Twittern zum Amoklauf "Liebe Presse, ich weiß doch nichts von dem Verrückten..."

Eine junge Frau setzte am Vormittag per Twitter eine der ersten Nachrichten im Web über den Amoklauf in Baden-Württemberg ab. Jetzt schallt es aus allen Ecken, Deutschland habe seinen ersten "Twitter-Fall". Das ist ein Irrtum.

Von Carolin Neumann


Die Schwäbin Natali Haug ist noch relativ neu auf der Mikroblogging-Seite Twitter. Sie schreibt dort für gewöhnlich unter dem Namen "tontaube" über ihren beruflichen Alltag und den üblichen privaten Kleinkram. Was man halt bei Twitter so macht. Dann heute Vormittag die Nachricht: "ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!" - um ihre Freunde zu warnen, wie sie später in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk sagte.

Dabei war Natali Haug gar nicht selbst vor Ort, sondern hatte das Geschehen nur über zwei Ecken mitbekommen. Ein typischer Fall von Freund-eines-Nachbarn-einer-Cousine. Und dennoch kontaktierten zahlreiche Medien im Verlauf des Tages die junge Frau. Die "Bild"-Zeitung soll angefragt haben, Journalisten aus Dänemark und von CNN in London versuchten, bei Twitter Kontakt mit "tontaube" aufzunehmen. Und das, obwohl die junge Frau schon früh betont hatte, dass sie eigentlich nichts gesehen habe: "Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten...", twitterte sie.

Auch in einem Telefon-Interview mit dem französischen Nachrichtensender France 24 stellte sie richtig: "Ich bin nicht an der Schule. Ich sitze am Bahnhof in Winnenden, die Schule ist am anderen Ende der Stadt." Schöne neue Medienwelt - inspiriert von den letzten Malen, als sich die Bürgerjournalisten auf Twitter als schnelle erste Quelle erwiesen. Ende letzten Jahres waren es die Tweets über die Terroranschläge in Mumbai. Dann zeigte ein New Yorker auf dem Twitter-Dienst Twitpic das vermutlich erste Foto des notgewasserten Flugzeuges auf dem Hudson River.

Keine Primärquelle

Zahlreiche Menschen meldeten sich per Mikroblogging zum Thema Winnenden zu Wort. Schon rufen erste Medien begeistert den ersten deutschen Twitter-Fall aus - ganz gleich, ob Natali Haug und andere nun live dabei waren oder nicht. Dabei hatte Twitter am heutigen Tag keinen erkennbaren Mehrwert für die Berichterstattung, sondern sorgte - ganz im Gegenteil - zum Teil für mehr Verwirrung als Klarheit. Meldungen wurden verbreitet, mit Zahlen jongliert. Man bekam zwar auf jeden Fall mit, was in Baden-Württemberg geschah, das war es aber dann auch schon.

Derweil versuchten Journalisten, im Internet mehr über den Amokläufer aus Baden-Württemberg herauszufinden. In Communitys wie Facebook oder StudiVZ suchten sie die Gruppen ab, fahndeten nach Mitschülern, nach Augenzeugen.

Der Kurzzeit-Medienstar Natali Haug ist am Ende eines kontaktreichen Tages schon wieder zum ganz belanglosen Twitter-Alltag übergegangen: "Mal schauen, wie interessiert die Medien sind, wenn ich ab morgen wieder über Pfannkuchen twittere...", schreibt sie am späten Nachmittag.

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