Update Panda gegen Klickfarmen Google kickt nervige Null-Inhalte raus

Google sortiert neu: Ein Update namens Panda hat in den USA und England die Ergebnislisten umgepflügt, bald startet es auch in Deutschland. Seiten, die mit Billiginhalten Klicks sammeln, sind die Verlierer - doch das Update hat Nebenwirkungen.

Von Anna Sauerbrey

Google-Website: Umbauten am Algorithmus strafen Billigheimer ab
AFP

Google-Website: Umbauten am Algorithmus strafen Billigheimer ab


Berlin - Jon Wade hat es erwischt. Über die Jahre hatte sich der Brite mit seiner Ein-Mann-Fitness- und Martial-Arts-Seite ganz langsam in der Google-Suchliste hochgearbeitet. Zuletzt kam er auf 20.000 Seitenaufrufe pro Tag, konnte von den Werbeeinnahmen ganz gut leben. Aber nur, bis Google seine Suchtechnik änderte. Plötzlich war vieles anders, manches nicht mehr dort in den Trefferlisten, wo es vorher war. Auch Jon Wades Seite nicht. "Ich habe ziemlich an Traffic verloren", sagt er. Die Zahl der Websurfer, die seine Seite aufrufen, hat sich halbiert.

Der Grund: Google hat den Algorithmus, also die Regel, nach der die Suchmaschine Seiten untersucht, listet und hierarchisiert, geändert. Das Ziel der Veränderung sei es, so schreibt der Google-Ingenieur Amit Singhal im offiziellen Google-Blog, Seiten mit Qualitätsinhalten höher und schlechte Seiten weiter unten in der Ergebnisliste zu platzieren. Das Update soll eine Sorte Websites abstrafen, die man als Content Farm bezeichnet: billige Inhalte, mit denen Suchende auf Werbeangebote gelockt werden.

Auf seinen englischsprachigen Suchseiten hat Google das Panda genannte Update bereits zwischen Februar und April eingeführt. Nach Angaben des Unternehmens wurde es nach einem Ingenieur benannt, der maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war. Bald soll es auch in Deutschland umgesetzt werden. Eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches. Das Unternehmen schraubt ständig an seinem Algorithmus herum. Doch noch nie waren die Auswirkungen so deutlich zu spüren wie dieses Mal. Suchmaschinen-Experten sind sich einig: Panda ist eine kleine Revolution.

Texte für wenige Dollar aus Indien

Eine ganze Branche hat sich darauf spezialisiert, mit billigen Texten auf nichtssagenden Websites möglichst viele Klicks und damit viel Werbegeld einzusammeln. Die Artikel sind "optimiert", allerdings in der Regel nicht auf die Bedürfnisse der Nutzer, sondern auf die Kriterien, die bei Google bislang galten, um eine Seite in der Suchliste nach oben zu schieben. Zu häufig gesuchten Begriffen halten die Textfarmen gleich mehrere Artikel auf einmal vor, die sich inhaltlich kaum unterscheiden. Das Suchwort kommt gehäuft im Text vor, vor allem in der Überschrift.

Dieser Branche, da ist sich Marcus Tober sicher, hat Google einen empfindlichen Schlag verpasst. Der Suchmaschinen-Experte hat das Berliner Unternehmen Searchmetrics mitgegründet, das Kunden berät, wie sie ihre Websites so verändern können, dass sie von Suchmaschinen gut gefunden werden. Search Engine Optimization, kurz SEO, nennt sich das. Jeden Montag- und Donnerstagvormittag schaut sich Tober deutsche Google-Suchergebnisse besonders genau an - das sind Googles Update-Termine. Bisher hat sich nichts getan. Wann das Update kommen soll, will das Unternehmen nicht verraten. Doch auch für die deutsche Suche werden gravierende Effekte erwartet.

"Im Prinzip", sagt Tober, "hat Google das Problem, das es nun bekämpft, erst selbst geschaffen." Erst die detaillierten Daten der Suchmaschine über Suchvorlieben, Klicks und den Erfolg von Werbebannern haben nach Tobers Ansicht ein Geschäftsmodell wie das der Content-Farmen möglich gemacht. Dank Google wissen die Klickfarmer ziemlich genau, was ein Artikel kosten darf, um genug Profit durch daneben platzierte Werbung abzuwerfen. Produzieren lassen große Anbieter ihre Angebote dann von einem Heer von Hobby-Schreibern. "Manche lassen ihre Texte auch in Indien produzieren, ein Einsteiger bekommt dort zwei Dollar pro Artikel", sagt Marcus Tober.

Die Farmer reagieren - bisher ohne Erfolg

Genau solche Klickfarmen sind es, die nach dem amerikanischen Panda-Update in den Suchlisten abgestürzt sind. Nach Berechnungen von Searchmetrics, die einen eigenen Index für Sichtbarkeit von Online-Angeboten im Netz entwickelt haben, haben große Farmen wie eHow oder Suite101 bis über 90 Prozent an Sichtbarkeit verloren. Zu den Gewinnern gehören Blogs und News-Seiten mit gewöhnlich gut recherchierten Artikeln, TechCrunch zum Beispiel und die "Times". Aber auch Herstellerseiten. Wer im englischen Google nach "Mercedes Benz" sucht, bekommt jetzt auf den ersten beiden Ergebnisseiten nur ein einziges vom Konzern unabhängiges Ergebnis geliefert, eine Gebrauchtwagenseite.

