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(Un-) Sitten: Knigge-Rat veröffentlicht Benimmregeln für Facebook und Co.

Das Internet ist ein ziemlich raues Pflaster: Da wird geduzt, beschimpft und getrollt, dass sich jedem gesitteten Menschen die Fußnägel aufrollen. Genug davon, meint nun der Knigge-Rat, Höflichkeit müsse auch in der Web-Kommunikation ihren Platz haben.

Küss die Hand, Madame: Kommunikation kann so angenehm sein, wenn sie gesittet verläuft Zur Großansicht
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Küss die Hand, Madame: Kommunikation kann so angenehm sein, wenn sie gesittet verläuft

Bonn - Darauf hat die Web-Welt gewartet: Der Knigge-Rat in Bonn hat sich vorgenommen, den kommunikativen Unsitten der sozialen Netzwerke endlich verbindliche Höflichkeitsregeln für die digitale Kommunikation entgegen zu stellen. Schließlich, erklärt Rainer Wälde, Leiter des Deutschen Knigge-Rats, auf der Web-Seite des Anstandsgremiums, übernähmen ja gerade die sozialen Netzwerke im Web für den postmodernen Menschen "die Funktion der Dorflinde, unter der sich früher die Bewohner zum täglichen Austausch getroffen haben."

Ein schönes, treffendes Bild: Da wurde dann ja auch nicht geflucht und geduzt und gezetert an der Grenze zur Strafbarkeit. Nein, anständige Menschen pflegten seit Höhlenzeiten stets Umgangsformen, die das Zusammenleben größerer Gruppen erst ermöglichten.

Sowas, hatte in einem Interview mit der "Welt" kürzlich auch Ilse Aigner, Ministerin für Verbraucher, Landwirtschaft und zunehmend auch Internet, gefordert, brauche auch eben dieses Web, diese moderne Höhle: "Einen Ehrenkodex, eine Art Knigge für das Internet, zehn goldene Regeln - kurz, knapp und klar."

Was nicht ganz geklappt hat, obwohl der Knigge-Rat die ministerielle Steilvorlage natürlich gern aufnahm: Am Ende kamen zwar zehn Gebote dabei heraus, die aber mussten noch durch zwei Zusatz-Regeln für das Geschäftsleben ergänzt werden. Das ist immerhin deutlich konziser, wenn auch weniger umfassend als die 101 Leitlinien für die digitale Welt, die die Creation Centers der Telekom Laboratories Ende Juni vorstellten. Die enthalten dann aber auch wirklich nützliche Kleinodien wie "Nur R2D2 darf eine Beziehung digital beenden".

Und so liest sich das beim deutschen Knigge-Rat:

Knigge-Rat: "Stilvolle Kontaktpflege durch soziale Medien"
1. Wählen Sie Ihre favorisierten Netzwerke sorgsam aus
"Überlegen Sie kritisch, welche Netzwerke für Sie geeignet sind. Kriterien sind Kosten, Datenschutzbestimmungen, Popularität und Image des Netzwerks, Funktionen und Angebote sowie Ihr persönlicher Nutzen durch den Beitritt. Entscheidend ist, ob Sie die Plattform beruflich oder privat nutzen möchten. Vermeiden Sie eine Mischung aus beiden Bereichen und die Freigabe allzu vertraulicher Informationen."
2. Bleiben Sie authentisch
"Bauen Sie keine fiktive Identität auf. Nicht nur Freunde, auch potentielle Geschäftspartner und Arbeitgeber recherchieren im Internet. Ihre Glaubwürdigkeit und Reputation leiden, wenn das Gesamtbild nicht stimmig ist. Hilfreich ist es zum Beispiel, wenn Sie in allen Netzwerken das gleiche Foto verwenden.

