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Ventile für WM-Hasser: Fußball ist nicht lustig

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Wenige Tage vor dem Anpfiff pfeifen immer mehr Menschen auf die WM. Kein Wunder: Der Euphorie-Overload provoziert regelrecht den Widerstand. Im Web feiert er fröhliche Urstände.

Okay, liebe Westfalen: Wir wussten es einfach nicht besser. Natürlich hat einer der Euren lang vor den unbekannten Rheinländern, die Mitte der Woche Kölner Bürger in den April schickten, die Idee ersonnen, dies mit einem schwachsinnigen gefälschten Amtschreiben zu tun. Auch in der Westfalenmetropole Dortmund kursierten am gleichen Tag, aber angeblich etwas früher entsprechende Flugblätter, die den Bürgern weismachen sollten, dass die "Einfuhr von Nicht-Sponsoren-Produkten" während der WM in einem Umkreis von 1000 Metern ums Stadium nicht erlaubt sei.

Beide Aktionen haben so oder so ein wenig  beim Satiremagazin "Titanic", ein wenig bei der Realität abgekupfert. Apropos Realität: Die "Titanic" widmet sich derzeit mit einer aufschlussreichen Ausstellung liebevoll dem Thema WM und wer die wirklich nach Deutschland geholt hat - nämlich nicht Franz Beckenbauer. Anerkannt wird das mittlerweile offenbar auch von der Fifa, zumindest aber auf der Frankfurter Webseite zur Fifa-WM, wo man die Geschichte noch einmal kurz nachlesen kann.

Doch zurück zu den WM-Gag-Aktionen in deutschen Städten: Im direkten Vergleich der westfälischen mit der rheinischen Variante fällt auf, dass letztere mehr aus dem Witz macht. Die Westfalenvariante kommt "furztrocken" daher, wie man dort sagt, und eher subtil (siehe Bild unten). In Köln, wo das Ganze gleich als Kombi aus Anschreiben mit quietschorangenem Checklisten-Zettel im Briefkasten landete, kennt man die Bedeutung dieses Wortes dagegen nicht. Lustig waren beide Aktionen - auch, wenn die Behörden darüber nicht lachen können, und die Fifa ist ja sowieso eine humorfreie Zone (außer in Frankfurt).

WM-Bannmeile, Dortmunder Variante: Fast zeitgleich zur Kölner Checkliste verteilt

WM-Bannmeile, Dortmunder Variante: Fast zeitgleich zur Kölner Checkliste verteilt

Wenige Tage vor dem ersten Kick mehren sich jedenfalls auch die Web-Angebote für WM-Hasser. Kein Wunder in einer Zeit, in der wohl selbst die Imbissbudenbetreiber überlegen, die Pommes fürderhin rund anzubieten (würde auch viel weniger Arbeit machen). In Foren wird gemeckert, was das Zeug hält und inständig darauf gehofft, dass die deutsche Mannschaft in der Vorrunde rausfliegt.

Das aber wäre rücksichtslos gegenüber Jürgen Klinsmann, wie Katrin, die Moderatorin von Ehrensenf, vor Tagen anmerkte, denn schließlich gibt sein Co-Trainer Joachim "Jogi" Löw über die Zeit der WM seinen Führerschein ab: "Und wer fährt dann Klinsmanns Fluchtwagen?" 

"Für Geld, da kannst du alles kaufen,
auch Leute, die dem Ball nachlaufen"
Web-Fundstück, aus einem Lied von Fredl Fesl

Nein, da gönnen wir lieber den Fußballfreunden die Rumkickerei und sehen darüber hinweg, dass die Fans ihr Fußballfest in Deutschlands Innenstädten feiern müssen: In die Stadien lässt die Fifa ja nur Privilegierte, Ticket-Lottogewinner und Betuchte, die die Sponsoren genügend schmieren können. Da haben die den Schwarzmarkt glatt durch eine Art Goldmarkt ersetzt, zumindest was die Preise angeht. Zudem landet die unter seltsamen Umständen erwirtschaftete Penunze nun nicht mehr bei schmierigen Schwarzhändlern, sondern in richtigen Kassen. Zum Teil sogar in denen der Fifa, die über ihr Reseller-Programm Teile des Schwarz- und Graumarkts gleich direkt versorgt. Was für ein Fortschritt.

Die "Kölner Checkliste": Nicht subtil, aber optimal ausgeschöpfter Gag

Die "Kölner Checkliste": Nicht subtil, aber optimal ausgeschöpfter Gag

Doch man muss - wie man in Köln sagt - auch gönnen können. Wer seinen WM-bedingten Frust unbedingt abreagieren muss, findet Erleichterung im Web: Bei "Stop the World Cup", den eher auf Kontrastprogramme setzenden Fußball-Hassern von der Initiative FußBallfreieZone, in der WM-freien-Zone und auf vielen anderen Seiten: siehe angehängte Linkliste. Wer es ganz doll treiben will, der leistet sich vielleicht sogar ein T-Shirt oder einen String-Tanga mit entsprechendem Bekenntnis: "Fußballhasser".

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Hass auf die WM: Alternativen für Ballverächter

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