S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Trumps Erfolg, erklärt in drei Tweets

Wie konnte es bloß so weit kommen? Das scheint, von Europa aus, die beherrschende Frage mit Blick auf den Erfolg Donald Trumps zu sein. Die Erklärung für das Phänomen Trump findet sich in drei Tweets.

Trump-Wahlplakat: "Amerika wieder großartig machen"
AFP

Trump-Wahlplakat: "Amerika wieder großartig machen"

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Da stehen wir, die sich für irgendwie liberal haltenden Weltversteher, und schauen der weiteren Auflösung einer Gewissheit des 20. Jahrhunderts zu. Dass politischer Fortschritt in westlichen Demokratien - nach unserem Verständnis der Aufklärung - eine Art Einbahnstraße sei. Und dann: Front National, FPÖ, AfD. Und Trump.

Plumper Anti-Amerikanismus (in Deutschland von ganz links bis ganz rechts salonfähig) verschleiert für viele, dass die amerikanische Öffentlichkeit weiter entwickelt ist als etwa die in Deutschland. Das heißt in diesem Fall, dass Trumps Triumph bei den Vorwahlen als Vorausschau funktionieren kann. Denn Trumps Sieg ist ein Sieg einer digitalen Öffentlichkeit, die aus hyperventilierenden sozialen und getriebenen redaktionellen Medien besteht. Drei Tweets helfen, das zu verstehen.

"Der Versuch, im Jahr 2016 einen Witz zu machen, der niemanden kränkt" lautet die Übersetzung, und dieses Mem ist nicht nur witzig. Es trifft einen essentiellen politischen Punkt, der für Trumps Erfolg entscheidend ist. Das Gefühl, nichts mehr sagen zu dürfen, aus Gründen der "Political Correctness". Dieses Gefühl existiert ebenso in Deutschland, und es ist meiner Einschätzung nach viel stärker und politisch wirksamer als gemeinhin geglaubt. Vor allem aber stimmt dieses Gefühl, nicht ganz so, wie von Trump- oder AfD-Wählern formuliert, aber es stimmt.

Denn soziale Medien haben früher private Mikro-Öffentlichkeiten dokumentierbar gemacht. Dadurch können sie - siehe die Verurteilung von Lutz Bachmann wegen Volksverhetzung in einer geschlossenen Facebook-Gruppe - noch lange danach in große und größte Öffentlichkeiten katapultiert werden. Die aber funktioniert nach anderen, strengeren Regeln. Wie jeder weiß, der zu Hause schon mal einen Scherz gemacht hat, für den er auf dem Sofa bei Anne Will umgehend gesellschaftlich exkommuniziert würde.

Dieses Eindringen der Regeln einer großen Medienöffentlichkeit in private Sphären muss nur ein paar Mal sichtbar stattgefunden haben, um das Gefühl zu wecken: "Oh, da wird jemand gerade für etwas zur Rechenschaft gezogen, was ich auch schon gesagt habe oder gesagt haben könnte."

"Man kann nicht mehr x sagen, ohne dass jemand widerspricht"

Gleichzeitig haben soziale Medien durch ihre schnelle Verbreitung und die Reichweite über das engste soziale Umfeld hinaus bewirkt, dass kontroverse und erst recht menschenfeindliche Äußerungen Gegenwind erfahren. Das ist aus meiner Perspektive gut, weil Widerspruch gegen Menschenfeindlichkeit ein wichtiges Instrument der Zivilgesellschaft ist. Aber Leute wie Trump- oder AfD-Wähler interpretieren Widerspruch als gefühltes Verbot. Dahinter stehen völlig verschobene Maßstäbe rund um den Begriff Meinungsfreiheit, denn "Man darf nicht mehr x sagen" müsste eigentlich heißen: "Man kann nicht mehr x sagen, ohne dass jemand widerspricht."

Wer früher in seinem Wohnzimmer rassistische Witze gemacht hat, unwidersprochen, ungestraft, der kann genau das in seinem neuen, digitalen Wohnzimmer eben nicht mehr tun, ohne Konsequenzen zu fürchten. Persönlich finde ich das richtig, aber das ändert ja nichts daran, das als Einschränkung der persönlichen Kommunikation zu empfinden. Dieses Gefühl eint Rechtspopulisten auf der ganzen Welt.

