Urheberrechtsklage Wikimedia verliert Bildstreit um alte Gemälde

Darf Wikimedia Commons Fotos von alten Meisterwerken zeigen, deren Urheberrechtsschutz längst abgelaufen ist? Ein Museum wehrte sich gegen diese Praxis und hat nun vor Gericht recht bekommen.

Porträt des Komponisten Richard Wagner von Cäsar Willich
rem/ Foto: Jean Christen

Porträt des Komponisten Richard Wagner von Cäsar Willich


In einem Bildrechte-Streit zwischen der Wikimedia Foundation, der Organisation hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia, und einem Mannheimer Museum hat das Landgericht Berlin dem klagenden Museum recht gegeben.

Die Klage betrifft 17 Fotos von Gemälden aus dem Bestand der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, die auf dem Medienportal Wikimedia Commons veröffentlicht wurden. Die Gemälde wurden alle von Künstlern geschaffen, die vor mehr als 70 Jahren gestorben sind. Die urheberrechtliche Schutzfrist der Gemälde ist somit abgelaufen. In dem Bestand ist zum Beispiel ein Porträt des Komponisten Richard Wagner von Cäsar Willich, das um das Jahr 1862 gemalt wurde.

Das Museum beanstandete aber, dass die Fotos von einem beim Museum beschäftigten Fotografen stammen, der die Gemälde aufwendig für einen Sammelband abfotografiert hatte. Nach der Veröffentlichung bei Wikimedia Commons seien die Fotos etwa von einem amerikanischen Händler für Merchandising-Artikel verwendet worden, begründete das Museum in einer früheren Stellungnahme die Klage.

Die Regeln von Wikipedia Commons lassen prinzipiell auch eine kommerzielle Nutzung zu. Daran stören sich die Mannheimer Museen aber. In einer aktuellen Stellungnahme zum Urteil heißt es, man wolle "was gewerbliche oder kommerzielle Nutzungen angeht, ein Mitspracherecht haben, ob und zu welchen Konditionen unsere Arbeitsergebnisse verwendet werden." Es gehe nicht darum, der Wikipedia zu schaden.

Die Fotos müssen gelöscht werden

Die Wikimedia Foundation sieht dagegen das möglichst originalgetreue Abfotografieren eines urheberrechtlich nicht mehr geschützten Werkes nicht als neuen Schaffensakt an, der einen neuen Urheberrechtsschutz für das Foto zulasse. Das Foto dürfe vervielfältigt werden.

Wikipedia und Wikimedia Commons müssen die strittigen Bilder nun löschen. Die Wikimedia Foundation will aber Rechtsmittel gegen die Entscheidung einlegen, heißt es in einer von Wikimedia Deutschland am Dienstag veröffentlichten Erklärung zu dem Urteil. Der Streit wird also wohl in die nächste Instanz gehen.

"Wir sind davon überzeugt, dass das Gericht eine falsche Entscheidung gefällt und nicht berücksichtigt hat, welch langfristigen Schaden dieses Urteil für den Zugang zu gemeinfreien Werken darstellt, insbesondere in einer Welt, in der Menschen ihre Kultur zunehmend digital entdecken und erleben", heißt es darin.

Auch der deutsche Ableger der Wikimedia Foundation war in dem Fall verklagt worden. Das Gericht wies diese Klage aber ab: Wikimedia Deutschland sei rechtlich nicht für die Inhalte auf Wikimedia Commons verantwortlich.


Update, 14 Uhr: Der Text wurde um die aktuelle Stellungnahme der Reiss-Engelhorn-Museen ergänzt.

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gru

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echoanswer 22.06.2016
1. Die alten Meister sind offenbar egal
Es geht nur um das Recht dessen, der ohne eigene Ideen lediglich das Werk fotografiert hat. Weltkulturerbe vs. kleinkarierter Geschäftemacherei. Wenn die alten Meister es noch könnten, würden sie sich übergeben.
Thomas Schnitzer 22.06.2016
2.
Zitat von echoanswerEs geht nur um das Recht dessen, der ohne eigene Ideen lediglich das Werk fotografiert hat. Weltkulturerbe vs. kleinkarierter Geschäftemacherei. Wenn die alten Meister es noch könnten, würden sie sich übergeben.
Nicht unbedingt, denn man hat damals nicht grundsätzlich in dem Bewusstsein gearbeitet, Kunst für die breite Öffentlichkeit zu malen, und erst recht nicht, um damit berühmt zu werden. Viele der Gemälde, insbesondere Portraits, wurden in dokumentarischer Absicht angefertigt, weil der Hausherr ein Bild von sich an der Wand haben wollte. Und es war solchen Malern klar, dass auch nur er, seine Familie und wenige Gäste die Bilder jemals sehen würden.
160620_spon 22.06.2016
3. Ist schon okay...
Um gute Fotos für einen Katalog oder was auch immer herzustellen braucht man Fachkenntnis, Ausrüstung, Zeit. Das alles spart man sich, wenn man die nicht selbst fotografiert sondern die Fotos anderer benutzt. Normaler Vorgang.
PaulMeister 22.06.2016
4. Absurd
Mit diesem Urteil wird der Grundgedanke des abgelaufenen Urheberschutzes, 70 Jahre nach Tod des Urhebers, ja ad absurdum geführt. Sinn ist ja, dass die Sachen gemeinfrei werden und so als Inspiration für neue Werke dienen können. Klar kann man sich ins Museum begeben und kann sich die Bilder ansehen, falls diese überhaupt ausgestellt werden. Im Zeiten und Möglichkeiten des Internets sollte auch die Möglichkeit der bloßen Digitalisierung Rechnung getragen werden, was ja der zugänglichmachung der Allgemeinheit dient. Um ein Bild für das Internet bereitstellen zu können, ist eine Aufnahme (möglichst 1zu1 Fotografie, Scan etc.) nun mal unerlässlich. Wenn es sich um eine möglichst originalgetreue Digitalisierung des gemeinfreien Werkes handelt, besteht ja der Sinn gerade darin, dass kein neues Werk geschaffen wird (was ein neues Urheberrecht begründen würde), sondern lediglich das gemeinfreie Werk möglichst originalgetreu reproduziert wird. Jede Digitalisierung eines gemeinfreien Kunstwerkes würde damit ja wieder eine neuen Urheberschutz begründen und so die Idee des zeitlichen Ablaufs des Urheberschutzes aushebeln. Um diesen Widerspruch zu lösen, müsste die geringe Schöpfungshöhe durch die Reproduktion der Gemeinfreiheit nachstehen. Das wäre zumindest lebensnah.
Hans Neumann 22.06.2016
5.
Ist dem Spiegel selbst die Entsetzlichkeit dieses Urteils noch nicht aufgefallen? Wenn das so stimmt, wie ich es hier lese (den Fall selbst kenne ich nicht), kann ein deutsches Museum ab jetzt komplett die Intention des Worts "Kulturgut" unterlaufen. Das war schon mit dem Sanssouci-Urteil schlimm (darf man nicht mehr knipsen und das Bild verteilen), aber was nun kommt, wage ich gar nicht zu überlegen.
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