Digitales Nachleben "Wenn ich Facebook öffne, ist er da"

Tot ist nur, wer vergessen wird, heißt es. Und das Internet vergisst bekanntlich nichts. Drei Geschichten über digitale Spuren von Menschen - und ihre Rolle bei der Trauerbewältigung.

Trauer-Bewältigung (Symbolbild)
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Trauer-Bewältigung (Symbolbild)

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Menschen nutzen Smartphones und Computer, sie sind in sozialen Netzwerken aktiv: Wer stirbt, hinterlässt heute viele Daten. In ihren teils privaten, teils öffentlich einsehbaren Kommentaren, Bildern und Videos scheinen Menschen weiterzuleben. Die Hinterbliebenen stoßen so auf eine ungewohnte Art von Nachlass und müssen oft erst lernen, damit umzugehen.

Hier berichten drei Personen über ihre Erfahrungen nach dem Tod nahestehender Menschen. Über die Sinnsuche zwischen den vielen Forumseinträgen des Vaters oder von der digitalen Gemeinschaft, die ein Freund hinterlassen hat. Und von einem kleinen Taschenmonster, das den Namen der Tante trägt:

Christian*, 24, Informatikstudent: "Ich wusste, wonach ich suchen musste"

"Mein Vater ist Anfang des Jahres plötzlich verstorben - mit 59, ein Herzinfarkt. Ich wohne in einer anderen Stadt als meine Eltern, wegen meines Informatikstudiums. Wenn ich alle paar Wochen nach Hause kam, fand ich meinen Vater vor dem Computer. Er war vor allem in zwei Foren unterwegs: in einem Hilfeforum für die Nutzer von Linux- und Open-Source-Software und in einem erzkonservativen Katholizismus-Forum.

Nachts habe ich meinen Vater häufig vor dem leuchtenden Bildschirm angetroffen. Dann haben wir oft lange gesprochen. Über Linux ebenso wie über seinen Glauben. Ich hatte so viele Fragen. Wollte wissen, wieso er so viele Stunden vor dem Computer verbringt, mit wem er da eigentlich schreibt. Mein Vater erzählte mir, dass er in dem Katholiken-Forum Gleichgesinnte gefunden hat. Ich fand keinen Zugang.

Als mein Vater starb, haben wir überlegt, wen wir informieren sollten und dachten, dass es auch online Menschen gibt, die das erfahren sollten. Da fiel mir ein, dass mein Vater eine Passwortliste auf seinem Computer angelegt hatte. Ich wusste, wonach ich suchen musste. Für mehrere Wochen nach seinem Tod war ich in den Foren unterwegs - bis ich selbst nicht mehr konnte. Ich wurde depressiv, habe mit einer Psychotherapie angefangen.

Ich wollte im Digitalen einen tieferen Sinn finden. Wissen, warum mein Vater so viel mehr Zeit am Computer als mit uns verbracht hat. Aber es gab keinen. Und das hat mich sehr wütend und traurig gemacht. Viele Überschriften seiner Beiträge handelten von meiner Mutter und auch von mir und meiner Erziehung. Diese habe ich nicht gelesen, das war mir zu persönlich. In dem Linux-Forum habe ich gesehen, wie viel Spaß es meinem Vater machte, anderen Menschen zu helfen. Hunderte Stunden damit zu verbringen, anderen bei ihren Computerproblemen zu unterstützen. Stunden, die er nicht mit uns verbracht hat. Seiten, die ich sonst nicht von ihm kannte.

Mein Vater war Messie. Nach seinem Tod mussten wir sehr viel aufräumen. Ordnung schaffen. Ich hätte mir gewünscht, dass mein Vater vor seinem Tod sortiert hätte, was die Nachfahren von seinem digitalen Erbe mitbekommen sollen.

Momentan möchte ich Abstand gewinnen, ich muss mich jetzt um mich selbst kümmern. Wenn ich in ein paar Jahren stabiler bin, werde ich mich wohl noch mal einloggen. Die Profile werden wir online lassen. Diesen Teil des Lebens meines Vaters wollen wir nicht löschen."

Michael, 34, selbstständiger Gastronom: "Ich kann nicht schlafen, ich bin auf seinem Profil"

"Tim* war mein bester Freund - ich wusste, dass er mit einer Darmkrankheit zu kämpfen hatte. Mir war aber nicht klar, wie schlimm es ist. Bis seine Mutter anrief, um zu sagen, dass ich ins Krankenhaus kommen soll. Tim werde sterben. Zwei Wochen vorher hatte ich ihn noch auf einer Party gesehen.