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Aber nicht nur Rechtspopulisten, denn es werden - Anlass Internet - ohnehin gerade Regeln über die Grenzen der Kommunikation in der Öffentlichkeit und der Verletzung anderer Leute und Gruppen neu ausgehandelt. Und dabei dringen diese Kommunikationsregeln für die große, massenmediale Öffentlichkeit bei allen Leuten auch in die gefühlt private, digitale Kommunikation.

Diese neuen Grenzen sind insbesondere bei Witzen zu spüren, weil dabei oft durch Grenzüberschreitung der Witz erst entsteht. Der Tweet mit dem mühsam durch Laser kriechenden Jungen beschreibt also ein Gefühl bei sehr vielen Leuten. Bei denjenigen, die ohnehin diffus wütend auf empfundene Bevormundung sind, wird dieses Gefühl zum Grund, ein vermeintliches Gegenmittel zu wählen.

Donald Trump gewann ab dem Moment, wo seine rassistischen Ausfälle gegen Mexikaner zum Signal wurden: "Ich schere mich nicht um Political Correctness! Ich verweigere mich der Rassismus-Debatte!". Meiner Einschätzung nach ist dieser Mechanismus auch in Deutschland sehr wirksam. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass eine Debatte um die Funktion, das Ziel und die Wirkmacht von "Political Correctness" hierzulande überfällig ist, trotz oder vielleicht wegen der Tatsache, dass dieser Begriff von Beginn an als reaktionärer Kampfbegriff gemeint war.

Dieser Tweet von John Cleese bezieht sich auf ein angebliches Murdoch-Zitat. Danach ist der Grund, weshalb der Medienmilliardär für einen Brexit ist, dass Downing Street 10, also der britische Premierminister, ihm gehorche. Wogegen in Brüssel niemand von ihm Notiz nehme. Mit diesem Tweet wird eine Einschätzung weiter Teile der Öffentlichkeit aufgezeigt: Superreiche und Medien hätten allergrößten Einfluss auf die Politik.

Der Medienhass frisst seine Eltern

Etwa seit dem Aufkommen von Pegida wird die große Presseskepsis wieder mit dem Begriff "Lügenpresse" in Verbindung gebracht. Dieses tiefe Misstrauen, gemischt mit Hass, ist in den USA schon länger eine wichtige politische Energie. Kein Kandidat der Republikaner, der nicht heftige Medienschelte zum Teil seiner Öffentlichkeitsstrategie machte. "Mainstream Media", kurz MSM, lautet seit Jahren das Schlüsselwort, um eine Medienverschwörung zu beschreiben.

Die Triebfeder dieser Medienablehnung ist weniger eine echte Verschwörung, sondern die tatsächliche Verflechtung von Politik und Medien. Ironischerweise hat diese Verflechtung niemand stärker und gezielter vorangetrieben als Rupert Murdochs Sender Fox News, der die reaktionäre Bewegung "Tea Party" erst möglich gemacht hat. Aber der Medienhass frisst seine Eltern, denn Trump-Wähler erkennen, dass Trump durch seine Popularität, die sozialen Medien und seine Beherrschung der Medienmechanismen kein Kandidat von Fox' Gnaden mehr ist.

Und zugleich ist eine für Wähler aller politischen Spektren einsichtige Botschaft in John Cleese' Tweet verborgen: Trumps Geld scheint ihn immun zu machen gegen die Begehrlichkeiten anderer Milliardäre. Die amerikanische Politik ist vor allem auf Betreiben der Republikaner durch Gerichtsurteile, Gesetze und mediale Entwicklungen immer stärker durch Geld beeinflussbar geworden. Die ohnehin verbreitete Ablehnung des Establishments hat das gesteigert, verbunden mit der Einschätzung, das politische System sei von innen nicht mehr reformierbar. Weshalb jemand von außen gebraucht wird: ein Nicht-Politiker.

Trump-Wähler hoffen darauf, dass die an Käuflichkeit grenzenden politischen Praktiken in Washington bei Trump nicht verfangen würden, nach der simplen Formel: Geld lässt sich nur durch mehr Geld schlagen. Noch spielt dieser Aspekt in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle, aber das kann sich leicht ändern, denn das Gefühl, Geld und Medien hätten zu großen Einfluss, ist auch hier allgegenwärtig.

Und schließlich muss natürlich auch ein Tweet von Trump selbst dabei sein:

Dieser Tweet ist eine Lüge in fast jeder Hinsicht. Seit der Rezession der Bush-Jahre, verstärkt durch die teuren Kriege und die Finanzkrise, haben sich die USA wirtschaftlich stark verbessert. Weniger Arbeitslose, mehr Krankenversicherte und die Wirtschaft boomt zum Großteil. Aber weil von diesem Boom vergleichsweise wenig bei den Ärmeren angekommen ist - vor allem durch republikanische Politik - kann das Gefühl gedeihen, dem Land ginge es wirtschaftlich schlecht. Denn das Eingeständnis, selbst nicht wirtschaftlich erfolgreich zu sein, fällt schwerer als einfach zu glauben, dem ganzen Land ginge es schlecht. Erst Recht in den USA, wo einem (vermutlichen) John-Steinbeck-Zitat zufolge sich die Armen nicht als ausgebeutetes Proletariat sehen - sondern als vorübergehend in Schwierigkeiten geratene Millionäre.

Und hier, im Schlusssatz in Großbuchstaben, findet sich die Essenz von Trumps Erfolg. MAKE AMERICA GREAT AGAIN heißt für seine Wähler: Trump gibt mir die Zeit zurück, in der für mich oder solche wie mich noch alles besser war. Völlig unabhängig davon, ob es diese Zeit rational nachvollziehbar überhaupt je gegeben hat. Ein Held der Irrationalität als Lösung für real existierende, aber irrational interpretierte Probleme. Und davor muss man sich fürchten. Weniger, weil Donald Trump gewinnen könnte, das ist sehr unwahrscheinlich. Sondern weil genau dieses Rezept auch in Deutschland funktionieren kann: Zurück zu einem "Früher", das es nie gab - außer in den Köpfen.

tl;dr

Trumps Erfolg hängt stark mit medialen Entwicklungen zusammen und basiert auf der Ablehnung von "Politischer Korrektheit", Trumps vermeintlicher Unabhängigkeit von Medien und Geld und auf Irrationalität.

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insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
helmut.alt 04.05.2016
1.
Eine hervorragende Analyse, der ich zu 100% zustimme. Otto Normalbürger hat es satt zu einem Verhalten ("political correctness") gezwungen zu werden, das ihn zu sehr einengt (das fängt schon bei der vorgeschriebenen Wortwahl an wie z. B. bei der Bezeichnung bestimmter Volksgruppen, etc.). Kein Wunder, wenn dann "Heilsversprecher" leichtes Spiel haben.
Tim van Beek 04.05.2016
2. Finanzkrise 2008/2009
"Mit diesem Tweet wird eine Einschätzung weiter Teile der Öffentlichkeit aufgezeigt: Superreiche und Medien hätten allergrößten Einfluss auf die Politik." Wenn Sie sich noch an die Finanzkrise 2008/2009 erinnern und an so schöne Schlagworte wie "too big to jail", dann sollte diese Einschätzung schon nachvollziehbar sein.
Schlumperli 04.05.2016
3. Soso
Gleich der zweite Satz im Text zeigt, wie einfach man es sich machen kann: Man definiert die eigene Meinung als "Fortschritt". Alles was davon abweicht ist dann naturgemäß "Rückschritt".
jpgermany 04.05.2016
4. sehr guter Artikel
als jemand der vor Jahren länger in den USA gelebt hat und immer noch einige Male im Jahr dorthin fährt, kann ich die in diesem Artikel gemachten Beobachtungen nur bestätigen. Viele meiner Freunde dort machen diese schon seit Jahren. Und der "scary thought" der einem dabei kommt ist, hätte die AFD auch nur eine charismatische Persönlichkeit in ihren Rängen .....
Hoschi 04.05.2016
5. Da hat schon Karl Valentin
richtig erkannt: "Erstaunlich, dass morgen, doch das Heute, die gute alte Zeit von gestern ist."
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