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US-Wahlkampf: Blogger als Berichterstatter?

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In Web-Logs erkennen immer mehr Menschen einen erfrischend ehrlichen Gegen-Journalismus, losgelöst von Refinanzierungszwängen und anderen Abhängigkeiten. Bei der Democratic National Convention waren erstmals Blogger als Journalisten akkreditiert. Ganz nah dran - oder zu nah?

Blogs rund um den Wahlkampf der "Democrats": Wo endet Berichterstattung, wo beginnt Wahlwerbung?

Blogs rund um den Wahlkampf der "Democrats": Wo endet Berichterstattung, wo beginnt Wahlwerbung?

Wahlkampfveranstaltungen gehören selten zu den wirklich spannenden Events: Zu oft - zumindest aus Perspektive der Veranstalter - beginnen Berichte mit Worten wie "Erwartungsgemäß", "Wie erwartet" oder "Wenig überraschend". Das ist in den USA nicht viel anders als hier zu Lande: Wer zu einer Wahlkampfveranstaltung geht, ist per definitionem jubelbereit. Journalisten sind das eher selten. Sie berichten von ausgesuchten Veranstaltungen, mehr nicht: Kennt man eine, kennt man alle.

Auch darum werden wohl Berichte von solchen Veranstaltungen seltener. Die Agenturen sind bei den Großen dabei, die großen Fernsehsender ebenfalls - doch generell sinkt die Zahl der Journalisten vor Ort eher, tendenziell nimmt die Zahl der Berichte und Reportagen ab.

Nur bei den Wahlkampf-"Conventions" der amerikanischen Parteien ist das anders. Sie sind spätestens seit Clinton vor allem Medien-Events, was sich schon in den Zahlen spiegelt: Bei der Democratic National Convention in Boston trafen 5000 Delegierte auf schätzungsweise 15.000 Medienleute.

Bei den National Conventions - mehr Krönungsfeierlichkeit als Wahlwerbeveranstaltung - sollen Lautstärke und Länge der Jubelschreie und des Applauses als Indikator für die Erfolgsaussichten der Kandidaten dienen, nächster Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Das Pressechorps verstärkten die Demokraten in diesem Jahr durch frische Korrespondenten, von denen sie eine engagiertere Berichterstattung erwarteten als vom Mainstream der Medien: Sie akkreditierten rund drei Dutzend so genannte Blogger.

Ein Novum, ein neuer Trend?

Das ist cool, das wirkt jugendlich, das schafft Aufmerksamkeit. Schon ist klar, dass auch die Republikaner beginnen werden, Blogger zu ihren Veranstaltungen zuzulassen. Zumindest in den USA hat der Laien-Journalismus der Weblogs inzwischen so große Reichweiten erreicht, dass man an den Bloggern nicht mehr vorbei kommt - aber das will man ja auch gar nicht.

"DemocraticGirl": Nimbus der freien Berichterstattung - trotz und wegen Beziehens einer klaren politischen Position

"DemocraticGirl": Nimbus der freien Berichterstattung - trotz und wegen Beziehens einer klaren politischen Position

Denn Blogs bieten aus Sicht der werbenden Parteien erhebliche Vorteile: Sie sind offen subjektiv, parteiisch (oft im Sinne des Wortes) und erreichen quasi ohne Streuverluste die richtige Zielgruppe.

Immer mehr vor allem junge Leser empfinden das als ehrlicher als den von den klassischen Medien durch Genrekonventionen und die Einhaltung von Handwerksregeln untermauerten Mythos der "objektiven" Berichterstattung. Blogs wie "TalkLeft", "DemocracyForVancouver" oder "DemocraticGirl" machen schon durch ihre Namenswahl klar, woher der publizistische Wind weht.

Doch warum auch nicht?

Das Internet war ein Kommunikations- und Zwei-Wege-Medium, lange bevor die professionellen Medien es als Plattform und manchmal nur als neuen Vertriebsweg entdeckten. In einem Medium, in dem jeder Äußerung in Diskussion und Eins-zu-Eins-Kontakt widersprochen werden kann, hat die subjektive Stimme weit mehr Gewicht als in den klassischen Medien - und jede Berechtigung.

Und trotzdem hat die Sache ein G'schmäckle: Gerade die Blogging-Szene lebt von ihrem Mythos, unabhängig zu sein, vorbei an den angeblich ausgetretenen Pfaden zwischen Macht und Medien freie Stimmen zu Gehör zu bringen. Gerade das begründete doch den Ruhm der Blogger zu Zeiten des Irak-Krieges, als sie sich erfolgreich unabhängig darstellen konnten, während die Profis "embedded" an die Leine der Zensur genommen wurden.

Doch der Sündenfall begann fast umgehend. Die Form des Blogs fand Eingang in die mediale Berichterstattung, Anbieter wie CNN oder BBC spielten Blog - und längst ist Spreu von Weizen kaum mehr zu trennen.

Ist der japanische Premier Koizumi ein Blogger? Sind die BBC-Korrespondenten Blogger, die ihre Weblogs einem Dienstplan folgend befüllen? Was ist überhaupt ein Blogger? Jeder, der ein Weblog führt, function follows form? Oder nur die, die kein Geld damit verdienen? Das liefe auf eine Disqualifizierung der wirklich guten Blogger hinaus: Angefangen von Salam Pax, der seine Bagdad-Tagebücher in Buchform verkaufte, bis zu immer zahlreicheren spezialisierten Bloggern, die zunehmend von verschiedenen Industrien umworben werden.

