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US-Army: Rekrutenfang per Egoshooter

Hirnwaschende Effekte verspricht sich zumindest die US-Army von Ego-Shootern, den als "Killerspielen" in Verruf geratenen Ballerspielen. Jetzt bringt sie gar einen eigenen Shooter auf den Markt: "America's Army" zielt auf frisches Blut.

Coole Kiste: Am Rechner metzeln üben - und nachher wird eine Karriere daraus (denkt die US-Army)
[M] DPA

Coole Kiste: Am Rechner metzeln üben - und nachher wird eine Karriere daraus (denkt die US-Army)

Das "Wall Street Journal", stets gut informiert, gehörte zu den Ersten, die von der Sache Wind bekamen: Lt. Col. Casey Wardynski von der US-Army, war da heute zu lesen, wird auf der Spielemesse E3 den Armee-eigenen Ego-Shooter vorstellen. Der, lernt man, wird gern und ausgiebig im Training eingesetzt, und soll nun frische Rekruten gewinnen. Ballern als beste Werbung?

Aber ja, so etwas plant die US-Army

Bereits seit geraumer Zeit setzt die US-Army Ego-Shooter im Training für Soldaten ein, setzt da aber bisher vor allem auf die berühmt-berüchtigten Ballerorgien aus dem Hause id Software - namentlich "Doom" und "Quake". Reaktionszeiten soll das verbessern, aggressiver machen, das Zusammenspiel im Team verbessern. Einen eigenen Shooter hat die Armee, im Gegensatz zu den Informationen des "Wall Street Journal", selbst natürlich nicht entwickelt und bisher auch nicht eingesetzt.

Aber sie hat jetzt einen lizenziert, und das ist die Nachricht: Epic Games produzierte als Auftragsarbeit "America's Army", basierend auf der "Unreal"-Software-Engine, die auch hinter zahlreichen anderen Spielen steht ("Undying", "Unreal Tournament", "Deus Ex" unter anderen).

Das per CD und Download vertriebene Spiel soll heute auf der E3 vorgestellt werden - und in den nächsten Wochen Amerika überschwemmen. Während in Deutschland die Politik darüber debattiert, ob, wie und welche Ego-Shooter wegen eines angenommenen brutalisierenden Einflusses zu verbieten seien, ist sich die US-Army da ganz sicher - zumindest, was bestimmte Aspekte angeht. Mit Verboten hat sie nichts am Hut, im Gegenteil - hofft aber darauf, aus begeisterten virtuellen Schützen effektive reale Soldaten machen zu können. Sie setzt darauf, mit Hilfe des Spieles kampfbereite frische Rekruten gewinnen zu können - "Hirnwäsche" am PC?

Werbesoftware mit Millionenauflage

Bei der Armee geht man zumindest davon aus, dass jemand, der gern zu Hause ballert, dies später vielleicht auch gern draußen tun wird - bei der Verteidigung einer Öl-Pipeline zum Beispiel.

Zu diesem guten Zwecke soll "America's Army" in den nächsten Wochen kostenlos oder zumindest sehr billig abgegeben werden: Als CD-Beigabe zu diversen PC-Magazinen, als Give-away in Army-Rekrutierungsbüros. Der Vertrieb von 1,2 Millionen CDs wurde vorab gesichert.

Für Wardynski, hauptamtlich Lehrkörper an einer Armee-Ausbildungsstätte und verantwortlich für das Projekt Ego-Shooter, ist das Spiel einerseits Schulungs- und Anschauungsmaterial, mit dem er seinen Schülern zeigen kann, wie das "wirklich so ist in der Army". Und andererseits natürlich erstklassiges Werbematerial: Nach den Ausgaben für den ersten Schwung CDs wird die liebe Gemeinde schon selbst für die Weiterverbreitung sorgen. Und damit das auch schnell in Schwung kommt, soll es bereits ab morgen Downloadsites für "America's Army" geben.

Was eine politisch gar nicht unproblematische Frage aufwirft: Falls es in Deutschland zu einer Indizierung von "America's Army" kommen sollte - lässt man dann die Webadressen der US-Regierung sperren?

Das Beispiel zeigt, wie problematisch die derzeitige Zensurdebatte tatsächlich ist: Die weltweite Vernetzung unterläuft nachhaltig jedes Verbot. Einen internationalen Konsens über die Wirkung von Shooter-Spielen und wie damit umzugehen sei, gibt es nicht. Das Extrembeispiel "America's Army" zeigt, wie weit hier die Wertmaßstäbe auseinander gehen können: Indizien, die hier eventuell zu einer Indizierung führen würden, wären für die Army ein Argument, den Vertrieb zu forcieren.

Frank Patalong

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