Zu den wohl weniger gewollten Nebenwirkungen gehört es, dass auch Seiten von Enthusiasten wie die von Jon Wade von den vorderen Plätzen auf den Ergebnisseiten geflogen sind. Der Brite weist es von sich, seine Seite lediglich nach Googles Suchvorlieben gefüttert zu haben. Ihm gehe es um die Sache. Begonnen hat er als Hobby-Blogger. Er hat sein Fachwissen erweitert und studiert Gesundheitswissenschaften an einer Fernuni. Nach dem Panda-Update hat er seine Seite aufgeräumt. "Ich habe viele Artikel aus der Frühzeit des Blogs gelöscht, die nicht so gut recherchiert waren", sagt er.

Ähnlich machen es offenbar auch die Großen. Die amerikanisch-britische Textfarm eHow etwa startete kurz nach dem Update eine "Qualitätsoffensive" und erlegte sich selbst eine strengere Autorenaquise auf. Ob das etwas mit Panda zu tun hat, verrät das Unternehmen nicht. Auf Anfragen zu dem Google-Update reagierte der eHow-Eigner DemandMedia nicht. Auch beim deutsch-englischen Portal Suite101, laut Searchmetrics ein weiterer großer Verlierer, heißt es: "Zu diesem Thema sagen wir nichts." Nach Ansicht von SEO-Experten blieben bisherige Versuche der Content-Farmer, sich der Panda-Technik anzupassen, ohne Erfolg.

Würden Sie die Seite weiterempfehlen?

Erschwert werden Anpassungen an Panda dadurch, dass Google darüber schweigt, was genau verändert wurde. Immerhin veröffentlichte das Unternehmen in seinem Administratoren-Blog eine Liste von Fragen, die sich betroffene Web-Seiten-Betreiber stellen sollen. Zum Beispiel: Wie viel Werbung umgibt den Text? Ist der Text einzigartig oder eine Kopie von anderen Texten im Netz? Ist er grammatikalisch und orthografisch in Ordnung? Und: Würden Sie die Seite einem Freund empfehlen? Marcus Tober vermutet, dass ein wichtiges Kriterium auch die durchschnittliche Länge der Besuche auf einer Seite sind. Kehrt ein Nutzer nach nur kurzer Zeit zurück zur Google-Ergebnisliste, hat er wohl nicht gefunden, wonach er suchte. Die Seite wird als minderwertig eingestuft.

Auch Jon Wades Bemühungen, wieder Googles Gnade zu finden, haben bislang wenig geholfen. "Vielleicht muss ich die Seite aufgeben", sagt er resigniert. Dennoch hält er Googles Veränderungen für richtig. "Meine Mutter hat noch nie etwas von Suchmaschinenoptimierung gehört. Sie denkt, wenn eine Seite in der Trefferliste ganz oben steht, muss das die beste Seite sein." Das Update zwinge alle, sich kritisch mit ihren Seiten auseinanderzusetzen. "Das ist doch eine gute Sache."



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cyberdrop 14.06.2011
1. .
Sind die Suchergebnisse nun wieder besser? Seit ein paar Monaten sind die Google Ergebnisse so schlecht das ich inzwischen häuftig Bing verwende!
Noctim 14.06.2011
2. !
Eigentlich eine durchaus gute Neuerung! Wer halt all seine Kapazitäten darauf ausgelegt hat, im Netz nach Werbeklicks zu fischen, hat hiermit eben auf das falsche Pferd gesetzt. Von daher habe ich wenig Mitleid mit Leuten, die das Netz mit Ad-Seiten zukleistern und den Informationsfluss dramatisch verlangsamen. Und wer Blog-Schreiben als "Beruf" bezeichnet, sollte vielleicht nochmal seine Rosa-Rote Brille absetzen. Die wenigsten Blogs sind qualitativ so hochwertig, dass man von echtem, fachkompetenten Journalismus sprechen könnte. Das meiste davon ist doch nur persönliches Gebrabbel von Menschen, die sich selbst für Meinungsführer oder wichtige Persönlichkeiten halten.
vaikl 14.06.2011
3. Gefährliche Qualitäts-Frage
" Ist er grammatikalisch und orthographisch in Ordnung?" Ups, dann würde dieser SPON-Artikel ja erst recht aus dem Index fliegen, genau so wie ca. 80% des verlegerischen Web-Contents generell...
shine31 14.06.2011
4. Re: Vielleicht muss ich die Seite aufgeben
---Zitat--- Auch Jon Wades Bemühungen, wieder Googles Gnade zu finden, haben bislang wenig geholfen. "Vielleicht muss ich die Seite aufgeben", sagt er resigniert. ---Zitatende--- Ich denke er ist nur Enthusiast und betreibt die Seite nur als Hobby? Scheint wohl doch eher so zu sein, daß er mit der Seite Geld verdienen wollte!
aha! 14.06.2011
5. Eigentlich egal
Eigentlich ist es doch egal, ob google seine Standard-Suchergebnisse neu sortiert. Durch Cookies, profiling, likes, +1's usw. wird das Web in 5 Jahren so "personalisiert" sein, dass jeder nur noch Suchtreffer erhält, die genau auf ihn zugeschnitten sind. Eine tolle Spirale. Das Internet wurde als "globales Dorf" bezeichnet. Schlussendlich wird es nur der Nachbar, später man selbst sein.
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