Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umgangsformen online: Trollt euch, Trolle!

Von

Das wollte sich Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff nicht bieten lassen: Ein E-Mail-Schreiber nannte ihn einen "arroganten, ignoranten Schreihals". Ringstorff klagte wegen Beleidigung. Hoffentlich macht das keine Schule - weder das eine noch das andere.

Internet-üblich oder nicht: Harald Ringstorff will sich nicht beschimpfen lassen
DPA

Internet-üblich oder nicht: Harald Ringstorff will sich nicht beschimpfen lassen

Der Mann zeigt sich reuig, aber missverstanden: Seit Montag steht ein 36-Jähriger vor dem Amtsgericht Schwerin, weil ihn die Lektüre eines Beitrages auf der Webseite der Landesregierung "so erregt" habe. Da seien ihm dann halt die Pferde durchgegangen, und flugs hämmerte er eine spontane, seiner Aussage nach als "Anregung zur politischen Diskussion" gedachte E-Mail in den Rechner.

Einen Klick später wusste Ministerpräsident Harald Ringstorff, dass er von zumindest einem Teil der Zielgruppe als "arroganter, ignoranter Schreihals" wahrgenommen wurde und wenig später der Briefschreiber, dass er sich da womöglich im Ton vergriffen hatte. Denn die Klage wegen Beleidigung folgte auf dem Fuße.

Man kann das verstehen. Beide beteiligten Parteien folgen tradierten Verhaltensmustern. Der E-Mail-Schreiber ließ Dampf ab, wahrscheinlich im vollen Vertrauen darauf, dass das sowieso niemand liest. Der Ministerpräsident reagierte so, wie Ministerpräsidenten reagieren, wenn man sie "arroganter, ignoranter Schreihals" nennt.

So ist das: Der Troll weiß nichts vom wahren Leben, vergisst normale Umgangsformen, sobald er in "Cyberia" unterwegs ist, und der Ministerpräsident kennt sich mit Trollen nicht aus.

Der Troll, ein schwer erträgliches Wesen

Das Wort Troll, weiß im Gegensatz zu etablierten Lexika das Internet-Lexikon Wikipedia, bezeichnet

  • "eine mythische, zwergenartige Figur, siehe Troll (Mythologie)
  • eine Person, die in Foren andere Teilnehmer provoziert, siehe Troll (Internet) "
Dort erfährt man dann Folgendes: "Im Internet werden Menschen als Troll bezeichnet, wenn sie Nachrichten verschicken, die kontroverse Diskussionen auslösen oder wütende Antworten provozieren (sollen). Meist geschieht dies absichtlich. Ihr Ziel ist es, Diskussionen um ihrer selbst willen auszulösen oder zu betreiben, jene, die anderer Meinung sind zu diskreditieren oder eine Diskussion zu sabotieren, indem eine vergiftete Atmosphäre geschaffen wird."

Orks und Trolle beim Angriff: Furchterregendes Pack
DPA

Orks und Trolle beim Angriff: Furchterregendes Pack

So kann man das beschreiben. Jeder Betreiber einer Website weiß, dass es zudem entweder eine Unterart des Internet-Trolls gibt, der sich auf das Schreiben von E-Mails spezialisiert hat; oder aber einfach immer mehr E-Mail-Schreiber glauben, den "Lärm" in den Postfächern durch eine möglichst explizite Sprache übertönen zu müssen.

Aus einem Leserbrief an SPIEGEL ONLINE:
"Pack wie Sie ist das wahre Übel dieser Tage. Sie verköpern (sic) eine Generation ausschließlich der Auflagensteigerung verpflichten (sic) Bande heuchlerischer Demagogen. Jeder, der in der Folge eines Verbrechens einen Ihrer Zeigefinger erblickt, kann sich sicher sein, dass der andere Zeigefinger in Ihrem Arschloch steckt und Sie sich angesichts der einmal mehr von Ihnen durchs Dorf gejagten Sau munter einen abwichsen."

Mehrere Aspekte dieser authentischen Mail sind typisch für Troll-Zuschriften: Auf der einen Seite verrät der Schreiber der Zeilen durch Duktus und Grammatik seine generelle Befähigung zu einem gehobenen Sprachgebrauch. Auf der anderen Seite häufen sich in solchen oft harmlos bis höflich beginnenden, sich in ihrer Aggressivität dann aber stetig steigernden Zuschriften einerseits die Fehler, andererseits die "Kraftausdrücke": Man könnte das als Indiz für eine stetig hochkochende Wut werten, die der Schreiber immer weniger gut unter Kontrolle zu halten in der Lage ist. Im Klartext: Irgendwann sitzt der Troll geifernd vor dem Rechner und genießt es, sprachlich Gewalt auszuüben.

