Umfrage-Verrat Wilde Prognostiker wüten auf Twitter

Echt oder ausgedacht? Gut zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale kursierten angebliche Prognosen im Internet. Einige Daten scheinen frei erfunden, andere glaubwürdig - jedenfalls sind die Urheber bislang kaum auszumachen, es kam sogar zu Fälschungen.

Von


Martin Bick ist genervt. Der Stadtverbandsvorsitzende der FDP in Unna bekommt an diesem Wahlsonntag immer wieder Anrufe von Journalisten - und immer wieder muss er beteuern: Nein, er habe keine Wahlprognosen vorab gewittert.

Etwas merkwürdig ist die Sache in der Tat.

Am Sonntagnachmittag meldete jemand gegen 15 Uhr einen Twitter-Account für die FDP Unna an: "Pünktlich zur Wahl: unser Kreisverband twittert jetzt auch." Eine Stunde und zwei Tweets später gab der angebliche FDP-Twitterer die Wahlprognosen durch: "Hören gerade aus Berlin Prognose."

Bick sagt SPIEGEL ONLINE: "Wir sind das definitiv nicht, wir haben gar keinen Twitter-Account. Wir werden recherchieren, wer da unseren Namen missbraucht."

Das freilich dürfte schwierig werden. Zur Anmeldung bei Twitter genügt eine funktionierende E-Mail-Adresse - und die kann man sich überall auf der Welt bei einem Gratis-Provider besorgen, der die IP-Daten des Nutzer nicht unbedingt aufzeichnen und auf Anfrage deutschen Behörden aushändigen wird.

Dutzendweise Tweets mit Wahlprognosen

So oder so - es war jedenfalls kein Einzelfall, was da über den angeblichen Twitter-Account der FDP Unna getwittert wurde. Am Wahlsonntag kursierten schon nachmittags dutzendweise Tweets mit Ergebnisprognosen. Sie unterschieden sich deutlich. Einige wirkten wenig glaubwürdig, sie hatten extreme Werte. Andere allerdings ähnelten durchaus den Nachmittagsdaten aus den Meinungsforschungsinstituten. (Diese werden immer vorab an Parteizentralen und in der Folge an Journalisten herausgegeben, damit sie sich vorbereiten können.)

Waren die eigentlich geheimen Prognosen nun schon wieder ausgeplaudert worden? Demokratietheoretisch ist das ein Problem, weil Vorabveröffentlichungen des mutmaßlichen Wahlergebnisses Menschen beeinflussen könnten, die noch nicht gewählt haben. Die Wahlgesetze verbieten, dass die Daten vor 18 Uhr nach außen dringen. Als bei den Landtagswahlen im August Prognosen über Twitter durchsickerten, schimpfte SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz: "Sauerei". Das "schadet der Demokratie", sagte Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach.

Womöglich hat nun diese Kritik einige Menschen auf Twitter dazu motiviert, mit frei erfundenen Zahlen für Panik zu sorgen. Das grundsätzliche Problem scheint den meisten jedenfalls bewusst sein - der Großteil der für Vorab-Gezwitscher benutzten Accounts ist erst an diesem Sonntag eingerichtet worden.

Auf das Veröffentlichen von Umfragen vor Wahlende steht eine Strafe von bis zu 50.000 Euro, und Bundeswahlleiter Roderich Egeler hatte nach den Landtagswahlen im August ein hartes Durchgreifen angekündigt. "Ob über Twitter oder über andere Informationswege, die Rechtslage ist eindeutig", sagte er. "Vor Schließung der Wahllokale dürfen keine Ergebnisse von Wählerbefragungen nach der Stimmenabgabe publik werden." Er forderte die Wahlforschungsinstitute auf, mit den Daten äußerst restriktiv umzugehen.

Nun will Egeler die aktuellen Vorgänge genau prüfen lassen. "Unser erster Eindruck war aber, dass sehr viele der Einträge vor 18 Uhr sehr weit weg waren von den tatsächlichen Hochrechnungen", sagte eine Sprecherin. Zwei Mitarbeiter der Wahlleitung und eine externe Firma hätten den ganzen Tag mit speziellen Suchmasken die Plattform durchsucht. "Für Schlüsse ist es noch zu früh", betonte die Sprecherin. "Wir werden die riesige Masse von mehreren tausend Einträgen in Ruhe analysieren."