Das ist jetzt drei Jahre her und trotzdem ist Tim immer noch Teil meines Lebens, jeden Tag. Eigentlich immer, wenn ich Facebook öffne, ist er da. Sein Profil wurde nicht gelöscht - ich weiß, dass seine Schwester die Zugangsdaten hat, aber ihn digital weiterleben lassen möchte.

Und so taucht er immer wieder in meinem Feed auf: Zum Beispiel, wenn Facebook mich und seine Freunde an Ereignisse erinnert, die wir zusammen erlebt hatten. Dann trifft sich fast sein ganzer Bekanntenkreis unter dem Posting und spricht über die schöne Zeit. Oder aber ich schaue mir noch mal alle Fotos und Videos an, die er über die Jahre gepostet hat.

Bei einigen Bildern frage ich mich heute, wie es ihm damals wohl wirklich ging, jetzt wo ich weiß, wie groß seine Schmerzen wegen der Krankheit oft waren. Dann schreibe ich einer guten Freundin: 'Ich kann nicht schlafen, ich bin auf seinem Profil.' Oft kommt die Antwort zurück: 'Ich auch.' Manchmal, spät in der Nacht, schreibe ich ihm auch auf Facebook. Sage ihm, wie sehr ich ihn vermisse.

Beruflich plane ich oft Partys, für die ich über Facebook Menschen einlade. Er ist immer mit in der Liste der Vorschläge. Und immer denke ich, wie gerne ich jetzt auf 'Einladen' klicken würde.

Tim war ein unglaublich kreativer und geselliger Mensch. Er war eine Person, die man einfach kannte. Wie viele er in seinem Leben wirklich berührt hat, sah ich nicht nur auf der Beerdigung, auf der so viele Menschen waren, sondern auch auf Facebook. Da lese ich in Kommentaren immer wieder, dass er die Leute einfach mitgezogen hat, mit seiner fröhlichen Art. Zu seinem Todestag wechseln viele aus dem Freundeskreis ihr Profilbild: Dann ist da auf einmal Tim.

Immer wenn eine Erinnerung auf Facebook gepostet wird, bedankt sich seine Familie für die vielen Kommentare. Sie reden dann auch mit, mischen sich digital unter die Freunde und Bekannte. Ich glaube, das ist wichtig für sie. Dieses Stück von Tim doch noch irgendwie zu haben. Die Gemeinschaft, die er geschaffen hat, sie existiert ja immer noch."

Katrin*, 32, Projektmanagerin: "In einem kleinen ruhigen Moment vor der Beerdigung habe ich mich davongestohlen"

"Facebook bringt mich dazu, engeren Kontakt zu meiner Familie zu halten. Immer dann, wenn ich an meine Tante erinnert werde. Sie ist vor gut zwei Jahren in ihrer Wohnung sehr unglücklich gestürzt, dann aufgrund von Komplikationen im Krankenhaus sehr plötzlich gestorben. Für uns als Familie war das natürlich ein riesiger Schock. Für ihre Kinder - meine Cousinen und Cousins - war es noch viel schlimmer als für mich.

Wenn ich Facebook öffne, sehe ich nur selten etwas von meiner Tante. Der Algorithmus spielt alte Beiträge ja nicht mehr aus. Ich gehe eigentlich auch nie auf ihre Seite, um Postings oder Kommentare zu lesen. Ich bin eine, die immer eher nach vorn schaut. Ich kann nicht lange in einer Trauerphase sein.

Aber auf Facebook kann man sein Profil mit anderen Personen verbinden. Angeben, wer etwa der Vater ist - oder wer die Cousinen. Und bei diesen Angaben steht meine Tante immer noch.

Es gibt Momente in meinem Leben, da räume ich etwas auf: Ändere etwas an meinen Informationen auf Facebook oder gehe die Seiten durch, die ich gelikt habe. Dabei sehe ich dann wieder diese Verknüpfung mit meiner Tante. Sehe, dass sie immer noch mit mir verbunden ist. Für mich ist das ein Anlass, an die schönen Zeiten zu denken - aber auch daran, wie schnell alles vorbei sein kann. Darum nutze ich diese Momente immer, um meine Mutter, meine Schwester und vor allem die Kinder meiner Tante anzurufen. Sie zu fragen, wie es ihnen geht.