Vermeiden Sie es außerdem, innerhalb eines Netzwerkes mit zwei Profilen zu agieren. Das stiftet Verwirrung."
3. Meiden Sie plumpe Vertraulichkeiten
"Überlegen Sie sich vorab, welche Kontakte Sie über welches Netzwerk pflegen möchten. Ihre Kunden sind nicht unbedingt Ihre 'Freunde' und empfinden diese Bezeichnung vielleicht als unpassend oder zu intim. Prüfen Sie außerdem Ihre individuellen Sicherheitseinstellungen sorgfältig. Manch ein Nutzer ist verwundert, dass seine Party- und Bikinifotos vom letzten Urlaub ungeschützt und für jeden zugänglich sind."
4. Lehnen Sie unerwünschte Anfragen ab
"Haben Sie keine Scheu davor, unerwünschte Kontaktanfragen abzulehnen. Eine taktvolle Rückmeldung, dass Sie nur persönlich bekannte Personen als Freunde bestätigen, vermeidet Missverständnisse und gehört zum guten Ton. Vorsicht ist insbesondere vor jenen geboten, die virtuelle Kontakte wie Trophäen sammeln. Dies ist kein Zeichen von Qualität sondern eher für Oberflächlichkeit und Geltungssucht."
5. Belästigen Sie Ihre Kontakte nicht
"Belästigen Sie Ihre 'Freunde' nicht mit nervenden Spielen und Anwendungen. Wenn Sie Ihre Kommunikation nur auf spielerische Anfragen beschränken, werden Sie schnell ignoriert."
6. Bleiben Sie freundlich
"Wahren Sie die Formen der Höflichkeit. Auch wenn alle Netzwerk-Partner als „Freunde“ angezeigt werden, kommt ein unvermitteltes Duzen zwischen Geschäftspartnern nicht stilvoll an. Eine korrekte Anrede und ein höflicher Abschiedsgruß gehören bei Kontaktanfragen dazu und steigern Ihre Chancen, akzeptiert zu werden."
7. Reagieren Sie humorvoll
"Löschen Sie keine unbequemen Einträge von Ihrer Pinwand, denn Zensuren sind den meisten Menschen suspekt. Reagieren Sie humorvoll statt verbissen. Entscheidend ist nicht der Eintrag, sondern Ihre Reaktion."
8. Halten Sie den Dialog lebendig
"Überprüfen Sie regelmäßig Ihre Nachrichten und kommunizieren Sie mindestens einmal pro Woche mit Ihren Netzwerk-Partnern. Nur wenn Sie direkt auf Einträge reagieren, bleibt der Dialog lebendig."
9. Behalten Sie den Weitblick
"Überlegen Sie vor jedem Eintrag, ob er auch später noch gut für Ihre Reputation ist. Das Internet vergisst nie. Stellen Sie sich die Frage: Möchte ich, dass meine Meldung auch in zwei Jahren gefunden und gelesen werden kann? Achten Sie auf Ihre 'innere Stimme' und löschen Sie lieber direkt impulsive Einträge, die Ihnen selbst oder anderen schaden könnten. Bedenken Sie, dass etliche Firmen die Netzwerk-Einträge potentieller Bewerber prüfen."
10. Schließen Sie Trolle aus
"Lassen Sie sich nicht von unangenehmen Zeitgenossen zu unüberlegten Reaktionen verleiten. Die sogenannten 'Trolle' sind nicht am eigentlichen Thema interessiert, sondern wollen nur Menschen in Misskredit bringen oder Diskussionen sabotieren. Blockieren Sie diese Personen in ihrer Kontaktliste."
1. Zusatzregel für das Geschäftsleben: Geben Sie Empfehlungen
"Nutzen Sie Ihr Netzwerk, um kurz über interessante Filme, Bücher oder Produkte zu schreiben. Wie im realen Leben dürfen Sie zwischendurch auch mal auf eigene Projekte hinweisen. Die Abwechslung ist entscheidend."
2. Zusatzregel für das Geschäftsleben: Aufdringliche Werbung ist tabu
"Belasten Sie 'Freundschaften' nicht mit aggressiver Werbung. Wenn Sie nur verkaufen wollen, werden Sie schnell ignoriert. Denken Sie langfristig und vermeiden Sie es, als 'nervender Nachbar' ausgegrenzt zu werden."

Quelle: Knigge-Rat

Damit hat das seltsamerweise "sozial" genannte Social Web (Facebook, StudiVZ etc.) fast drei Jahrzehnte nach Formulierung der ersten Netiquette und fünfzehn Jahre, nachdem diese von der Internet Engineering Task Force IETF, die zahlreiche Standards des Web-Datenverkehrs formuliert und überwacht, als eigener Benimmregeln-Katalog festgeschrieben wurde, eine eigene Etikette bekommen. Warum auch nicht? Denn auch das hat die Geschichte der Netiquette, die bis zum Anfang der achtziger Jahre zurückreicht, ja eindrucksvoll gezeigt: Der Bedarf wird allgemein anerkannt, aber kein Schwein hält sich dran.

Auch in den Netzwerken des Internets aber sollte nach Ansicht der Knigge-Experten auf höfliche Umgangsformen und einen respektvollen Ton geachtet werden. Die virtuelle Welt dürfe "kein Freibrief für Gleichmacherei", sein, erklärte der Deutsche Knigge-Rat am Montag in Bonn.

Ein Freund, ein echter Freund...