Parteiforscher warnen vor Vorab-Veröffentlichungen

Auch frei erfundene Umfragen können natürlich das Wahlverhalten beeinflussen - wenn nur die Wähler an deren Echtheit glauben. Nicht zuletzt deshalb löste am Wahlsonntag eine Wahlpanne in Bremen viel Aufregung aus.

Auf Internetseiten des Landeswahlleiters standen dort mehrere Stunden lang Zwischenergebnisse. Es handele sich nur um "Testdaten", kommentierte die Behörde später, doch das stand nirgends - Wähler waren entsprechend verunsichert.

Experten halten es durchaus für ein reales Risiko, dass die Vorab-Veröffentlichung von Prognosen Wähler beeinflusst. Lothar Probst von der Universität Bremen hält es für "rechtlich problematisch, dass sie lange vor Schluss der Wahllokale im Netz kursieren. Denn so können Parteien gezielt Wähler mobilisieren und den Ausgang der Wahl verfälschen."

Der Hintermann des angeblichen Twitter-Accounts der FDP Unna machte übrigens sogar noch Witze über die Sache. Kurz nachdem er die Prognose getwittert hatte, schob er nach: "Gerade Anruf aus Berlin bekommen, nehmen Prognose wieder runter."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bliefert 27.09.2009
1. Was im Internet seht ist wahr, sonst stände es ja nicht im Internet
Wann lernen die Leute endlich die Grundlagen der Medienkompetenz? Beachtet denn niemand mehr das fünfte Gebot? "Einem Diskordier ist es verboten, zu glauben, was er liest." Bernd trolliere episch, dankt für die Aufmerksamkeit und freut sich auf die nächste Wahl.
rabenkrähe 27.09.2009
2. Unsinn
Zitat von sysopEcht oder ausgedacht? Gut zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale kursierten angebliche Prognosen im Internet. Einige Daten scheinen frei erfunden, andere glaubwürdig - jedenfalls sind die Urheber bislang kaum auszumachen, es kam sogar zu Fälschungen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,651619,00.html
........ Im INett kann jeder Irre jeden Unsinn behaupten, nachzuprüfen ist jedenfalls kurzfristig gar nichts. Ein gutes Beispiel dafür, wie dringend die Regulierung des INetts ist! rabenkrähe
bliefert 27.09.2009
3. Dagegen.
Zitat von rabenkrähe........ Im INett kann jeder Irre jeden Unsinn behaupten, nachzuprüfen ist jedenfalls kurzfristig gar nichts. Ein gutes Beispiel dafür, wie dringend die Regulierung des INetts ist! rabenkrähe
Das Recht Unsinn zu reden sollte Internet genau so gegeben sein, wie auch im realen Leben. Viel wichtiger ist es die Menschen darüber aufzuklären, dass das geschriebene Wort nicht wahrer ist als das gesprochene Wort, nur weil es geschrieben wurde. Und das nicht nur im Internet. Ein gutes Beispiel dafür, wie absurd der Versuch eienr Regulierung des INetts wäre!
unterländer 27.09.2009
4. Das kommt davon,
Zitat von sysopEcht oder ausgedacht? Gut zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale kursierten angebliche Prognosen im Internet. Einige Daten scheinen frei erfunden, andere glaubwürdig - jedenfalls sind die Urheber bislang kaum auszumachen, es kam sogar zu Fälschungen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,651619,00.html
wenn man jedem Schxxxdreck hinterherrennt. Wer zwingt denn irgendjemanden bei Twitter mitzumachen oder sich seine Informationen dort zu holen. Ein Medium ernst nehmen, dessen Autoren anonym bleiben können. Wie krass ist das denn? Wenn der Forist unterländer im SPON-Forum um 16.44 Uhr geschrieben hätte, die CDU kommt auf 21 Prozent, dann hätte das auch keiner geglaubt. Also: Selber schuld, wer auf den Schwachsinn reinfällt.
Dunstmokel 27.09.2009
5. Twitter, Blogs & Co. = Virtuelle Klowände
Wann merken es endlich die Menschen: 99,9999...% bei Twitter sind einfach nur Mist! Und darum nutze ich die virtuellen Klowände nicht ;o) Wer dieses gebrabbel ernst nimmt, ist selbst schuld. Einfach ignorieren!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.