Überraschungs-Coup mit Buzz Google plant Frontalangriff auf Facebook und Co.

Google wildert im Revier von Facebook und Twitter: Der Web-Gigant verkündet einen Relaunch von Google Mail, der den Post- zum Universaldienst macht und alles verbindet, was der Konzern zu bieten hat. Der Buzz-Dienst bietet Social-Networking in Echtzeit und bringt die Konkurrenz in Zugzwang.

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Google-Gründer Brin: Buzz führt Dienste zusammen, die bisher isoliert standen
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Google-Gründer Brin: Buzz führt Dienste zusammen, die bisher isoliert standen


Die Jungs von Google beherrschen eine seltene Kunst: Sie schaffen es, hemdsärmelig zu erscheinen, wenn sie in Wahrheit für die Schlacht gerüstet sind. Sie plaudern über Neuigkeiten - und teilen zwischen den Zeilen mit, dass sie gerade einen Frontalangriff auf die Konkurrenz starten, mit dem sie die Produkte der Wettbewerber schlicht ersetzen wollen.

Genau das haben Konzerngründer Sergey Brin und seine Mitstreiter am Dienstagabend bei der Vorstellungen von Google Buzz einmal mehr unter Beweis gestellt.

Buzz, das vorab nicht groß angekündigte Update zu Googles Mail-Dienst, der in den USA und den meisten Ländern der Welt Gmail heißt, tritt an, die Funktionalitäten von Mailprogramm, Social-Network-Plattform, Twitter-Dienst, Fotoalbum, Videoplattform, Newsreader und mehr zu integrieren. Einen "One Stop Shop" nennen Amerikaner so etwas - einen einzelnen Laden, in dem es alles zu kaufen gibt.

Alles in Echtzeit

Die Google-Buzz-Präsentation wurde zur umfangreichsten und möglicherweise wichtigsten Produktvorstellung des Unternehmens seit Maps oder Google Earth. Google Mail wird aus der gewohnten Oberfläche heraus zahlreiche Social-Media-Funktionen bedienen und - ähnlich wie Facebook und Co. - automatisch ein Social-Network-Profil des Anwenders generieren.

Doch anders als die Konkurrenz schafft Google das alles in Echtzeit: Der Mail-Dienst ist seit langem schon Chat- und Videochat-Plattform. Jetzt kann man auch in Echtzeit kommentieren, annotieren ("Ich mag das") und sieht die Kommentare anderer Nutzer auf dem Schirm - und zwar so, wie sie gespeichert werden. Zahlreiche Funktionen sind teilautomatisiert. So gruppiert das Buzz-Programm die häufigsten Mail-Kontakte zu einer Follower-Auswahl, deren Beiträge man sehen kann, wenn man will.

Schnell, dynamisch, medial aufgepeppt

Ob das auch für eigene Postings gilt, setzt der Nutzer selbst fest: Er kann seine Informationen und Medien mit eingegrenzten Nutzergruppen oder mit der ganzen großen Web-Öffentlichkeit teilen. Er kann flickr-Alben integrieren (und im vollen Album-Modus ansehen, ohne das Programm zu verlassen). Buzz bindet YouTube-Videos ein, genau wie Picasa-Bilder und Alben oder Twitter-Nachrichten. Das alles ist nicht nur schnell und - glaubt man der Präsentation (siehe Video unten) - höchst einfach, sondern sogar dynamisch: Man sieht den Veränderungen der Seite zu, es gibt etwa bei der Kommentarfunktion keine klare Abgrenzung zwischen Blog-Kommentierung und Chat mehr. Das hat man so noch nicht gesehen.

Doch Google geht noch weiter und könnte damit einmal mehr in Konflikt mit Juristen geraten. Veröffentlicht man Links zu einer Web-Seite, saugt sich Buzz zur Illustration automatisch Bilder von der verlinkten Seite. Das ist schön für den Mail-Account-Inhaber, aber weniger gut für Urheber, die eine solche Form der Zweitveröffentlichung eventuell nicht ganz so prickelnd finden werden.

Sieht man dann noch, dass Google zeitgleich die Integration der Buzz-Funktionalitäten in seine Mobiltelefon-Services ankündigen konnte, bleibt eigentlich nur ein Fazit: In diesem Maße hat der Konzern seit langem nicht mehr seine Muskeln spielen lassen. Buzz führt Google-Produkte zusammen, die bisher isoliert standen. Mobil bindet der Dienst sogar noch die GPS-Daten von Handys ein.