"Blog" klingt per definitionem nach Freiheit und Unabhängigkeit. Nach so einem Nimbus, so einem Mäntelchen, greift jeder gern.

Blogging: moderner Parteifunk?

Das sieht auch bei den Bloggern nicht anders aus, die nun in Boston eine Akkreditierung zu einem der wichtigsten Medien-Events des Jahres erhielten. Wenn da etwa der Journalismus-Professor Jay Rosen in der "New York Times" konstatiert, dass alle, "die dort durch die Tür gelassen werden, von nun die Medien" seien, vergisst er eines: Die meisten der drei Dutzend Blogger sind zugleich stimmberechtigte Delegierte und wären darum sowieso hineingekommen. Das qualifiziert sie dann allenfalls zu Öffentlichkeitsarbeitern, und so sehen viele der Blogs auch aus: Sie sind reine Polit-PR. Das ist, als würden Schröders, Stoibers, Merkels Referenten ihre Wahlkampftagebücher als Berichterstattung verkaufen.

Und sie erreichen John Kerrys potenzielle Wählerschaft quasi ohne Streuverluste. In keiner politischen Gruppierung der Welt ist Blogging als Instrument der Kommunikation und Motivation so verwurzelt wie bei den amerikanischen Democrats. Howard Deans Berater hatten die Blog-Form in ihrem Wahlkampf als Idealinstrument entdeckt, den eher farblosen politischen Underdog in den Augen auch einer jüngeren Wählerschaft aufzuhübschen. Dean mutierte zum Internet-Kandidaten, zum angeblichen Favoriten der "Digerati" und "Netizens" - sein Scheitern konnte das nicht verhindern.

Selbstmotivation per Kommunikation

Parteiintern jedoch hatte Dean einen Ruck bewirkt. In der politischen Szene Amerikas gewinnt gemeinhin derjenige mit der besten Selbstdarstellung und den potentesten Sponsoren: Anders als etwa in Deutschland wird der Wahlkampf nicht von der Partei organisiert, sondern wird zu nicht unerheblichen Teilen von den Kandidaten selbst finanziert. Ein Underdog war Dean aber vor allem in finanzieller Hinsicht - und schaffte es, eine "Graswurzel-Bewegung" innerhalb der eigenen Partei zu mobilisieren, die auch für Geldflüsse sorgte. Das war neu.

Und diesen Schwung will auch Kerry nutzen. Die Bloggerin Ellen Meserow, Delegierte und frühere Mitarbeitern Deans, machte das in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP ganz klar: "Wir wollen diese Gemeinschaft nicht verlieren. Aber wir würden sie verlieren, wenn wir zurückgehen zur traditionellen Organisation demokratischer Parteitage."

Nun sollen also parteinahe Blogger dafür sorgen, dass der Funke der Kerry-Euphorie auch auf die überspringt, die nicht dabei sein konnten. Die meisten der akkreditierten Blogger, angeblich Neu-Medienmacher in Konkurrenz zu den verstaubten Alt-Medienmachern, entpuppen sich als parteieigene Gewächse, als Jungwähler-Motivatoren, als instrumentalisierte Jubelträger ohne kritischen Abstand.

Die subjektive, emotional gefärbte Perspektive hilft dabei: Nur in der politischen Bloggosphäre der demokratischen Partei erfahren deren potenzielle Wähler, was abends auf den Partys abgeht, wie cool dies und jenes war oder ist.

"Wir wollen den Menschen das Gefühl geben, dabei zu sein", sagt der Blogger-Delegierte Greg Rodriguez aus Seattle. Blog-Fans hoffen, dass Blogging auch den Blick aufs Kleine, aufs Detail wieder kultivieren werde. Der Blogger "psyntist" tut genau das und beschreibt alles von der Rührung über Clintons Rede, über die Zusammenstellung der kostenlosen Buch- und Broschüren-Tüten, die man an den Ständen erbaggern kann, bis hin zu der Szene, als er nach dem Essen den Bus verpasst.

Das alles ist wirklich originär, glaubhaft ehrlich, jugendlich frisch - und erschreckend abstandlos. Fun-Politik in Reinkultur, die entertainige, nur vordergründig journalistische Form als Vehikel der Botschaft: Bingo! Mission accomplished, Medien und deren um Qualität bemühte Filter erfolgreich umgangen. Toll - und immer populärer. Es gibt Stars unter den Bloggern.

Schon ist es soweit, dass sich da der Kreis schließt: Mit Ana Marie Cox landete eine bekannte Bloggerin als Reporterin vor den TV-Kameras eines richtig großen Senders. Sie berichtet von der Democratic Convention - und zwar für MTV. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Viacom-Musiksender stilbildend auf andere Sender wirkt.

P.S:Die Nachrichtenagentur AP meldet, dass die ARD unter der Adresse "blog.tagesschau.de" nun ebenfalls Reporter-Weblogs beginnt. Erstes großes Thema der drei involvierten Hörfunk-Korrespondenten: Der amerikanische Wahlkampf.

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