Usenet: Todesstrafe für AOL?

Von Jörg Schieb

Dreizehn Internetbenutzer haben öffentlich beantragt, AOL vom deutschsprachigen Teil des Usenet auszuschließen. Begründung: AOL begünstige durch unkontrollierte Schnupperangebote das Versenden unerwünschter Werbebotschaften (Spam) und unternehme selbst bei vorliegenden Beschwerden nichts gegen Übeltäter. Nun muß die Netzgemeinde über den Antrag abstimmen.

Während das World Wide Web über die Jahre immer bunter und kommerzieller geworden ist, hat sich das Usenet, die weltweite Plauderecke des Internet, kaum verändert. Im Grunde genommen gelten immer noch dieselben Spielregeln wie zu Gründerzeiten. Und die sehen vor, daß über Veränderungen im Usenet grundsätzlich demokratisch abgestimmt wird. Egal, ob eine neue Diskussionsgruppe eröffnet, die offizielle "Hausordnung" modifiziert oder ein auffällig gewordener Datensurfer ausgeschlossen werden soll: Wer möchte, kann einen entsprechenden Antrag einbringen. Es folgt eine mehrwöchige öffentliche Diskussion mit abschließender Abstimmung.

Vergangene Woche haben dreizehn Internetbenutzer von diesem netzdemokratischen Mittel Gebrauch gemacht und in der dafür vorgesehenen Diskussionsgruppe de.admin.net-abuse.announce eine Verbannung von AOL aus dem Usenet gefordert. In der mehrseitigen Anklageschrift wird dem weltweit größten Online-Dienst vorgeworfen, dem Netz im allgemeinen und dem Usenet im besonderen auf vielfältige Weise zu schaden. Deshalb regt die Gruppe an, gegen AOL die sogenannte "Usenet Death Penalty" (UDP) zu verhängen. Seitdem wird in den einschlägigen Diskussionsbereichen eifrig - und zuweilen emotional - über das Für und Wider debattiert.

Die "Usenet Death Penalty" ist der folgenschwerste administrative Eingriff, der im Usenet denkbar ist - und kommt tatsächlich einer "Todesstrafe" gleich, werden dadurch doch alle ins Usenet geschickten Diskussionsbeiträge des betreffenden Absenders konsequent ignoriert. Anders als im WWW, wo Nachrichten und Informationen von einem Server abgeholt werden, funktioniert das Usenet nach dem Durchreichprinzip: Jede Nachricht wird von Server zu Server weitergereicht. Allerdings nicht, falls ein Absender auf dem UDP-Index steht, dann bleiben die betreffenden Nachrichten einfach liegen. Die Folge: Alle 17 Millionen AOL-Mitglieder wären vom deutschsprachigen Usenet ausgeschlossen.

Sabine Becker, die zur Gruppe der "Proponenten" (Antragsteller) gehört, begründet ihre Anklage so: "AOL erlaubt mit den Freistunden-CDs Schreibzugriff aufs Usenet und auf Mail, ohne die Herkunft des Absenders zu prüfen. Zudem wird AOL bei Beschwerden nicht oder nicht erkennbar tätig." Wer unerkannt ins Internet möchte, nimmt einen Schnupperzugang von AOL in Anspruch und kann sofort nach der Anmeldung Nachrichten ins Internet schicken, ohne daß die Angaben zur Person hinreichend auf Plausibilität geprüft wurden - und das alles auch noch kostenlos. Selbst wenn Beschwerden vorliegen, läßt sich der Verursacher nicht ermitteln, da die Unruhestifter bei der Anmeldung Phantasienamen und -adressen eingeben. Doch auch ordnungsgemäß angemeldete AOL-Benutzer, so ein weiterer Vorwurf, verstoßen gegen die Netiquette. Normalerweise wird erwartet, daß der Verfasser einer Nachricht im Usenet mit seinem realen Namen auftritt - was bei AOL allerdings nicht vorgesehen ist. AOL-Mitglieder müssen grundsätzlich ihren "Screen Name" verwenden, den auch innerhalb von AOL üblichen Benutzernamen, ob sie wollen oder nicht.

Die Forderungen der Beschwerdeführer lassen allerdings das geltende Teledienstedatenschutzgesetz (TDDSG) außer acht, das in §4, Absatz 1 verlangt: "Der Diensteanbieter hat dem Nutzer die Inanspruchnahme von Telediensten und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym zu ermöglichen, soweit dies technisch möglich und zumutbar ist. Der Nutzer ist über diese Möglichkeiten zu informieren." Demnach kann also niemand gezwungen werden, mit seinem realen Namen in Erscheinung zu treten.

Lutz Donnerhacke, Netzwerkexperte aus Jena und einer der rund 40 Administratoren in Deutschland, die über das Usenet wachen, beobachtet die aktuelle Diskussion eher nüchtern. "Eine Abschaltung von AOL wird es nicht geben - selbst wenn die Mehrheit dafür stimmen sollte", erklärt er. Schließlich könne man schlecht 17 Millionen Mitglieder dafür bestrafen, daß einige wenige Unsinn anstellen.

Die "Usenet Death Penalty" ist eine selten verhängte Maßnahme. Nur ein Fall ist bekannt: 1992 wurde der Provider Netcom vom Netz genommen, weil die von dort ins Netz geschickten Werbenachrichten überhand genommen hatten. Beantragte Verbannungen von Metronet, T-Online und zuletzt Arcor wurden nicht umgesetzt, weil die Unstimmigkeiten rechtzeitig beseitigt wurden. Es sieht ganz so aus, als wäre das auch diesmal so, denn völlig folgenlos scheint die Diskussion doch nicht zu bleiben. AOL-Sprecher Alexander Adler erklärt auf Anfrage: "AOL wird in Zukunft den Usenet-Zugang in Schnupperabos sperren. Erst wenn die Angaben zur Person überprüft sind, bekommen die Mitglieder auch Zugang zum Usenet." Wer im Usenet auffällig wird, kann künftig also auch zur Rechenschaft gezogen werden.

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