Uno-Informationsgipfel: Der Web-Erfinder strickt am Netz der Zukunft

Von , Genf

Während auf dem Uno-Informationsgipfel nun drei Tage lang verhandelt wird, wie die weltweite Informationsgesellschaft organisiert werden kann, arbeiten Visionäre schon an den Netzen von morgen und übermorgen. Web-Erfinder Tim Berners-Lee stellte seine Pläne jetzt in Genf vor.

WWW-Erfinder Tim Berners-Lee: Trennt Technik von Politik
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WWW-Erfinder Tim Berners-Lee: Trennt Technik von Politik

Für den Mann im grauen Anzug ist es ein Heimspiel der besonderen Art. "Es ist gut, zurück zu sein!", ruft Tim Berners-Lee hinter seinem Apple-Laptop stehend in die steil ansteigenden Ränge des großen Sitzungssaals im Europäischen Forschungszentrum für Teilchenphysik (CERN) in Genf. Berners-Lee ist für eine zweitägige Konferenz zur Rolle der Wissenschaft in der Informationsgesellschaft an den Ort seines größten Triumphs zurückgekehrt. Denn hier hatte er das World Wide Web (WWW) erfunden.

Genau genommen fing alles mit der Software "Enquire" an, die Berners-Lee im Jahr 1980 schrieb. Damals war der Brite mit einem Sechs-Monatsvertrag ans CERN gekommen. In seinem Büro am Stadtrand von Genf, kurz vor der schweizerisch-französischen Grenze, tüftelte er an einem Programm, das die Informationen auf seinem Schreibtisch und aus seiner Abteilung zusammenhalten und organisieren konnte.

Der Chef war nicht sofort vom Web begeistert

Seine Vision dabei: Der einfache Zugriff auf einen einheitlichen Raum von Informationen, die auch auf verschiedenen Rechnersystemen verstreut sein konnten. Und um dieser Vision näher zu kommen, schlug er seinen Vorgesetzten 1989 die Entwicklung eines Informationsnetzwerks vor.

Auch wenn die nicht sofort Feuer und Flamme waren, machte sich Berners-Lee an die Arbeit. Er entwickelte eine Sprache zur Beschreibung der Dokumente, die Hypertext Markup Language (HTML), schrieb ein Programm, um diese Seiten auf einem NeXT-Rechner anzuzeigen und kümmerte sich außerdem um den ersten Webserver, der unter der Adresse info.cern.ch ans Netz ging.

Was danach kam, ist Geschichte. "Am Anfang war das Web nicht einfach zu benutzen", sagt Berners-Lee. Deswegen

hätten sich viele CERN-Kollegen zunächst vor dem neuen System gesperrt, danach hätten sie es mehr oder weniger zähneknirschend benutzt und schließlich seien sie hellauf begeistert gewesen. Bei einem großen Teil vom Rest der Welt verhielt es sich ähnlich. Binnen zehn Jahren revolutionierte das Web Berufs- und Privatleben von Millionen Menschen weltweit.

Berners-Lee, der aus seiner Entwicklung kein Kapital schlagen wollte, wechselte im Sommer 1994 an die Spitze des World Wide Web Committee (W3C) und zog ans Massachusetts Institute of Technology (MIT). Beim W3C erarbeiten Experten die Standards für das Web. Sie werden als Empfehlungen veröffentlicht und gelten deswegen nur für den, der sich auch daran halten will.

Maschinen sollen Inhalte erfassen

Seit einiger Zeit kümmern sich die Experten vom W3C nun um Berners-Lees jüngstes Baby, das Semantic Web. Es soll in Zukunft vor allem das Suchen im Netz einfacher machen. Die Idee dabei: Die Computer, auf denen Daten gespeichert sind, sollen eines Tages wissen, um was für Daten es sich handelt.

Dabei helfen ihnen verschiedene Beschreibungssprachen, die Informationen so aufbereiten, dass sie die Maschinen verstehen. Statt auf neuer Hardware ist das Netz der Zukunft also eher auf eine neue Schicht von Software angewiesen, die solche Beschreibungssprachen interpretieren kann.

"Das Semantic Web soll bislang ungeahnte Verbindungen zwischen verschiedenen Anwendungen ermöglichen", wirbt Berners-Lee vor den Konferenzgästen in Genf. Wenn er wild mit den Armen wirbelt, um zu zeigen, wie groß die Datenmengen sind, die dabei verbunden werden, scheint

er fast zu fliegen und seine Augen leuchten. Schon in wenigen Jahren könne es für ernsthafte Unternehmen quasi eine Verpflichtung sein, ihre Angebote im Semantic Web zu positionieren, sagt er. So, wie es heute schon im Web sei.

Kaum Visonen für den Gipfel

Doch wer neben den technischen Plänen für das Semantic Web von Tim Berners-Lee weitergehende Visionen für die Zukunft der Informationsgesellschaft erwartet, der bekommt eher wenig konkretes zu hören. Zu den drängendsten Fragen des Uno-Informationsgipfels will er sich kaum äußern. "Ich werde nicht vorhersagen, was der Gipfel bringt", sagt er freundlich aber bestimmt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Der Web-Erfinder ist weniger Prophet als Pragmatiker. Viele der Fragen, die ab Mittwoch in Genf besprochen würden, hätten nicht in erster Linie mit dem Internet zu tun, so Berners-Lee. Natürlich sei es sehr wichtig, die digitale Kluft zwischen reichen Staaten im Norden und armen Staaten im Süden zu überwinden. Doch wie genau das geschehen könne, das müssten Politiker klären - und weniger die Entwickler des Netzes.

Berners-Lee in Genf: Star der Web-Szene
C. Seidler

Berners-Lee in Genf: Star der Web-Szene

Ebenso die Lage bei der Förderung von Open Source Software und die Auslegung von Copyright-Regeln. Außer gut gemeinten Allgemeinplätzen ist von Berners-Lee wenig zu hören. Open Source sei gut, kommerzielle Software müsse aber auch ihren Platz haben. Und so weiter. Dabei hat das W3C unlängst deutlich direktere Töne angeschlagen. In einem Papier heißt es, kostenpflichtige Standards oder Patente sollten in keinem offiziellen Vorschlag des Committees eingesetzt werden.

An den eigentlichen Verhandlungen des Informationsgipfels wird Berners-Lees noch nicht einmal teilnehmen. Er überlässt das Feld einer Kollegin vom W3C und beschränkt sich aller Voraussicht nach auf einen eher symbolischen Akt: Zusammen mit UN-Generalsekretär Kofi Annan will er von einem Messestand aus E-Mails an Schulen in der ganzen Welt senden.

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