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Unter Druck: Revolution im Auftrag ihrer Majestät

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Mit einem revolutionären Projekt präsentiert die BBC "ein Modell für den öffentlichen Rundfunk des 21. Jahrhunderts". Ab sofort dürfen Privatpersonen Nachrichten, Sport, Wetterinfos und andere Daten übernehmen, sie verändern und beliebig mit anderen Inhalten kombinieren. Kostenlos.

BBC-Zentrale London: Es brodelt
AFP

BBC-Zentrale London: Es brodelt

Als im vergangenen Sommer der Medienmanager Phil Graf seinen Report über die Internetaktivitäten der British Broadcasting Corporation (BBC) vorlegte, war die Stimmung bei der größten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt der Welt ohnehin schon mies. Nach der Affäre um den hatte eine Untersuchungskommission um Richter Brian Hutton dem Sender Schlampigkeit vorgeworfen, Vorstandschef Gavyn Davies musste seinen Hut nehmen.

Und nun dies: Die Graf-Kommission, die sich mit dem Webauftritt der BBC beschäftigt hatte, übte offen Kritik - und empfahl, Teile des Angebotes möglichst schnell dicht zu machen.

Die Antwort der BBC auf den Graf-Report ließ nicht lange auf sich warten: Mindestens ein halbes Dutzend Seiten verschwanden flugs aus dem Netz. Außerdem gab es ein 29-seitiges Antwortschreiben - mit einem interessanten Zugeständnis: Jeder User solle fürderhin Zugang zu den Informations-Ressourcen des Sendernetzwerkes haben - und sie für seine Zwecke einsetzen dürfen: "Die BBC wird sich darum bemühen, offene Standards zu nutzen, die es Usern ermöglichen, BBC-Inhalte zu finden und in flexiblen Formen neu zu nutzen".

Die "alte Tante" hält Wort

Mit einem revolutionären Projekt löst die BBC dieses Versprechen nun ein. "Backstage.BBC.co.uk" heißt das ganze - und ist, nach Ansicht von Projektleiter Ben Metcalfe, nicht weniger als "ein Modell für den öffentlichen Rundfunk des 21. Jahrhunderts". Die BBC lässt ihre Gebührenzahler aus dem Vollen schöpfen: Interessierte Privatpersonen können ab sofort kostenlos Nachrichten, Sport, Wetterinfos und zahlreiche andere Daten für ihre Internetangebote übernehmen, sie verändern und beliebig mit anderen Inhalten kombinieren.

BBC News Online: Nachrichten zur freien Verfügung der User

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Eine Revolution im Auftrag ihrer Majestät - für vorerst sechs Monate, dann kommt das Vorhaben auf den Prüfstand. "Benutzt unser Zeug, um Euer Zeug zu machen", heißt es keck in der Eigenwerbung des Projekts. Bald soll das Daten-Angebot sogar noch erweitert werden: Der Sender will auch die so genannten APIs, also die Schnittstellen zu seinen Datenbanken freigeben. Andere Web-Größen wie Google, Yahoo oder Amazon haben dies bereits getan - und privaten Webseitenbesitzern ermöglicht, die Dienste besser in ihre Angebote zu integrieren.

Klare Regeln

Wer die BBC-Inhalte nutzen will, muss sich an einige Grundsätze halten. "Unsere Regeln sind klar", sagt Projektleiter Ben Metcalfe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Oberste Devise: Das ganze muss im nicht-kommerziellen Rahmen bleiben. Werbebanner auf den entsprechenden Seiten sind gerade noch erlaubt - mehr nicht. Außerdem muss die BBC klar als Quelle benannt werden. Außerdem ist der Einsatz des Materials auf zahlreichen Webseiten verboten: Wer Hassbotschaften verbreitet, zu Gewalt oder illegalen Aktionen aufruft, wer Terrorismus fördert oder nackte Haut zeigt, der soll das nicht mit dem Segen des renommierten Senders tun.

Die Resonanz der Web-Community auf das Projekt ist enorm. Inzwischen gibt es bereits erste Anwendungen: Etwa einen Proxy, der die Artikel von BBC News automatisch mit der Datenbank der Online-Enzyklopädie Wikipedia abgleicht - und bei Bedarf entsprechende Erklär-Links in den Nachrichtentext einfügt. Oder einen Podcast-Service, der die BBC-Schlagzeilen mit scheppernder Computerstimme vorliest und als Audio-On-Demand-Angebot zur Verfügung stellt.

Neben "Backstage" gibt es noch ein weiteres Projekt, bei dem die BBC ihren Gebührenzahlern massenhaft Material zum Basteln an die Hand gibt. Das "CreativeArchive", das bereits seit rund einem Jahr online ist, bietet Zugriff auf mehrere tausend Video-Clips. Und auch hier dürfen Privatanwender kreativ werden und die Inhalte verändern.

Lesen Sie im zweiten Teil des Artikels, was die ARD von solch revolutionären Ideen hält - und warum die BBC mit Hochdruck an einer "Welt endloser Wiederholungen" arbeitet...

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