Das obige Beispiel mag fast klagewürdig beleidigend sein, der Schreiber setzt sich aber zumindest noch in irgendeiner Form mit Inhalten auseinander: Seine Beschimpfungen sind ein Protest gegen Haltungen, die er in einem Artikel zu finden glaubte. Weit häufiger sind Troll-Mails, die sich eine Veröffentlichung wirklich nur zum Anlass nehmen, um eigene Anschauungen an den Mann zu bringen (wenn man das so nennen will):

"Die Vorgensweise von Spiegel Online verdeutlicht einmal mehr, welch kranke Gesinnung das institutionalisierte Fötsentum besitzt. Kaum taucht einmal eine Fötse auf, die ohne Anleitung den Netzschalter eines Computers findet, gerät die Fötsenmafia in Verzückung und schert sich einen Scheißdreck darum, was die Fötse überhaupt treibt. Denn erst kommt die Fötse, dann kommt das Gesetz."

Nur zur Erläuterung: Die obige Mail wirft SPIEGEL ONLINE eine angeblich ungerechtfertigt frauenfreundliche Grundhaltung vor.

Nun weiß man eigentlich, dass es wenig Sinn hat, sich verbal mit Menschen auseinander zu setzen, die mentalitätsmäßig mit Pitbulls verwandt sind. Das aber gilt online durchaus nicht immer. Immer dann, wenn die Frustschwelle durch das Stakkato von Beschimpfungen, Pöbeleien und - selten, aber auch das kommt vor - physischen Drohungen bis hin zur Morddrohung überschritten ist, leisten sich Internet-aktive Menschen wie Onlinejournalisten oder Ministerpräsidenten eine Replik.

Der Politiker serviert diese per Anwalt. Der Onlineredakteur schreibt folgende Zeile in den "Body" eines E-Mail-Formulars:

"Vielen Dank für Ihre konstruktive Kritik!"

Film-Troll Shrek: Das zunächst grässliche Monstrum entpuppt sich als (relativ) netter Kerl
UIP

Film-Troll Shrek: Das zunächst grässliche Monstrum entpuppt sich als (relativ) netter Kerl

Dann geht er in ein, zwei Sätzen auf die zwischen den diversen analsprachlichen Finessen verborgenen Inhalte der Troll-Mail ein. Er schließt mit dem versöhnlichen Satz, dass er es vorziehen würde, wenn die weitere Kommunikation auf einem anderen sprachlichen Niveau geführt werden könnte.

Manchmal verhallen solche Repliken, verschwinden irgendwo im digitalen Nirvana einer eigens für Beschimpfungen angemeldeten falschen E-Mail-Adresse. Häufiger aber folgt schnell eine Antwort, und die klingt typischerweise so:

"o sorry,
ahnt man ja nicht, dass so was einer liest!"

Das versöhnt gemeinhin den gerade noch tief verletzten Troll-Mail-Empfänger, der sich unversehens in einer durchaus fruchtbaren Diskussion mit einem Troll wieder findet. Schnell hat er ja auch begriffen, dass es immer wieder die gleichen Reizthemen sind, die Trollmail-Wellen en Masse auslösen. Hundertprozentig verlässlich sind in dieser Hinsicht die Reizthemen "PC-Spiele und Gewalt" (siehe oben) und - mehr noch - jede Erwähnung des Wörtchens "Apple" (egal, ob positiv oder negativ). Da kann eine ganz pragmatische Meldung zu guten Verkaufszahlen des iPod einen Apple-Troll beispielsweise zu folgender E-Mail inspirieren:

"Sie Arschloch, Sie haben das Produkt nicht genügend gelobt"

Auch in dieser (ebenfalls authentischen) Mail ist ein kunstvoller Spannungsaufbau zu beobachten, der sich aus der Diskrepanz von Analsprache und Höflichkeitsformen, gepaart mit argumentativer Hirnlosigkeit ergibt. In aller Regel wollen solche Trolle nur deutlich auf Aspekte verweisen, die ihnen in den Texten, auf die sie reagieren, fehlten.

So wie der Leserbriefschreiber aus Mecklenburg-Vorpommern? Der hatte sich über einen Text über die "positive Bilanz der Regierungszeit Ringstorffs bis 2002" erregt - wohl wegen fehlender "mea culpa"-Selbstgeißelungen, die ja auf keiner politischen Parteiwerbungsseite fehlen sollten. Mit Internet-typischer Deutlichkeit machte er Ministerpräsident Ringstorff darauf seine Meinung klar - wohl ohne zu ahnen, dass das Konsequenzen haben könnte: Wenn jedesmal geklagt würde, wenn jemand im Web herumtrollt, wäre es bald recht einsam in den unendlichen Weiten von Cyberia.

Denn was soll's, Schwamm drüber: Eigentlich (siehe oben) ist ja alles nicht so gemeint. Im Web schreibt man nun mal so, das ist halt rau, aber herzlos. Das muss man abkönnen: Wer wird denn da gleich heulen (oder klagen)?

Und trotzdem, spätestens an der Beantwortung einer Frage scheitert auch noch der toleranteste Geist: Warum zum Deibel schreiben Menschen E-Mails, wenn sie fest daran glauben, dass diese ungelesen vernichtet werden? Wo ist der Troll, der das erklären kann?

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: