Internetzugang unterbrochen US-Militär soll russische Trollfabrik angegriffen haben

Die Cyberwar-Behörde der USA hat einem Medienbericht zufolge die russische Trollfabrik IRA kurzzeitig vom Netz getrennt - um die Kongresswahlen zu schützen. Wie ist die Operation einzuordnen?

In diesem Gebäude in St. Petersburg soll die Internet Research Agency arbeiten.
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In diesem Gebäude in St. Petersburg soll die Internet Research Agency arbeiten.

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Das US-Militär hat angeblich die russische Trollfabrik Internet Research Agency (IRA) für etwa zwei Tage vom Netz genommen, um eine Desinformationskampagne rund um die Auszählung der Midterms-Stimmen zu verhindern. Das berichtet die "Washington Post" unter Berufung auf mehrere anonyme US-Beamte. Der Vorgang ist auf gleich vier Ebenen bemerkenswert.

Die erste Ebene ist die bloße Existenz des Zeitungsberichts. Sie legt nahe, dass die US-Regierung die eigentlich geheime Aktion bekannt machen wollte, ohne sie offiziell zu bestätigen. Auf diese Weise kann sie die eigene Bevölkerung sowie die IRA und ihre Hintermänner wissen lassen, dass sie auch offensive Maßnahmen ergreift, um US-Wahlen gegen ausländische Einflussnahmeversuche abzusichern.

Die zweite Ebene ist der Inhalt. Die IRA ist seit Jahren aktiv und versucht zum Beispiel mit gezielter Facebook-Werbung sowie Fake-Accounts in den sozialen Netzwerken, die gesellschaftliche Spaltung unter anderem in den USA zu vertiefen. Auch vor den Kongresswahlen im November 2018 war sie höchstwahrscheinlich aktiv.

Die IRA kurzzeitig durch das (im Artikel nicht näher erläuterte) Lahmlegen ihrer Internetverbindung zu stören, und zwar erst an den Tagen der Wahl und der Auszählung, wird sie nicht davon abhalten, es wieder zu versuchen. Der Politikwissenschaftler Thomas Rid, ein Experte für Desinformationskampagnen, sagte der "Washington Post": "So eine Operation wäre nur ein Nadelstich, der eher ärgerlich ist, als langfristig abschreckend."

Rid hatte dem SPIEGEL kürzlich gesagt, dass er die IRA-Kampagnen in sozialen Netzwerken für "maßlos überschätzt" hält, "gerade im Vergleich zu anderen Ansätzen wie dem Hacken von Politikern und der Veröffentlichung ihrer Daten und Dokumente, dem Hacken von Wahlinfrastruktur oder der Finanzierung von rechtsextremen Parteien".

Lesetipp: Interview mit Thomas Rid zu russischer Desinformation

"Die große strategische Abschreckung" sei aber auch gar nicht unbedingt das Ziel, zitiert die "Washington Post" eine ihrer Quellen. Es gehe darum, "ihnen Probleme zu bereiten, Reibung zu erzeugen, für Verwirrung zu sorgen". Auch das habe einen Wert, allein schon als Machtdemonstration.

Der Angriff muss denn auch eher als Teil einer größer angelegten, im hier verlinkten US-Dokument in Grundzügen ausformulierten Strategie gesehen werden: So wurde 2018 der mutmaßliche Geldgeber der IRA, Yevgeny Prigozhin, zusammen mit zwölf weiteren Russen von Sonderermittler Robert Mueller angeklagt, wegen Einmischung in US-Wahlen. Ebenfalls im vergangenen Jahr hatte das US-Militär begonnen, mutmaßliche IRA- und auch Geheimdienstmitarbeiter einzeln anzuschreiben, um ihnen zu signalisieren, dass sie beobachtet werden.

Die dritte Ebene ist die juristische. Der "Washington Post" zufolge wurde der Angriff vom U.S. Cyber Command (U.S. Cybercom) durchgeführt, unterstützt von der NSA. Beide Behörden unterstehen demselben General, sind aber formal getrennt. (Wie das in der Praxis aussieht, beschreibt Rob Joyce von der NSA in diesem Podcast ab Minute 15:50.)

Die rechtlichen Grundlagen für derartige Offensivoperationen wurden erst 2018 geschaffen, durch eine Gesetzesänderung und eine Exekutivanordnung von US-Präsident Donald Trump. "Wir antworten jetzt nur mit Mitteln, die der Gegner schon seit Jahren einsetzt", sagte ein Informant aus dem Umfeld des Pentagons der "Washington Post". "Das ist keine Eskalation. Wir nehmen vielmehr endlich am Spiel teil". Es ist anzunehmen, dass es in Zukunft öfter zu offensiven Hacking-Operationen durchs U.S. Cybercom kommt, die aber als Verteidigungsmaßnahmen deklariert werden.

Die vierte Ebene ist der politische Kontext. Am heutigen Mittwoch wird Trumps ehemaliger Anwalt Michael Cohen öffentlich vor dem Haushaltsausschuss des US-Repräsentantenhauses aussagen. Seinem bereits veröffentlichten Eingangsstatement zufolge wird er auch über die Kontakte der Trump-Kampagne mit Russland sprechen. Der Bericht der "Washington Post" ist daher wohl auch eine Erinnerung daran, dass die USA Russland bis heute als Gegner betrachten - und bekämpfen.

insgesamt 58 Beiträge
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mfeldtn 27.02.2019
1. Nur ein Warnsignal
Die Aktion ist vermutlich nur ein Warnsignal, würde auch viel mehr nicht bringen. Als solches aber könnte es durchaus Wirkung zeigen. Mann kann den Leuten zeigen daß man durchaus in der Lage ist, auch selbst offensiv tätig zu werden. Besser wäre noch direkt in die Personalabteilung einzudringen, die Mitarbeiter zu identifizieren und gezielt Sanktionen zu verhängen. Dann würde sich der eine oder andere Student mit guten Sprachkenntnissen vielleicht schon überlegen, ob er für die IRA tätig wird.
isi-dor 27.02.2019
2.
Wir können also ein paar Dinge aus dem Artikel so festhalten: 1. Die Russen haben in US-Wahlen eingegriffen, auch in die Präsidentenwahl. Die Frage wäre dann eigentlich nur noch zu klären, für wen? 2. Die US-Geheimdienste können irgendwen jederzeit "vom Internet nehmen", was ja wohl bedeutet, dass niemand dagegen eine Chance hat. 3. Es gibt die russische Trollfabrik und sie ist weltweit aktiv in Spaltung von Gesellschaften. Klingt alles nicht so gut.
Kamillo 27.02.2019
3.
Einserseits, wenn die Russen damit nur wenig bewegen könnet, würden sie das mit der IRA nicht machen, da steckt einiges an Manpower und Geld drin. Andererseits reicht es, ein Wahlergebnis von 49% auf 51% zu pushen, um die Welt auf den Kopf zu stellen. Geziehlte Nadelstiche können viel bewegen.
si-ar 27.02.2019
4.
Zitat von mfeldtnDie Aktion ist vermutlich nur ein Warnsignal, würde auch viel mehr nicht bringen. Als solches aber könnte es durchaus Wirkung zeigen. Mann kann den Leuten zeigen daß man durchaus in der Lage ist, auch selbst offensiv tätig zu werden. Besser wäre noch direkt in die Personalabteilung einzudringen, die Mitarbeiter zu identifizieren und gezielt Sanktionen zu verhängen. Dann würde sich der eine oder andere Student mit guten Sprachkenntnissen vielleicht schon überlegen, ob er für die IRA tätig wird.
Dann aber bitte auch bei allen anderen. Diese Einseitigkeit ist bigott. Es kann doch nicht sein, dass man sich selbst das Recht herausnimmt sich überall einzumischen, doch umgekehrt alles zu unterdrücken. Bei Facebook müssen jetzt russische Seiten veröffentlichen von wem sie finanziert werden, doch nur die. Wer hinter den anderen Seiten steht und diese finanziert, interessiert Facebook nicht.
Emderfriese 27.02.2019
5. Die Guten
"Die Cyberwar-Behörde der USA hat einem Medienbericht zufolge die russische Trollfabrik IRA kurzzeitig vom Netz getrennt..." Interessant! Stellt sich für mich die Frage, was können die sonst noch? Oder besser: Was m a c h e n die sonst noch?
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