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Unter Druck: Wo bitte geht's hier nach Morgen?

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Wie lange wird man in ausgediente Zeitungen noch Fisch einwickeln? Unser ältestes aktuelles Medium steht vor einem radikalen Umbruch. Die Zeit des Papiers ist irgendwann vorbei - die "Übergangs-Krise" tobt schon heute. Vor allem zum Verlust der jungen Leserschichten fällt den Verlegern wenig ein.

Moderne Tabloid-Formate versus elektronisches Papier: Wo liegt die Zukunft des Mediums Zeitung?

Moderne Tabloid-Formate versus elektronisches Papier: Wo liegt die Zukunft des Mediums Zeitung?

Im September 2004 leistete sich die "Washington Post" eine kleine Untersuchung zum Lese- und Medienverhalten jüngerer Menschen. In sechs Gruppen lud die Zeitung 18- bis 34-jährige Leser zur lockeren Fragestunde ein, um herauszufinden, warum es für die Zeitung zunehmend schwieriger wird, junge Leser zu gewinnen. Wie die meisten Zeitungen in der westlichen Welt verliert auch die renommierte "Post" täglich Abonnenten.

Einige Wochen nach diesen Panel-Interviews berichtete Adam Penenberg in "Wired" leicht schadenfroh über die Ergebnisse - und den Schock, den diese vermutlich für die "oberen Chargen" bei der "Washington Post" bedeuteten. Ein "Post"-Abo, bekamen sie da mitunter zu hören, würden die Befragten noch nicht einmal akzeptieren, wenn sie es geschenkt bekämen. Ein Befragter äußerte gar, ihm gefalle der Gedanke nicht, "altes Papier" in der Wohnung herumliegen zu haben.

Wer das für eine überzogene Anekdote hält, verkennt die Realitäten: Die krumme kleine Story deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie der Online Publishers Association aus dem September 2004. Auch die fragte nach dem Medienverhalten der heftig umworbenen "jugendlichen" Zielgruppe und fand (für die USA) folgendes heraus: Wenn es um reine Information geht, sticht das Web bei jungen Menschen in Amerika inzwischen jedes andere Medium aus. 46 Prozent gaben an, sich ihre Infos zuerst online zu suchen, 35 Prozent griffen da zuerst zur TV-Fernbedienung. Als Bücherleser outeten sich schlappe 7 Prozent, auf Radio und Zeitung griffen jeweils knapp 3 Prozent zurück.

Aus Sicht der Print-Medien sind das katastrophale Ergebnisse. Zwar unterscheidet sich die Lese- und Medienkultur im TV-Land USA von der hiesigen. Dennoch ist der Trend derselbe und für die Zeitung, unser ältestes aktuelles Medium, ist er fatal.

Vergreist das "Alt-Medium"?

Zwar steckten die deutschen Verleger über Jahre beharrlich ihre Köpfe in den Sand, doch längst ahnen auch sie: Ihren Zeitungen kommen nicht nur die Anzeigen, sondern auch die Leser abhanden. Anders als in alten Zeiten mutieren Heranwachsende nicht mehr automatisch zu Zeitungslesern. Während ihnen die Alten also treu bleiben, fehlt den Zeitungen der Schwung frischer Leser - was die Modernisierung der Produkte auch nicht erleichtert.

Deutschlands fleißigste Zeitungsleser: "Nicht die Zukunft"
DDP

Deutschlands fleißigste Zeitungsleser: "Nicht die Zukunft"

Ungewöhnlich offen erklärte das der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont im Februar der "Welt am Sonntag". "Eines ist wahr", sagte er: "Unser bestes Publikum sind die Alten, die Pensionäre. Die lesen die Zeitung von vorn bis hinten. Das ist gut so, aber es ist nicht die Zukunft."

Das stimmt in jeder Hinsicht - und es war Teil von Neven DuMonts abschlägiger Antwort auf die kecke Frage, ob denn nun die "Zeitung für alle" tot sei. "Das geht mir zu weit", antwortete der Verleger darauf - und ließ sein Lob auf die Pensionäre folgen.
Also Jein?
Oder eher "noch nicht"?

Tatsache ist, dass die deutschen Zeitungsverlage in den letzten fünf Jahren bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes verloren haben. Von Profiten, nennenswerten gar, können die meisten nicht mehr reden. Bekannt ist, dass selbst Renommiertitel wie die "Süddeutsche Zeitung" oder die "Frankfurter Rundschau" zeitweilig dermaßen ins Schlingern gerieten, dass sie nur durch finanzielle Infusionen (und schmerzhafte Kündigungswellen) gerettet werden konnten.

Für Ärger hinter den Kulissen sorgte, dass sich viele Zeitungen zwar streng nach Sozialplan, aber ohne Sinn und Verstand finanziell gesunder schrumpften, qualitativ dabei aber nicht verbesserten. Manche der geschassten Jungtalente sorgen inzwischen mit eigenen kleinen Objekten für Bewegung auf dem Printmarkt. Für wohlige Hoffnungsschauder im Verlegerlager sorgt aber eher, dass etwa die "Süddeutsche" tatkräftig demonstriert, wie sich das Geschäft doch noch retten lässt.

Neben- statt Kerngeschäft

Allerdings nicht mit klassischer Zeitungsarbeit, sondern mit "neuen Geschäftsfeldern". Besonders en Vogue ist mittlerweile - nach spanisch-italienischem Vorbild - der Verkauf diverser Sondereditionen von Büchern, CDs und DVDs.

Anzeigenmotiv zur "SZ Bibliothek": Gewinn mit Nebengeschäften

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Wirklich hoffen dürfen Deutschlands Zeitungsverlage, sagt eine wenige Wochen alte Studie der Wirtschaftsprüfer von KPMG, auf das Fallen des Briefmonopols: Aus Zeitungszustellern sollen auch Briefträger werden.

"Eine Mehrheit von 80 Prozent der Verlage kann sich vorstellen, diese Dienstleistung anzubieten oder praktiziert dies bereits. Hier lockt durch Wegfall des Briefmonopols in drei Jahren ein erhebliches Marktpotenzial. Unstrittig ist die Zustellkompetenz der Verlage in ihrem Verbreitungsgebiet. Zumindest für ein flächendeckendes Netz werden aber umfangreiche Kooperationen benötigt, welche die Kleinteiligkeit der vielen lokalen und regionalen Zustellorganisationen berücksichtigen."
KPMG-Studie "Wachstumsfelder für den Zeitungsmarkt in Deutschland"

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