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Untersuchungshaft: Frustrierter Admin kidnappt San Franciscos Intranet

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Ein EDV-Fachmann aus San Francisco ist seit Sonntag in Haft. Der Grund: Der Administrator der Stadtverwaltung kam seiner Kündigung zuvor, indem er ein Master-Passwort änderte. Nun kann keiner mehr das Intranet der Stadtverwaltung pflegen.

Er hasst dämliche Computeranwender, er bestraft sie für jede idiotische Frage mit willkürlichen Dateilöschungen, Internet-Sperren - und manchmal auch mit Stromstößen. Der "Systemadministrator aus der Hölle", im Original der " Bastard Operator from Hell" (BOFH) wütet seit 16 Jahren im Internet. Nun übertrumpft die Wirklichkeit die absurden BOFH-Kurzgeschichten des neuseeländischen Administrators Simon Travaglia.

Systemadministrator, Serverschrank (Archivbild): "Genervt, verärgert, schlecht gelaunt"
AP

Systemadministrator, Serverschrank (Archivbild): "Genervt, verärgert, schlecht gelaunt"

Keine der BOFH-Websatiren ist so aberwitzig wie das Gerichtsverfahren, das gerade in San Francisco gegen einen Ex-Admin der Stadtverwaltung läuft: Der 43-jährige Terry Childs sitzt seit Sonntag im Gefängnis, weil er die Passwörter zur Konfiguration des städtischen Intranets geändert hat und nicht herausrückt. "Er ist eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft dem US-Magazin " Wired."

Childs Anwalt Mark Jacobs sagte nach der Verhandlung über die Kaution seines Mandanten: "Er liebt Kätzchen. Er hat niemanden getötet. Bei Mördern wird die Kaution in der Regel auf eine Million Dollar festgelegt." Bei Childs setzte das Gericht am Dienstag fünf Millionen Dollar fest.

Die eigenen Vorgesetzten per Software überwacht

Derzeit läuft der Datenverkehr über das sogenannte FiberWAN der Stadt problemlos. Das Problem: Die Techniker können das System, das sämtliche Server und Clients im Verwaltungsnetz verbindet, nicht konfigurieren - ihre Passwörter gelten nicht mehr. Dass Childs das Netzwerk gekidnappt hat, stellten die Behörden am Sonntag fest. Außerdem entdeckten sie ein Software-Schnüffelsystem, mit dem Childs überwachte, was Vorgesetzte über ihn schrieben.

Der Admin wurde am Sonntag verhaftet. Er gab den Polizisten ein Passwort für die Netzwerkverwaltung. Das funktionierte aber nicht - seitdem weigert Childs sich, die korrekten Zugangsdaten herauszugeben. Derzeit versuchen Fachleute, den Zugangscode zu knacken.

Warum Childs das Netzwerk gekapert hat? "Genervt" sei er gewesen, "verärgert", "schlecht gelaunt", zitieren US-Medien Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Childs arbeitete fünf Jahre lang für die Stadtverwaltung, verdiente laut "San Francisco Chronicle" im vorigen Jahr knapp 150.000 Dollar - davon fast 23.000 als Bonus für ständige Rufbereitschaft.

Nun aber hätten Vorgesetzte ihm kündigen wollen, zitiert die Zeitung Childs Mitarbeiter, wegen schlechter Leistungen.

"Die Webseite ist offline"

Passwörter verändern und Dateien Ahnungsloser aus Jobfrust löschen - diese Möglichkeiten der Rache spielen Satireseiten im Web seit Jahren durch. Latent frustrierte EDVler lieben die Seiten - den Kurzfilm "The Website is down" sahen binnen einer Woche mehr als eine Millionen Menschen, berichten die Macher. Inhalt des Kultclips: Der Computer-Administrator kämpft sich durchs Ballerspiel "Halo", ein Anruf aus der Vertriebsabteilung reißt ihn aus der Schlacht, ein Kollege nölt: "Die Webseite ist offline." Der Admin ist abgelenkt, ein Schuss, seine Spielfigur stirbt: "Verdammt!"

Er schlägt sich dann so lange mit den hirnrissigen Aufträgen und Anfragen ahnungsloser Chefs und Kollegen herum, bis die Seite tatsächlich offline ist. Auf anderen IT-Seiten wählen gefrustete EDVler die hässlichsten Büros im Silicon Valley, die schrecklichsten Einstiegsjobs bei Yahoo, Google & Co. und lachen über die Vollidiotenchefs in Satire-Clips. Vorbild: Dilbert-Comics und das wahre Leben (siehe Fotostrecke unten).

Diese Seiten sind so beliebt, weil sich die gefrusteten EDVler hier abreagieren können, und mit ein paar Gleichgesinnten über dieselben Dinge lachen können, die im Büro wohl kaum jemand witzig findet. So haben schon die Kurzgeschichten über den "Systemadministrator aus der Hölle" funktioniert, die Simon Travaglia ab 1992 in einer Usenet-Diskussionsgruppe für Administratoren veröffentlichte. Die ersten Geschichten spielen an einer Universität - da standen damals die größten Rechnernetze. Immer wieder rufen Nutzer den Admin an und bitten um mehr Speicherplatz.

Eine typische Passage:

"Ich brauche mehr Speicherplatz, bitte."

"Klar, eine Sekunde."

"Und wie viel habe ich nun?"

"Vier Megabyte"

"Wow, insgesamt acht! Danke!"

"Nein, insgesamt vier."

"Moment, ich hatte doch vorher schon vier Megabyte verbraucht. Warum sind die jetzt frei?"

Ich sage nichts. Er wird es bald begreifen.

"Arrrrgh"!

Vielleicht hätten Childs ein paar solcher Scherze geholfen, sich lachend abzureagieren, statt die Stadtverwaltung aus dem eigenen Netzwerk zu sperren.

Childs nächster Gerichtstermin ist am Donnerstag.

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IT-Hölle: Schäbige Büros, miese Jobs, dumme Kollegen

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