In sozialen Netzwerken gehe das Gespür für reale Beziehungsgeflechte häufig verloren, kritisierte der Knigge-Rat. Wenn sich wie beispielsweise auf Facebook alle Teilnehmer als Freunde bezeichnen müssten, dann missachte dies die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen und Umgangsformen bis hin zu Respekt, Achtung und Zurückhaltung, erklärte dessen Leiter Rainer Wälde. Schließlich sei im realen Leben der Umgang mit Bekannten, Verwandten, Lehrern, Chefs oder Kollegen ein anderer als unter Freunden. Einen Geschäftspartner oder Vorgesetzten als "Freund" anzusprechen, könne dieser mit Recht als ungehörigen Übergriff auf seine Person empfinden.

In seinem Zwölf-Punkte-Kodex empfiehlt der Knigge-Rat unter anderem, Privates und Berufliches nicht zu vermischen und keine allzu vertraulichen Informationen preiszugeben. Plumpe Vertraulichkeiten gegenüber einer Respektsperson oder fiktive Identitäten seien ebenfalls tabu. "Nicht nur Freunde, sondern auch Geschäftspartner recherchieren im Internet", erklärte Wälde. "Wer vorgibt, jemand zu sein, der er gar nicht ist, wird in der Realität schnell entlarvt. Seine Glaubwürdigkeit ist dahin." Auch Personalverantwortliche in Firmen verglichen Bewerberunterlagen mit Netzwerkeinträgen.

Immer höflich bleiben!

Zudem sollte immer Zeit für eine korrekte Anrede und einen höflichen Abschiedsgruß sein, fordern die Benimm-Experten. Das allerdings würde die Qualität online geführter Debatten deutlich erhöhen: "Sehr geehrter Herr Terminator321, Ihr letztes Troll-Posting vom Dienstag, in dem Sie mir mitteilten, Sie wüssten, wo mein Auto steht...". Wie heißt es doch so schön? Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.

Vorsicht sei auch bei jenen Nutzern angebracht, die möglichst viele Kontakte auf ihrer Liste vorweisen (Ashton Kutcher, Barack Obama?). Dies sei "kein Zeichen von Qualität, sondern eher für Oberflächlichkeit und Geltungssucht", hob Wälde hervor. Der Knigge für die Internet-Kommunikation rät in einem solchen Fall, die Aufnahme in die Liste höflich abzulehnen.

Grundsätzlich sollte jeder sich kritisch damit auseinandersetzen, welche Netzwerke für ihn geeignet sind und welche nicht, erklärte der Knigge-Rat. Kriterien seien unter anderem Kosten, Datenschutzbestimmungen, Image des Netzwerks sowie der persönliche Nutzen.

Ob aber künftig auch Marketingmanager deutscher Großunternehmen oder Beamte des Finanzministeriums sich in ihren "Ich liebe Klingonisch"- oder "Ich hab ein Arschbacken-Tattoo"-Fangruppen mit ihrem Schlips-bewährten Bewerbungsfoto, ansonsten aber freundlich-verbindlich und anspruchsvolle Literaturtipps verbreitend darstellen werden, wird erst die Praxis zeigen.

Aber ganz so ernst muss und darf man solche Dinge eben auch nicht nehmen: Es gibt zahllose völlig legitime Kontexte im Internet, in denen man sehr gut beraten ist, den Empfehlungen des Knigge-Rats eben nicht zu folgen. Gerade Kinder und Jugendliche sollten so weit wie möglich vermeiden, außerhalb der ihnen direkt bekannten Peer-Group Angaben zu machen, die Rückschlüsse auf ihre wahre Identität und Adresse zulassen.

pat/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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1. Nettiquette
Reflektionen 02.08.2010
Offensichtlich kennt der Knigge-Rat nur Facebook und Xing. Die Ratschläge sind knöchern und zeugen von großen Wissenslücken, wenn es um das Internet und vor allem um Social Media geht. Die Knigge Tipps könnte man bestenfalls mit "Social Media Anfängertipps für Höhlenmenschen" überaschreiben.
2.
Mr Bounz 02.08.2010
Menschen die einem verbieten wollen das man "Gesundheit" sagt sind für mich schon in der "echten" Welt nicht ernst zu nehmen. So jemanden braucht man in der online Welt erst recht nicht. Schönen Tag, MrBounz
3. .
jhartmann, 02.08.2010
Auch von Knigge hat der Rat, der dessen Namen missbraucht, keine Ahnung.
4.
Osis, 02.08.2010
Da hatte wohl mal wer wieder Langweile. Jedes Jahr kommt irgendein Unfug.
5. bischen zu spät
meinemeinung2.0 02.08.2010
oder besser spät als nie. wir befassen uns mit dem thema schon etwas länger und eigentlich lautet bei so was die überschrift, "einfach mal nachdenken". für alle die mal wissen wollen was so geht: http://www.webnkigge.net
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