US-Comedy Wahlkampf, Witz und Wahnsinn

Peinliche Interview-Schnipsel, freiwillige und unfreiwillige Comedy-Auftritte, ein Land kichert gegen die Krise an: In den USA kämpfen Barack Obama und John McCain um Stimmen und Lacher - ohne Scheu vor Peinlichkeiten.

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Es ist viel gelacht worden in diesem US-Wahlkampf. Mit den Kandidaten, aber vor allem über sie. Der Endspurt vor dem Urnengang am 4. November war nicht zuletzt ein Comedy-Sprint: John McCain bei "Saturday Night Live", Sarah Palin am Telefon mit einem kanadischen Radiokomiker, der sich als Nicolas Sarkozy ausgab, Barack Obama in einem Acht-Minuten-Interview in der Comedy-Sendung "The Daily Show".

Dass die Comedy-Sendungen von "Daily Show"-Chef Jon Stewart, Jay Leno und anderen in den USA für viele zum Nachrichtenersatz geworden sind, ist kein neues Phänomen. Dass sich aber eine ganze Nation vor einer so wichtigen Wahl augenscheinlich mehr für die komischen Patzer der Kandidaten interessiert als für politische Inhalte, ist neu. Es scheint, als versuchten Medien und Publikum in den USA, die bedrückenden Probleme der Gegenwart - Irak-Krieg, Finanzkrise, drohende Rezession, Klimawandel - mit täglich hysterischer werdendem Kichern zu überdecken.

Sogar dem Nachrichtensender CNN war es Ende September eine prominente Erwähnung wert, dass die Palin-Parodistin Tina Fey bei "Saturday Night Live" einfach eine Original-Passage übernahm, aus einem Interview der echten Kandidatin zum Thema Finanzkrise: "Was das Rettungspaket am Ende tut, ist denen helfen, die sich über die Gesundheitsreform Sorgen machen, die wir brauchen, um unsere Wirtschaft auf Kurs zu bringen, um denen zu helfen, die - oh, es muss auch um die Schaffung von Arbeitsplätzen gehen. Also müssen die Reform des Gesundheitswesens und Steuererleichterungen und Einsparungen die Steuersenkungen begleiten."

Sicher, dieser Satz hat, neben zahlreichen anderen Ausrutschern der Gouverneurin von Alaska, durchaus politische Relevanz: Hier hatte jemand offenkundig entweder keine Ahnung von den Plänen der eigenen Regierung - oder war doch zumindest unfähig, einer klar formulierten Frage auch mit einer klaren Antwort zu begegnen. Beides keine guten Voraussetzungen für die Vizepräsidentschaft der USA. Doch CNN schien vorrangig der humoristische Aspekt des Gesprächs zu interessieren.

"Das amerikanische Volk hat ein Recht auf Unterhaltung"

John Oliver, Außenreporter für die "Daily Show", formulierte es in einer Sendung über eine Debatte der Vize-Kandidaten Palin und Biden so: "Das amerikanische Volk hat lang und hart für diese Wahl gearbeitet. Es hat ein Recht auf Unterhaltung."

Und so war es dann auch: John McCain spaziert während einer TV-Debatte scheinbar ziellos im Raum herum - urkomisch. Sarah Palin kann von ihrem Wohnzimmerfenster aus Russland sehen und liest "eigentlich alle" Zeitungen - ein Knaller. Obamas zweiter Mann Joe Biden bittet einen Rollstuhlfahrer in einer Wahlkampfveranstaltung, doch mal kurz aufzustehen - ein Brüller.

Natürlich hat McCain mit der Wahl Palins zur Co-Kandidatin viel zur Comedy-Eskalation des Wahlkampfs beigetragen. Doch die Verantwortung dafür, dass der Anlauf zur Wahl zur Lachnummer geworden ist, tragen beide Parteien gemeinsam. Barack Obama und seine Gattin Michelle, die gerne in die "Daily Show" kamen, um sich dort von Jon Stewart wachsweich und ein bisschen lustig interviewen zu lassen.

John McCain, der sich in den TV-Debatten ("ich bräuchte vielleicht selbst bald Haar-Implantate") und eben in "Saturday Night Live" verzweifelt um ein bisschen Selbstironie bemühte.

Und eben Sarah Palin, die sich an allen Fronten versehentlich, und dann bei "Saturday Night Live" auch noch absichtlich lächerlich machte.

Das Gespann der Republikaner versuchte, mit den Wölfen zu heulen. Der bei den traditionell liberal eingestellten Profi-Witzemachern beliebtere Obama nutzte Comedy-Formate für ziemlich trockene politische Einlassungen - ohne allzu harte Nachfragen befürchten zu müssen. Beides ist auf die Dauer nicht unbedingt gut für die Demokratie.

Dazu kam: Jeder Lapsus steht heute jederzeit abrufbar zur Verfügung. Youtube und andere Videoplattformen sind längst zum jederzeit verfügbaren Dauerarchiv für jeden noch so kleinen Kandidaten-Fehltritt geworden - Urheberrecht hin oder her. Die klassischen US-Medien liefern das Material, die Web-2.0-Nutzerschaft sammelt es ein, lädt es hoch - und verarbeitet es anschließend weiter, ob als Collage, Parodie oder Parodie der Parodie. Inzwischen sind die meisten US-Sender dazu übergegangen, das Rohmaterial lieber selbst als einbettbare Videos im Youtube-Stil zur Verfügung zu stellen.

