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Umbruch: Netzeitung 2.0 statt Web 2.0?

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Die "Netzeitung" und deren Gründer und Chef Michael Maier gehen künftig getrennte Wege. Sein Projekt "Readers Edition" darf er mitnehmen, was Maier gut passt: Im Web 2.0 sieht er seine Zukunft. Die "Netzeitung" besinnt sich derweil auf das, was wirklich wichtig ist.

Der Gründer, bisherige Geschäftsführer und Chefredakteur der "Netzeitung", Michael Maier, verlässt die Anfang des Jahres an die norwegische Orkla Media verkaufte Firma zum Jahresende. Künftig wird es mit dem Feuilletonredakteur Michael Angele, 42, und Matthias Ehlert, 39, eine Doppelspitze geben. Ehlert war zuletzt in der Entwicklungsredaktion für das deutschsprachige "Vanity Fair"-Magazin und davor unter anderem als Blattmacher der "Berliner Seiten" der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" tätig.

Michael Maier: Der Gründer der "Netzeitung" verabschiedet sich
DPA

Michael Maier: Der Gründer der "Netzeitung" verabschiedet sich

Neuer Geschäftsführer der Netzeitung Beteiligungs GmbH wird Christoph Weber, 43, bisher kaufmännischer Leiter der Gruppe - eine Meldung, die für einige Verwirrung sorgte: Weber wird Geschäftsführer der Dachgesellschaft, an der Position von "Netzeitung"-Geschäftsführer Philipp Graf Dönhoff ändert sich dadurch nichts.

Die Trennung machte die Internet-Tageszeitung mit einer lapidaren Pressemitteilung bekannt, in der alle als Gewinner dastehen. Maier, heißt es da, wolle sich in Zukunft Web-2.0-Projekten widmen und habe darum auch die von ihm begründete "Readers Edition" der "Netzeitung" erworben.

Michael Angele, einer der designierten neuen Chefredakteure, bekannte sich in der "taz" zugleich dazu, dass mit dem Thema Web 2.0 deshalb nicht Schluss sein solle bei der "Netzeitung". Weiterhin wolle man sich zu diesen Themen "positionieren und sie einordnen" - sprich: darüber berichten. Angele fällt in diesem Kontext direkt die von ihm begründete Kolumne "Altpapier" ein.

Frischer Wind

Was man als Scheitern des Versuchs deuten könnte, den sogenannten Bürgerjournalismus unter dem Dach einer nachrichtlich orientierten Medienmarke zu etablieren - oder als Rückbesinnung auf den Kern eines als Zeitung beschriebenen Angebotes. Michael Maier, der sich mit seiner nagelneuen Firma Blogform Verlags GmbH ab sofort mit Verve auf Web-2.0-Projekte stürzen will, sieht das naturgemäß etwas anders. "Frischen Wind", sagte er der "FAZ", hätten nach sieben Jahren sowohl er als auch die "Netzeitung" nötig.

Seinen Lesern erklärt Maier den Schnitt voller Optimismus: "Die Readers Edition ist ein ganz außergewöhnlich spannendes Projekt. Das kann man nicht nebenher betreiben, auch nicht im Schlepptau einer großen 'Marke'. Wir werden uns der 'Readers Edition' jetzt sehr intensiv widmen und wollen sie ausbauen. Als Portal für Bürgerjournalismus, aber auch als ein publizistisches Unterfangen, in dem Stimmen zu Wort kommen können, die etwas zu sagen haben."

Die Leser der "Netzeitung" wittern jedoch hinter der Pressemitteilung als einen normalen Wechsel an der Führungsspitze und eine Trennung von der mit so viel Vorschusslorbeeren gestarteten "Readers Edition". "Also trennt sich die 'Netzeitung' von der Idee, einen Bürgerjournalismus im Schlepptau zu ziehen", resümiert da ein Leser. "Vermutlich auch aufgrund der schlechten Qualität eine gute Entscheidung."

Doch der von Maier durchaus selbstkritisch versprochene "frische Wind" muss sich ja nicht auf das Web-2.0-Thema beziehen. Seit längerem rumort es in der Medien-Gerüchteküche, Maier sei in den letzten Monaten ein eher selten gesehener Gast in der Berliner Redaktion gewesen. Das Tagesgeschäft führte derweil die stellvertretende Chefredakteurin Domenika Ahlrichs. Doch dringend nötige Richtungsentscheidungen erfolgten nicht mehr, denn die sind Chefsache: Jetzt, heißt es, gehe durchaus "ein Ruck" durch die Redaktion mit zwei neuen Chefs, die mit vielen frischen Ideen anträten.

Und zwar sehr konkreten, verrät Michael Angele auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE - um dann doch sofort wieder freundlich zu mauern: "Wir sind mit einem konkreten Konzept angetreten. Wie das genau aussieht, verrate ich im Januar."

... und schwere Wasser

Ideen werden die neuen Spitzen auch brauchen, denn klar scheint auch, dass es nicht bei einer Veränderung an der Firmenspitze bleiben wird. Mittelfristig, orakelt Neuchef Angele, würden sich wohl auch "die Besitzverhältnisse ändern".

Ausgemacht scheint aber schon jetzt, dass dies kaum mit Jubelmeldungen über einen Ausbau der im Laufe des Jahres arg gebeutelten Redaktion einher gehen wird. Der ehemalige stellvertretende Chef Peter Trzka sowie Peter Schink, erster Projektverantwortlicher der "Readers Edition", hatten sich bereits im Sommer gen "Welt" verabschiedet.

Dass in Zeiten massiver Investments in Internet-Auftritte so etwas bei der "Netzeitung" nicht anstehe, sagte Michael Angele der "taz", sei aber kein Nachteil. Kleine Redaktionen seien "beweglicher und risikofreudiger".

Das klingt gut, denn so beeindruckend die Tatsache ist, dass es der "Netzeitung" ohne das Backing einer mächtigen, etablierten Medienmarke gelungen ist, sich im Internet-Nachrichtengeschäft zu etablieren, bleibt dies doch eine aufreibende Sache: Die Felsen, an denen sich die "Netzeitung" reibt, werden immer dicker, das Tempo schneller, der Druck größer. Mit knapp 25 Leuten hält man nicht dagegen, wenn man versucht, das zu tun, was die Großen leisten. Zumindest so viel glaubt Angele deshalb schon jetzt verraten zu können: Nach dem Neustart werde manches "anders" - Netzeitung 2.0 statt Web 2.0?

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