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Bilderklau auf Twitter: Erdbebenfotograf verlangt 120 Millionen Dollar Entschädigung

Das kann teuer werden: Vor zwei Jahren postete der Fotograf Daniel Morel Bilder des Haiti-Erdbebens auf Twitter. Die Presseagentur AFP bediente sich, ohne ihn zu fragen - jetzt wird vor Gericht geklärt, ob Morel wegen Verletzung seiner Urheberrechte ein Millionenbetrag zusteht.

Fotografen in Haiti (Archivbild von 2010): Katastrophenbilder werden weltweit vermarktet Zur Großansicht
AP

Fotografen in Haiti (Archivbild von 2010): Katastrophenbilder werden weltweit vermarktet

Seine Bilder zeigen komplett zerstörte Häuser, zerbrochene Möbelteile und fliehende Menschen: Als in Haiti Anfang 2010 das verheerende Erdbeben wütete, das mehr als 300.000 Menschen das Leben kostete, war der Fotograf Daniel Morel mitten im Geschehen. Auf der Hauptstraße von Port-au-Prince war er einer der Ersten, die Fotos von der Katastrophe machten. Eines davon gewann später den zweiten Preis in der News-Kategorie der World Press Photo Awards. Es zeigt eine staubverschmierte Frau mit lethargischem Gesichtsausdruck, die von Rettern per Hand aus einem Geröllhaufen ausgegraben wird.

Zweifellos sind die Fotos aus den Morgenstunden des 12. Januar 2010 ergreifende Dokumente, die ein Ereignis zeigen, an dem großes öffentliches Interesse besteht. Doch die Art, wie sie an die Öffentlichkeit gelangten, beschäftigt nun amerikanische Richter.

Morel lud noch am Morgen des Erdbebens 17 Fotos bei Twitter hoch, wie das "British Journal of Photography" berichtet. Von einem anderen Twitter-Nutzer namens Lisandro Suero wurden sie weiterverbreitet, ohne dass der Name des Urhebers klar ersichtlich war. Auf dessen Profil entdeckte ein Bildredakteur Presseagentur AFP (Agence France Presse) die Bilder und verbreitete sie über die Fotoportale Wapix, Getty Images und ImageForum - zunächst mit einer falschen Urheberangabe, die aber später korrigiert wurde. An den folgenden Tagen präsentierten zahlreiche große Medien Daniel Morels Bilder des Unglücks, unter anderem ABC, CBS und CNN.

Universelle Weiterverbreitung selbstverständlich?

In den Geschäftsbedingungen von Twitter heißt es, dass Urheber dort hochgeladener Bilder einverstanden sind, dass ihre Fotos an Dritte weitergegeben und lizenziert werden. Darauf berufen sich die Beschuldigten von der AFP. "Wer Bilder einer Naturkatastrophe in hoher Auflösung und ohne Einschränkung auf einem sozialen Medium wie Twitter postet, wo es bekannt und selbstverständlich ist, dass Materialien beinahe universell weiterverbreitet werden", könne nicht jemanden dafür zur Rechenschaft ziehen, der Inhalte weitergibt. "Würde man dies anders handhaben, würde das bedeuten, dass Retweeten ein Regelverstoß ist, was in der Praxis das Ende von Twitter und ähnlichen Social-Media-Seiten bedeuten würde", heißt es nach Angaben des "Journal of Photography" in einem Schriftstück der Verteidiger.

Der Fotodienst Getty Images betont dagegen, nur eine passive Rolle bei der Verbreitung gespielt zu haben, da man die Bilder über einen automatischen Feed von AFP erhalten habe. Den Angaben zufolge verkaufte Getty insgesamt 820 Stück von Morels Bildern, ohne dass der Fotograf etwas davon hatte. Für zusätzliche Brisanz sorgt die Tatsache, dass Morel einen Vertrag mit der konkurrierenden Agentur Corbis hat.

