenigen Orte im Netz, wo ich erlebt habe, dass sich Debatten und Diskussionen entwickeln können, bei denen die Protagonisten am Anfang wohl dachten, sie stünden allein da. Mit Glück schwappen diese Debatten auch in den Mainstream, wie es beim #Aufschrei der Fall war, oder - eine Dimension kleiner - bei #notjustsad.

Twitter ist … der Dialog zu meinen Nachrichten
(Torsten Beeck, @TorstenBeeck)

Ich habe Twitter irgendwann 2009 verstanden: Mercedes Bunz twitterte, dass Google ein eigenes Betriebssystem auf den Markt bringe würde. Also habe ich geschaut, was Fachmedien dazu schreiben und stellte fest: nichts. Es dauerte mehrere Stunden, bis große Nachrichtenseiten das Thema aufgriffen. Seit diesem Tag nutze ich Twitter als primäre Nachrichtenquelle, mehrmals täglich, eigentlich permanent.

Twitter ist aber nicht nur schnell, es schafft vor allem die Verbindung von Informationen zu Menschen, die Hintergründe und Meinungen teilen, die kritisch hinterfragen und die uns auch als Journalisten aufmerksamer und zugänglicher werden lassen. Wir müssen ansprechbar sein, um die Diskussion zu begleiten, die um unsere Geschichten entstehen. Diese Verbindung von Information und Emotion sollte man nicht unterschätzen, denn es ist wirklich verrückt, wie persönlich die Beziehung zu einer Person sein kann, die man ausschließlich "digital" kennt.

Spannend ist Twitter außerdem, weil es alles sein kann: Zugang zu Superstars, politische Diskussionsplattform oder Nachrichtenkanal. Deshalb kann man Twitter auch nach Herzenslust kritisieren, hypen oder totreden - alles ist richtig, es kommt eben immer darauf an, wo man hinschaut. Nur eins sollte man nie tun: Twitter "Zwitscherplattform" nennen.

Twitter ist … der Ort, an dem die Eitelkeit der Erfolgreichen durchscheint
(Markus Böhm, @mk_boehm)

Die ersten Monate Twitter waren die aufregendsten: Ich freute mich über jeden Follower, über jeden Retweet. Als Twitter-Nutzer will man gebauchpinselt werden. Der schlimmste Tweet ist der, der niemanden interessiert.

Mittlerweile weiß ich aber, dass andere die Online-Verehrung dringender brauchen als ich. Auf Twitter wird offenbar, wie eitel viele Medienleute sind: mitunter auch solche, die so berühmt oder anerkannt sind, dass es mir absurd erscheint, dass ausgerechnet sie sich ständig ihrer Grandiosität selbstvergewissern müssen.

Immer wieder gibt es Momente, in denen meine Timeline voll ist von Komplimenten für ein und dieselbe Person - weil diese pauschal und im Sekundenabstand jede Nachricht retweetet, in der sie oder etwa ihr neuester Artikel oder ihr letztes Buch gelobt wurde.

Doch gerade eine Ansammlung von "Ich bin der Geilste"-Retweets entwertet deren Inhalt sofort. Es ist, als würde jemand durch die Fußgängerzone laufen und rufen: "Habt ihr vielleicht schon selbst gehört, aber hier noch mal für alle: A hat gestern gesagt, dass er meine Texte mag, B fand mein Buch inspirierend und C lobt mich gerade, weil ich trotz meines Erfolgs total normal geblieben bin."



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
murksdoc 21.03.2016
1. B 52
TWITTER ist für mich eine üble Mobbing-Maschine deren Shitstorms genauso effektiv sind wie der Bombenhagel einer B 52, denn wer "auf den Knopf drückt", egal, ob auf 32 000 Fuss Flughöhe oder im warmen Schreibtischsessel, hat keinen Bezug zu seinem Opfer, braucht keine Hemmungen und kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn was da unten passiert, geht ihn nichts an.
crazy_swayze 21.03.2016
2.
In Deutschland ist Twitter kein Massenphänomen, die Anzahl der Power-User hält sich hier stark in Grenzen. Würde mich sehr wundern wenn das über 10.000 Menschen wären. Von daher irritiert mich die Fokussierung der Massenmedien auf diesen Online-Zwerg zunehmend.
globalundnichtanders 21.03.2016
3.
Zitat von murksdocTWITTER ist für mich eine üble Mobbing-Maschine deren Shitstorms genauso effektiv sind wie der Bombenhagel einer B 52, denn wer "auf den Knopf drückt", egal, ob auf 32 000 Fuss Flughöhe oder im warmen Schreibtischsessel, hat keinen Bezug zu seinem Opfer, braucht keine Hemmungen und kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn was da unten passiert, geht ihn nichts an.
Bitte? Muss doch keiner Lesen den Mist. Mir stellen sich die Nackenhaare auf wenn ich diese Bibi sehe, aber der Vergleich mit einer B52 ist dann doch etwas fehl am Platze...
harryholdenwagen 21.03.2016
4.
Twitter ist für mich Unterhaltung, Ablenkung, Treffen von Gleichtgesinnten, Informationsquelle und Zeitfresser. Ich habe einige interessante Personen kennengelernt, die mit mir meine Interessensgebiete teilen und darüber schreiben. Deren Ansichten zu Themen mich interessieren, die ich einfach gerne lese. Darüber hinaus gibt es die große Anzahl an Personen, die lustige und ernste Tweets schreiben, die mich zum Lachen oder zum Nachdenken bringen.
ironbutt 21.03.2016
5. Twitter ist meine #1 Informationsquelle
Der Spiegel, Wired, Die Welt, The Economist, Le Monde, Umphrey's McGee, die Allman Brothers Band und der Deutsche Segler Verband ... mein Nachrichtenmenü. Da ich - anders als Herr Stöcker - BibisBeauty nicht folge, waren sogar die Witze des Herrn Böhmermann am Donnerstag-Abend noch neu für mich. Damit Twitter für mich funktioniert, folge ich nur maximal drei Medien pro Sprache - sonst kommt man mir dem Lesen nicht mehr hinterher
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