Als meine Tante beerdigt wurde, bin ich in das kleine Städtchen gereist, in dem sie gelebt hat. Das war zu der Zeit, als alle Welt gerade 'Pokémon Go' gespielt hat. In einem kleinen ruhigen Moment vor der Beerdigung habe ich mich davongestohlen und ein Pokémon gefangen. Diesem habe ich den Namen meiner Tante gegeben und es zu meinem Begleiter gemacht.

Ab dann war das Pokémon stets neben meiner Spielfigur, immer da, mit ihrem Namen. Für mich war das eine Art des Verkraftens. Ich behalte meine Tante auf irgendeine Art und Weise bei mir. Wenn ich "Pokémon Go" heute öffne, sehe ich sie sofort. Dann muss ich grinsen."


* Namen geändert, die echten Namen sind der Redaktion bekannt



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www.detektei-schuett.de 05.08.2018
1. Gewusst wie - digitale Vorsorge
Wie es in dem ersten Satz im Beitrag schon heisst: “Menschen nutzen Smartphones und Computer, sie sind in sozialen Netzwerken aktiv: Wer stirbt, hinterlässt heute viele Daten." Genau so ist es und hier wird noch viel zu wenig digitale Vorsorge betrieben. Wir haben uns auch diesem Thema angenähert, nach dem wir durch unsere Personensuchen und Erbenermittlungen genau auf diese Internetangaben angewiesen waren, um an Informationen zu gelangen, wo mögliche Angehörige und Kontakte zu finden sind. Das Internet gibt es ja auch noch nicht so lange, immer noch ein gewisses Neuland und die ersten Folgeerscheinungen kommen erst jetzt so langsam zum Tragen. Was wenn der Verstorbene Bitcoins hatte oder einen Onlineshop betrieben hat? Wer kennt die Passwörter oder die Accounts die sich über die letzten zwanzig Jahre angesammelt haben? Schwieriges Terrain, für das auch wir uns erst einen Kooperationspartner haben suchen müssen. Oft sind solche Daten gerichtsverwertbar zu sichern, wer macht das und vor allem Dingen, wie geht das? Das sind alles Fragen, die wir in Zukunft noch stärker im Blickpunkt nehmen müssen, wenn erst einmal unsere Generation der Mittfünziger das zeitliche segnet.
manno18 05.08.2018
2. Was der Artikel umschreibt, wie vor einem digitalen Erbe eines jeden
Bürgers heute warnt ist pauschalierter übertriebener dummer Schwachsinn. Wir z.b. nutzen Computer beruflich, wie privat seit Ende der 70 Jahre, haben Hardware selber gebaut, nötige Programme selber programmiert. Per Akustikkoppler - BTX, später Dfü-Modem erste private Daten an Mailboxen verschickt. Als das Internet für jeder Mann weltweit aktiv wurde gehörten wir mit zu den ersten Nutzern. Anfangs in erster Linie auf in Uni-Netzwerke was sich schnell ausbreitete. Heute nutzen wir Computer als Desktop - Laptop - Tablet - Smartphones um uns ins Internet einzuloggen und surfen, wie selbstverständlich global rund um den Globus. Voll Vernetzung ist das Interesse der IT-Industrie, wie Internet Dienstleister welche mit Milliarden Nutzer noch mehr Milliarden Gewinnen machen. Vernetzte soziale Netzwerke sind das Zauberwort und eben darin liegt auch die größte Gefahr. Soziale Netzwerke nutzen vom Nutzer unbemerkt fest einprogrammierte Optionen welche für Nutzer, wie für eine ganze Gesellschaft, wie auch ganze Staaten deren Sicherheit zur Gefahr werden können. Nicht ohne Grund war von uns noch nie jemend registriertes Mitglied eines sozialen Netzwerks - Blogs oder Forum. Was im Netz sonst über uns irgendwo in deren Tiefen an Daten konserviert gespeichert abgelegt liegt interessiert uns nicht im mindesten. Zu vererben, wie erben gäbe es da absolut nichts. Entsprechend sehen für uns keinerlei Notwendigkeit in Richtung Daten löschen - Daten Hinterlassenschaften zu tilgen - eMail Accounts usw. zu tilgen. eMail Accounts welche über lange Zeit ungenutzt dahindümpeln werden vom Anbieter und System überprüft und evt. automatisch deaktiviert.
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