Urteil: "Sasser"-Programmierer bekommt Bewährungsstrafe

Der Entwickler der Würmer "Sasser" und "Netsky" muss nicht ins Gefängnis. Das Landgericht Verden verurteilte den 19-Jährigen heute zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Der Bekannte, dessen Hinweis zur Verhaftung des Virenautors führte, ist nun um 250.000 Dollar reicher.

Gerichtssprecherin Krützfeldt in Verden: Urteil nach Jugendstrafrecht
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Gerichtssprecherin Krützfeldt in Verden: Urteil nach Jugendstrafrecht

Sven J. brachte Millionen Computer weltweit zum Absturz, kommt für seine Tat jedoch glimpflich davon. Das Landgericht Verden verhängte heute gegen ihn eine Jugendstrafe von 21 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Richter sprachen ihn der Datenveränderung in vier Fällen und der Computersabotage in drei Fällen für schuldig. Das teilte Gerichtssprecherin Katharina Krützfeld nach der Urteilsverkündung mit. Außerdem muss der Auszubildende 30 Stunden gemeinnützige Arbeit in einem Krankenhaus oder einem Altenheim leisten.

Das Gericht folgte mit dem Strafmaß nicht ganz dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die zwei Jahre auf Bewährung und 200 Stunden gemeinnützige Arbeit gefordert hatte. Die Verteidigung hatte für eine Jugendstrafe von unter einem Jahr plädiert.

Sven J. hatte zu Prozessbeginn ein umfassendes Geständnis abgelegt, die Würmer "Sasser" und "Netsky" im Frühjahr 2004 programmiert und im Internet verbreitet zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Auszubildenden aus dem niedersächsischen Rotenburg an der Wümme wegen Datenveränderung, Computersabotage und Störung öffentlicher Betriebe angeklagt.

Microsoft setzte 250.000 Euro Belohnung aus

Der Angeklagte kannte sich gut in der Materie aus: Er besuchte eine Berufsfachschule für Informatik, seine Eltern betreiben ein Computergeschäft. Sven J. war aufgeflogen, nachdem der US-Softwaregigant Microsoft, der Windows herstellt, eine Belohnung von 250.000 Euro ausgesetzt hatte. Daraufhin verriet ein Bekannter aus der Informatik-Schule den mutmaßlichen Urheber.

Die Auszahlung des "Kopfgeldes" hielt Microsoft jedoch zunächst zurück. Kurz nach dem Urteilsspruch wandte sich der Konzern an die Öffentlichkeit: Microsoft begrüße die Verurteilung des Entwicklers, die gezeigt habe, dass die Programmierung von Viren kein kavaliersdelikt sei. Der US-Konzern werde nun die Belohnung von 250.000 Dollar an den Hinweisgeber auszahlen.

Haus des Wurm-Autors in Waffensen: "Dank Sasser ist das Internet ein Stück sicherer"
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Haus des Wurm-Autors in Waffensen: "Dank Sasser ist das Internet ein Stück sicherer"

"Sasser" hatte vor einem Jahr Millionen Windows-Nutzer zur Verzweiflung getrieben. Befallene Rechner starteten sich immer wieder selbst und waren nicht zu benutzen. Das Besondere an "Sasser" war, dass er sich nur über eine klaffende Sicherheitslücke im Betriebssystem verbreiten konnte, ohne dass der PC-Nutzer das Virus zum Beispiel durch anklicken eines E-Mail-Anhangs aktivieren musste. Ohne aktive Firewall wurden Rechner oft nach wenigen Minuten infiziert - allein dadurch, dass sie mit dem Internet verbunden waren.

Die Verbreitung des Virus zwang den Softwarehersteller Microsoft, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit längerem bekannte "LSass"-Sicherheitslücke mittels eines umfangreichen Software-Updates zu schließen ("Service Pack 2"). Im Grunde müsste man Sven J. sogar dankbar sein für "Sasser", meint etwa der c't-Viren-Experte Jürgen Schmidt. "Dank Sasser ist das Internet ein Stück sicherer als vor der Wurm-Epidemie", schreibt er in einem Kommentar. Wegen des Wurms sei ein schwerwiegendes Windows-Sicherheitsloch prompter und vor allem nachhaltiger gestopft worden als je zuvor.

Sven J. - ein gescheiterter Wohltäter?

Abgesehen von den Systemabstürzen richtete "Sasser" keinerlei Schaden an. Was wäre wohl passiert, wenn die "LSass"-Sicherheitslücke von einem wirklich bösartigen Schädling ausgenutzt worden wäre, womöglich unbemerkt über Monate?

Sven J. gilt deshalb sogar als tragische Figur. Die ihm zugeschriebenen Varianten des Netsky-Wurms wurden offenbar als guter Wurm konzipiert. Der Wurm löschte unter anderem Registrierungsschlüssel für Schädlinge wie MyDoom.A, MyDoom.B und Mimail.T. Netsky stopfte außerdem diverse Hintertüren, die von "bösen" Würmern und Viren aufgerissen worden waren.

Auch mit Sasser wollte Sven J. angeblich nur Gutes vollbringen. Darauf deuteten zumindest Aussagen seines Vaters kurz nach der Festnahme hin. Die Systemabstürze, die der Wurm hervorrief, schreiben Experten mittlerweile Fehlern in seiner Programmierung zu. Sasser war sozusagen gut gemeint, aber schlecht gemacht, Sven J. eher ein gescheiterter Wohltäter denn ein zynischer Cracker.

Das Handwerkszeug für seine Wurmkreationen ist im Internet erhältlich. Bereits seit Jahren kursieren so genannte Virus Construction Kits im Netz - teilweise sogar mit grafischer Oberfläche -, mit denen sich selbst Laien ihren ganz persönlichen Schädling zusammenklicken können.

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