Massaker in Najib Yan: US-Militär löschte Internetspuren des Amokläufers

Nach dem Amoklauf in der afghanischen Stadt Najib Yan tilgte das US-Militär Dokumente über den mutmaßlichen Täter aus dem Netz, darunter Fotos und ein Frontbericht. Auch das Blog der Ehefrau verschwand. Angeblich aus Furcht vor Sensationsgier der Medien. Wirklich erfolgreich war die Aktion nicht.

Afghanistan: Einzelhaft für den Amokläufer Fotos
AP

Washington - Das Militärmagazin "Stars and Stripes" darf seine Quellen nicht namentlich nennen, liefert aber Begründungen dafür, warum sich kurz nach dem Amoklauf in Najib Yan einige Dokumente über den mutmaßlichen Täter Robert Bales aus dem Internet verschwanden. Die "Sensationsgier" die man nach der Veröffentlichung von Bales' Namen erlebt habe, sei "Beleg genug, dass wir recht damit hatten, das zu versuchen", zitiert das Militärmagazin einen ungenannten Angehörigen der US-Streitkräfte.

Natürlich wisse man, dass Websites etwa im Cache von Suchmaschinen weiterhin abrufbar blieben, aber "wir waren es seiner Frau und seinen Kindern schuldig, zu tun, was wir konnten". Der 38-jährige Bales ist zweifacher Vater. Ihm wird vorgeworfen, in Afghanistan 17 Dorfbewohner getötet zu haben, darunter neun Kinder.

Bales soll nach US-Medienberichten wegen mehrfachen Mordes angeklagt werden. Dem 38 Jahre alten Unteroffizier werde vorgeworfen, in der südafghanischen Provinz Kandahar 17 Menschen getötet und sechs weitere angegriffen zu haben, meldete am Donnerstag unter anderem der TV-Sender CNN. Damit wird offensichtlich von einem Opfer mehr ausgegangen, als bislang bekannt war. Namentlich nicht genannten hohen Regierungsbeamten zufolge wird am Freitag offiziell Anklage erhoben.

Bei dem nächtlichen Amoklauf vor knapp zwei Wochen kamen nach afghanischen Angaben zahlreiche Kinder und Frauen ums Leben. Das Massaker hatte Wut und harte Kritik an den internationalen Truppen in dem Land ausgelöst. Die Regierung in Kabul hatte ein öffentliches Verfahren gegen den US-Soldaten in Afghanistan verlangt. Zudem zweifeln manche Afghanen an der US-Darstellung eines Einzeltäters.

Privater Blog der Ehefrau blockiert

Entfernt wurde nach Bekanntgabe seines Namens beispielsweise ein Bild, das Bales in Kampfmontur gemeinsam mit einem anderen Mann zeigt, beide sind über ein Dokument gebeugt. Auch ein Artikel aus der Zeitung seines Armeestützpunktes aus dem Jahr 2007 wurde gelöscht, in dem Bales selbst ausgiebig zitiert wurde. In dem Text ging es um einen Einsatz von Bales und seiner Einheit im Irak. Bales selbst und seine Kameraden seien darin "in einem sehr positiven Licht" dargestellt worden, so "Stars and Stripes".

Kurz nach Bekanntwerden von Bales' Namen war auch das private Blog seiner Ehefrau, in dem sie beispielsweise berichtet hatte, wie enttäuscht ihr Mann gewesen sei, als man ihn bei einer Beförderungsrunde übergangen habe, nicht mehr zugänglich. Nur noch mit einem Passwort kann man darauf zugreifen. Ob dies jedoch auf Veranlassung des Militärs oder auf Initiative der Ehefrau selbst geschah, ist unklar.

Schon kurz nach Bekanntgabe von Bales' Namen hatten US-Medien dennoch die entsprechenden Fotos und auch den Artikel und das Blog seiner Frau gefunden und daraus zitiert. Informationen schnell aus dem Netz zu tilgen ist schwierig, weil Suchmaschinenbetreiber wie Google gespeicherte Versionen der Seiten auf ihren eigenen Servern im sogenannten Cache vorhalten.

Bales wird nun vom amerikanischen Anwalt John Henry Browne vertreten. Dessen Kanzlei nahm zu den Vorwürfen, die Bales am Freitag persönlich vorgetragen sollen, auf Anfrage keine Stellung. Browne hatte bereits vorher die vom Militär herangezogenen Beweise für Bales' Schuld in Zweifel gezogen. Der Verteidiger wies auch zurück, dass Alkohol und Stress im Spiel gewesen seien. Sein Mandant habe aber vor Jahren im Irak ein Schädeltrauma erlitten und sei gegen seinen Willen nach Afghanistan geschickt worden.

cis/dpa

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