Morel hofft nun vom Gericht auf die Bestätigung, dass es sich um einen absichtlichen Verstoß von Seiten der Agenturen handelt. Sollte es dazu kommen, wäre eine Entschädigung von bis zu 120 Millionen US-Dollar angemessen, wie Morels Anwälte ausrechnen. Doch auch wenn kein Vorsatz nachgewiesen werden kann, geht es immer noch um Millionenbeträge, die dem Fotografen zustehen könnten. Ein solches Urteil könnte erhebliche Konsequenzen dafür haben, wie Bildagenturen mit online veröffentlichten Fotos umgehen.

Dass ein Verstoß vorliegt, hatte eine hochrangige AFP-Mitarbeiterin schon im März 2010 in einer internen E-Mail angemerkt: "AFP wurde mit der Hand in der Keksdose erwischt und wird dafür bezahlen müssen", schrieb damals Eva Hambach, Vize-Bildchefin für Nordamerika. Ihre Agentur ist bekannt dafür, Copyright-Verstöße bei eigenen Bildern strikt zu ahnden, etwa mit Hilfe von Massenabmahnungen an Blogger, die Fotos verwenden.

Von anderen Medien bekam Morel bereits Entschädigungszahlungen. Mit ABC, CBS und CNN hat er sich außergerichtlich geeinigt, zuletzt am Freitag mit CNN. Wie viel Geld Morel dabei erhalten hat, wurde nicht öffentlich gemacht.

sto

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insgesamt 83 Beiträge
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1. Genau lesen
donbilbo 05.05.2012
Die Essenz des Artikels ist ganz klein am Ende zu finden. Alle grossen Bildagenturen sind dafür bekannt, Privatleute, zB. Blogger, Webseitenbastler oder jugendliche Fans von Popstars gnadenlos zu verflogen und abzumahnen sobald diese wissentlich oder unwissentlich ein Bild dieser Agenturen verwenden. Dabei sind diese Bilder eigentlich nur für Print, Medien, Publishing zu lizensieren. Was entsteht für ein Schaden, wenn ein Privatmensch ein solches Bild auf seine Homepage stellt, es vielleicht vorher ohne Quellenangabe bei Google gefunden hat? Die Agenturen wissen es genau, tausende Euros, selbstverständlich. Wenn es darum geht, das eigene Portfolio zu erweitern stellt man sich anscheinend plötzlich dumm. Das Foto war auf Twitter, also darf ich es meinen Geschäftskunden anbieten und damit Geld machen? Ich möchte nicht wissen, was Tageszeitungen oder Webseiten wie Spiegel Online direkt nach der Katastrophe für dieses Bild zahlen mussten. Unglaublich... Ich hoffe, dass alle beteiligten Agenturen nun selbst zahlen müssen.
2. Und was die Frau davon?
Tschirio 05.05.2012
bekommt sie auch etwas von den Millionen oder darf sie froh sein, das sie überlebt hat? Dei Frage würde mich seitens Spiegel durchaus interessieren.
3. Es ist schon ein Unterschied ...
MrStoneStupid 05.05.2012
... ob man öffentliche Nachrichten untentgeltlich weiterverbreitet oder kommerziell nutzt. Der Erdbeben-Fotograf sollte eine Entschädigung bekommen, vielleicht in der Höhe wie bei einer normalen Lizensierung. Zu hohe Schadensatzforderungen sind gesellschaftsschädlich.
4.
Wololooo 05.05.2012
Wenn das mit Twitter stimmt und das dort alle Rechte abgegeben werden, dann ist der Fotograf wegen eigener Dummheit selber Schuld. Das sollte dann allen eine Lehre sein, die Ihre Fotos bei facebook, Twitter, Flickr und etc. hochladen.
5.
flaschenöffner 05.05.2012
Kann mir nicht vorstellen, dass das unter Berufsfotographen üblich ist, dass man solch exklusive Bilder, die man optimal zu Geld machen kann, auf Quatsch-Seiten wie flickr streut. Wozu?
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