Umsonst-Videos Analysten zweifeln an YouTube

Mit schrägen, selbstgemachten Videos hat sich YouTube schnell im Netz einen Namen gemacht. Den Machern der Seite fehlt jedoch noch ein Konzept, um den Video-Hype in klingende Münze umzuwandeln. Lässt sich mit YouTube überhaupt Geld verdienen?


Beim Magazin "Wired", Leitblatt der Netzkultur, glaubt man fest an die Macht des Netzvolks und an den Erfolg von Videos im Internet. Am Donnerstag erst benannte die Redaktion sechs neue Trends, die die Welt verändern sollen. Darunter neben den Community-Sites und den Videos auch die allumfassende Individualisierung von Produkten und ihre Umweltverträglichkeit.

Videoplattform YouTube: Spaß mit Clips aus dem Netz

Videoplattform YouTube: Spaß mit Clips aus dem Netz

Es überrascht wenig, dass man bei "Wired" so fest an den Erfolg von Konzepten glaubt, die landläufig unter Web 2.0 zusammengefasst werden. Schließlich sieht sich das Magazin ja selbst als Teil der Bewegung.

User generated Content lautet das Erfolgsrezept - das hört man nicht nur bei "Wired". In der Tat gibt es überzeugende Beispiele dafür, wie Communities nicht nur erfolgreich sind - siehe Wikipedia -, sondern Websitebetreiber auch reich machen können.

Wie etwa den Buchhändler Amazon. Das wertvollste an der Seite dürften mittlerweile die Tausenden Buchbesprechungen der Amazon-Kunden sein. Inhalte, die Amazon quasi geschenkt bekommen hat und die wiederum andere Kunden beim Auswählen von Büchern genau studieren.

Wenn es um erfolgreiche Webseiten geht, deren Inhalte komplett von einer engagierten Community kommen, wird auch immer wieder das Videoportal YouTube genannt. Von genialen Mash-ups, absurden Werbeclips bis zu aufwendig produzierten Homevideos findet sich alles auf dieser Seite.

Wer gerade mal ein paar Minuten Zeit totschlagen will - die Seite eignet sich perfekt dafür. Man zappt von Clip zu Clip - und merkt, dass das viel mehr Spaß macht als das Umschalten am Fernseher.

Star der Community

Die Community liebt YouTube, der Marktanteil im Bereich Video-Sharing soll 40 Prozent betragen - doch die Analysten von IDC Research sehen die erst im Dezember offizielle gestartete Plattform mit einer gewissen Skepsis. Nicht nur, dass das Streamen der Videos hohe Serverkosten verursacht - bislang ist der Zugriff auf die Filme gratis.

Vor allem vermissen die Analysten ein schlüssiges Geschäftsmodell, um mit Videoplattformen wie YouTube Geld zu verdienen. Josh Martin von IDC erklärte gegenüber Cnet, YouTube müsse sich gewaltig ändern, um finanziell erfolgreich zu werden. "Die schwierige Aufgabe besteht darin, Gewohnheiten der eigenen Zuschauer zu verändern, die die Plattform groß gemacht haben."

Der typische YouTube-Nutzer werde kaum gewillt sein, kostenpflichtige Premium-Abos abzuschließen. Auch eine Finanzierung über Werbung sei keineswegs eine sichere Sache, sagte Martin. Sollte die Plattform den Videos Werbeclips voranstellen, wie mittlerweile auf vielen kommerziellen Seiten üblich, dann könnten verärgerte Nutzer schnell zu anderen Plattformen abwandern.

Zudem sei YouTube für viele Unternehmen nicht das Umfeld, in dem diese werben wollten. Fragwürdige Filme über Haiangriffe, kleine Unfälle zu Hause oder um Aufmerksamkeit heischende Hobby-Musiker sorgten mitunter für ein schlechtes Image in der Werbebranche.

Ergeht es YouTube wie einst Napster?

Auch Urheberrechtsstreitigkeiten könnten der Mash-up-Kultur, dem wilden Zusammenschneiden von Videoschnipseln, schaden. Plattenfirmen erwägen, gegen Videos vorzugehen, in denen Musik aus ihrem Katalog verwendet wird. Ohne Genehmigung gezeigte Ausschnitte aus Filmen wie "Saturday Night Fever", waren bereits Gegenstand einer Klage gegen YouTube.

Martin vergleicht den Wandel, vor dem YouTube steht, mit dem von Napster, als aus der einstigen MP3-Tauschbörse ein Bezahldienst wurde. "Ende der Neunziger hatte Napster einen ähnlichen Kultstatus wie YouTube", sagte er Cnet. Doch damit sei es schnell vorbei gewesen, als die Seite zum seriösen Anbieter mutierte.

Martin mag mit seinen Bedenken durchaus Recht haben. Er unterschlägt allerdings, dass YouTube ja nicht unbedingt eine große Gelddruckmaschine werden muss. Die Plattform könnte prinzipiell auch existieren, solange die Kosten des Betriebs über Werbung auf der Seite abgedeckt sind. Es geht sogar noch ganz anders, wie der Fall Wikipedia zeigt: Die Online-Enzyklopädie verzichtet bislang auf Werbung und setzt ausschließlich auf Spenden und Sponsoren.

hda/Cnet



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.