Das Wechselspiel der Kanäle erzeugt eine sich immer schneller drehende Spirale der Selbstreferentialität - Online-Medien zitieren Fernsehsender, die zitieren das Web, das wiederum Fernsehsender zitiert, die andere Fernsehsender zitieren. Postmoderner Polit-Overkill. Jede Umdrehung soll die Stolperer noch witziger machen, führt aber auch immer noch weiter weg von den eigentlichen politischen Inhalten.

Man kann nur hoffen, dass sich die USA nach der Wahl wieder ein bisschen beruhigen.

Und dass das Beispiel keine Schule macht - denn ein Comedy-Wahlkampf mit den Hauptprotagonisten Mario Barth, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier wäre eine entsetzliche, eine ganz und gar nicht komische Vorstellung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Vergil 03.11.2008
1. seufz
Zitat von sysopPeinliche Interview-Schnipsel, freiwillige und unfreiwillige Comedy-Auftritte, ein Land kichert gegen die Krise an: In den USA kämpfen Barack Obama und John McCain um Stimmen und Lacher - ohne Scheu vor Peinlichkeiten. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,588118,00.html
Ach ja, der SPIEGEL und die USA. Jetzt ist der US-Wahlkampf dem Rezensenten sogar zu witzig. Ich find es eigentlich ganz angenehm, dass die US-Kandidaten durchaus in der Lage sind, über sich lachen zu können. Allen voran McCain hat viel Humor bewiesen, aber der ist ja sowieso eine coole Sau. :-) "Und dass das Beispiel keine Schule macht - denn ein Comedy-Wahlkampf mit den Hauptprotagonisten Mario Barth, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier wäre eine entsetzliche, eine ganz und gar nicht komische Vorstellung." Das ist deshalb eine entsetzliche Vorstellung, weil weder unsere "Comedians" noch unsere Politiker mit den US-Vorbildern mithalten können. Wir haben keinen Jon Stewart, keine Tina Fey, keinen Steven Colbert; wir haben nur Mario Barth & Co. Unpolitische Hampelmänner.
a-mole 03.11.2008
2. Truthiness!
wieso erwähnt SpOn bei solchen beiträgen eigendlich nie den einzig wahren verfechter von recht, ordnung und truthiness im TV.. Stephen Colbert!? aber egal.. tatsache ist: ich beziehe meine US Wahlkampf infos fast nur noch aus den Comedy sendungen... aber ich muss die leute ja auch nicht wählen ;)
christoph.h 03.11.2008
3. "Humor ist, wenn man trotzdem lacht"
Seit circa 20 Jahren bemüht sich die deutsche Poltik um einen ausgeglichenen Haushalt, Senkung der Lohnnebenkosten, Verbesserung des Bildungsangebotes, usw., usf. Nichts ist von alledem ist eingetroffen, traurig und hilflos steht man neben der Finanzkrise, deren Folgen die Allgemeinheit aufgebürdet bekommt und ist weiter von all diesen Zielen entfernt als jemals zuvor. Wenn man da nicht lachen kann, wann dann? Etwas mehr Humor - und sei es auch nur Galgenhumor - könnte dem trübsinnigen Deutschland grade in diesen Zeiten mal gut tun!
millibua 03.11.2008
4. deutschland braucht einen wandel ;)
jaja die welt geht zu grunde... ;) Den Vergleich am Ende finde ich auch etwas unangebracht. Immerhin dreht sich die angesprochene Comedy in Amerika ja um politiche Kultur (mal mehr mal weniger) während Mario Barth mir allwöchentlich den Geschlechterkampf neu aufkocht und von Politik (zumindest in seiner Rolle) wenig Ahnung vermittelt :) Warum ist politische Satire wie sie exzellent von dem oben auch schon erwähnten Stephen Colbert praktiziert wird oder ein gepflegter Sarkasmus nach Jon Stewart in Deutschland eigentlich nicht verbreitet?
danki 03.11.2008
5. US-Wahlshow
Was hat man uns in diesem D nicht alles erzählt.Die USA als die Nation mit der Erfindung der Demokratie.Sie kämpft für die Menschenrechte (der Reichen).Und jetzt auch noch 24 Std.rund um die Uhr USA-Gesülze.Sie,die Bürger dieses "demokratischen" Staates wissen noch nicht einmal wer der/die Bundeskanzler/in von D ist,und unsere TV-Anstalten gebärden sich als der 51.Bundesstaat der USA.Ich will nicht ausschließen,daß wir heimlich Dank unserer Politiker zu diesem geworden sind.Es ist wirklich unerträglich,dass hier von Demokratie gefaselt wird,wenn ein Bewerber zukünftiger Präsident nur wird,wenn er Mio von $ einsammelt.Und dann die Mio wieder zurückgibt,dass er die "Sponsoren" in seiner zukünftigen Politik "zufriedenstellt.Erbärmliche "Demokratie",die aber auch bei uns immer mehr Einzug hält.
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