Wie die Konkurrenz auf Buzz reagieren wird, ist noch völlig offen. Das Programm integriert deutlich mehr Features, als beispielsweise Facebook. Der Wettbewerber bastelt dem Vernehmen nach gerade selbst an einer Mail-Funktion. Jetzt könnte man Facebook fragen, wozu noch - oder den Anbieter zur Eile treiben. Denn noch ist Google im Social-Network-Bereich keine große Nummer. Und zumindest ein Alleinstellungsmerkmal scheint Facebook auf absehbare Zeit sicher: Auf Buzz kann man nicht spielen.

Großangriff auf Facebook und Twitter

Gegen Google Buzz spricht die bisherige Geschichte des Konzerns. Google war immer dann erfolgreich, wenn das Unternehmen reine, klar zu beschreibende Dienstleistungen bot. Versuche, auch im Social-Media-Bereich zu punkten, scheiterten bisher kläglich. Googles Facebook-Konkurrenz Orkut kennt kaum jemand - abgesehen von Nutzern in Brasilien, wo der Dienst aus unerfindlichen Gründen erfolgreich ist.

Google-Mitbegründer Sergey Brin aber will das nicht gelten lassen: Es sei zwar richtig, dass Google sich in solchen Feldern bisher schwer getan habe. Aber auch der Bereich der Social Networks habe eine Entwicklung durchlaufen.

Die vollzieht Google nun nach: Mit den generierten Profilseiten wird Google Buzz nach außen zu einem umfassenden Social Network. Wer sich auf Buzz einlässt, nimmt daran teil: Alles, was man unter Buzz veröffentlicht, ist zunächst einmal "public" und wird auch von den Crawlern der Suchmaschine Google indexiert. Wer Dinge nicht mit der Öffentlichkeit teilen will, muss sich dazu entscheiden. Auch darüber wird es Diskussionen geben. Aus Googles Perspektive ist so etwas wie immer eine Entscheidung des Einzelnen, Jugend- und Datenschützer sehen so etwas in der Regel etwas anders.

Was die Web-Gemeinde aber in den nächsten Tagen sehen wird, ist mit der sukzessiven Freischaltung der Buzz-Funktionen der größte Angriff auf Facebook und Co., den es bisher gegeben hat. Google Buzz hat das Potential, die Web-Szene auf ähnliche Weise umzukrempeln, wie zuletzt Twitter - wenn die Realität hält, was die Präsentation versprach. Die verschiedenen Features sollen nach und nach Online gehen, der ganze Ausbau wird wohl Wochen dauern.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Marshmallowmann 09.02.2010
1. Wozu?
Niemand will die Dinge verbinden und verschmelzen. Wir wissen alle sowas wird unübersichtlich und die Leute wollen vor allem nicht noch mehr Daten in den googlerachen schmeissen. Google wird da scheitern, hoffen wir es zumindest alle.
Meckermann 09.02.2010
2. Ach so...
Twitter hat also die gesamte Webszene umgekrempelt? Gut, dass das mal einer schreibt, sonst hätte man es womöglich gar nicht bemerkt. In meinem Umfeld herrscht derweil noch große Unwissenheit darüber, was Twitter eigentlich ist, wie man es benutzt und wofür es gut ist. Wenn Google Buzz genauso große Umwälzungen nach sich zieht, erkennt man ja die Welt nicht wieder ;)
horst.wenzel 09.02.2010
3. Facebook bedient sich schon bei GMail
Witziger Weise fragt Facebook (es grenzt fast schon an Stalking), ob ich meine GoogleMail-Kontakte nicht auch zu Facebook einladen möchte. ;-)
Ursprung 09.02.2010
4. Dienstleistung ist das Kriterium
"Twitter" oder "Facebook" sind fuer mich uninteressante Welten. "gmail" nicht. Ist funktionell, fuer meine Anforderungen, kostenlos und daher o.k. Und wenn mein Rechner mit seinem Mailprogramm ins Wasser faellt, kann die Kommunikation via der Google-website katastrophenlos weitergehen. Ich benoetige Funktionserweiterungen im e.mail-Programm weiss Gott nicht. Aber dagegen habe ich auch nichts. So also faengt Google mit Dienstleistungen Otto Normalverbraucher eim, der schon ohne Earth Google im Leben klarkam und es jetzt dennoch oft nutzt. Ist also o.k. Die bieten halt die richtigen Dienste, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie ueberhaupt benoetigen wuerde.
bold7777 09.02.2010
5. Fuck Google, Twitter, Facebook und all die anderen
Es geht mir langsam auf den Geist, jede Woche ein neues To-do in der ach so tollen Internetwelt erledigen zu sollen. Ich glaub, ich kündige meinen Facebook-Account, verlasse Xing und Twitter all den anderen Bullshit. Die Atomisierung von Interessen, Kontakten, Wichtigkeiten ... was spielt das alles für eine Rolle im globalen Blaba? Ab jetzt nur noch telefonieren ...
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