Prorussische Propaganda Raketen mit Rechtschreibschwäche

Liefern die USA heimlich schwere Waffen an die Ukraine? Prorussische Separatisten präsentieren Aufnahmen angeblicher Stinger-Raketen. Deren Beschriftung erinnert jedoch an ein Computerspiel.

Von , Moskau

YouTube/ lnr.today

Zwei Kämpfer tasten sich in einem dunklen Kellergewölbe voran, es liegt auf dem Gelände des stark vom Krieg in der Ostukraine zerstörten Flughafens von Luhansk. "Vorsicht, Granate!", ruft der eine. Der andere entdeckt eine Mine. Die Männer machen die Sprengfallen unschädlich und rücken weiter vor.

Im schummrigen Licht fängt ihre Kamera Feldrationen aus offenbar amerikanischer Herstellung ein: Ravioli-Packungen, Medikamente, Kisten mit Munition. Sie öffnen eine Holzkiste mit englischsprachiger Aufschrift. Darin liegen zwei Stinger-Raketen, die gefürchteten Luftabwehrraketen aus den USA.

Medien der selbst ernannten "Volksrepublik Luhansk" verbreiten die Aufnahmen. Russische Berichterstatter greifen die Geschichte auf. Für sie scheint festzustehen: Der Fund von Luhansk ist eine "smoking gun", ein schlagender Beweis, dass die Amerikaner heimlich tödliche Waffen an die Ukrainer liefern, für den Kampf gegen die prorussischen Separatisten.

Die Nachrichtenagentur RIA berichtet, die Meldung sei auf ihrer Webseite mehr als 110.000-mal gelesen worden. "Im Donbass wurden amerikanische Stinger gefunden", verkündet das Millionenblatt Komsomolskaja Prawda.

In Russland hat diese Schlagzeile einen ganz besonderen Beigeschmack: "Stinger", den Namen kennt jeder Russe, seit Washington damit in den Achtzigerjahren die Mudschahidin in Afghanistan für den Kampf gegen die sowjetische Armee aufrüstete. Auch der TV-Sender des Verteidigungsministeriums präsentiert die Aufnahmen, und zwar als "unser Exklusiv-Material".

"DATE LOUDED oder DATE LOADED?"

Das Runet, der russischsprachige Teil des Internets, reagiert dennoch eher amüsiert auf die Meldung. Der vermeintliche Coup ist nämlich ein Fake.

Ein Twitter-Nutzer macht auf eine fehlerhafte Aufschrift auf der Stinger-Kiste aufmerksam. "Ein Englischtest", schreibt @naganoff_ru. "Wie heißt es richtig? DATE LOUDED oder DATE LOADED?"

Anderen Bloggern sind die sehr groben Schweißnähte am Rohr aufgefallen. Auf den Kisten aus dem Luhansker Keller steht zudem "RE USABLE". Die US-Army schreibt aber "RE-USABLE" mit Bindestrich, oder auch "REUSABLE".

Für Belustigung sorgt ein weiterer Fauxpas. Auf manchen US-Stinger-Raketen steht "TRACKING TRAINER", auf der aus Luhansk lediglich "TRACKING RAINER".

Eine Waffe aus einem Videospiel

Große Heiterkeit löste ein Computerspiele-Blogger aus, der dem Ursprung des Fehlers im Internet nachspürte. Anton Logvinov stieß bei seinen Recherchen auf die Abbildung einer Stinger-Rakete mit "TRACKING RAINER"-Aufschrift: Es ist ein Screenshot aus dem Shooter "Battlefield 3" des schwedischen Entwicklerstudios DICE. Das Waffenmodell aus dem Computerspiel taucht weit oben in den Ergebnissen der Google-Bildersuche auf, wenn man dort nach "Stinger" sucht.

Wer auch immer die Luhansk-Stinger gebastelt hat, orientierte sich offenbar an der Waffe aus dem Computerspiel und nicht am echten Luftabwehrsystem, glaubt der Blogger. Videospiel-Blogs in aller Welt höhnen nun: "Profi-Tipp: Kopiert keine 'Battlefield'-Stinger."

Die Staatsanwaltschaft der "Volksrepublik Luhansk" hat mittlerweile eine Untersuchung des Waffenfunds angekündigt - zu den Fake-Vorwürfen haben sich die Separatisten bislang nicht geäußert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
Abbuzze 24.07.2015
1.
All your base belong to us! Damit es noch authentischer wirkt, fehlt noch"kilroy was here"
Pixopax 24.07.2015
2. Erheiternd
Sehr erheiternd, es fragt sich nur, wieviel Prozent der russischen Bevölkerung das als Fälschung akzeptieren. Ich wäre interessiert an die Berichterstattung in Russland, wird das die offensichtliche Fälschung erwähnt?
ricson 24.07.2015
3.
es stellt sich die Frage warum die Separatisten das tun? eine Entspannung der Situation kann wohl kaum Ziel solcher Aktionen sein. vermutlich sind sie es einfach leid das russische Engagement zu verschleiern. es wäre für sie leichter wenn die Russen ganz offen auftreten könnten.
gnursch 24.07.2015
4. Tracking Rainer
Das mit dem Model aus Battlefield 3 fand ich am besten. Ist ja zum "schießen" Das wird natürlich vom üblichen Klientel verteidigt werden.
spon-49j-k5ri 24.07.2015
5.
B-Ware
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