Verband der Unterhaltungssoftware Heimliche Selbstauflösung

Der VUD als Lobby der Unterhaltungssoftware-Industrie steht immer dann im Rampenlicht der Öffentlichkeit, wenn die Kritik scharf schießt auf Gewaltspiele und Co. Weniger einig ist sich der Verband intern - und hat sich nun selbst abgeschossen. Verbandsinterne Querelen führten zur heimlichen Selbstauflösung.

Von


Und tschüss: Der VUD hat sich am Mittwoch so heimlich wie einstimmig aufgelöst

Und tschüss: Der VUD hat sich am Mittwoch so heimlich wie einstimmig aufgelöst

Das Gerücht drang über Gamesmarkt.de an die Öffentlichkeit: Der VUD, war da zu lesen, löse sich selber auf. Nach "längeren internen Diskussionen" habe die Ordentliche Mitgliederversammlung in Frankfurt am Mittwoch einstimmig einen entsprechenden Beschluss gefasst. "Details über die Hintergründe", schreibt Gamesmarkt, "wurden nicht bekannt."

Kein Wunder, denn in Sachen Kommunikation ist der VUD notorisch schüchtern. Überraschend einig waren sich die nun ehemaligen Verbandsmitglieder nicht nur in Sachen Selbstauflösung, sondern auch darüber, doch bitte schön nichts nach draußen dringen zu lassen: Keine Kommentare, keine Pressemitteilung, keinen Mucks. Alles nach dem Motto: Keine Information, keine schlechte Presse.

Der Vorgang zeigt, was für einen Stellenwert die Mitglieder dem eigenen Verband noch zutrauten. Die Ex-VUD'ler scheinen davon auszugehen, dass sich ihr Verband klammheimlich begraben ließe - ein krasser Bruch zwischen Innen- und Außensicht.

Denn während branchenintern der VUD längst synonym steht für nicht enden wollendes Hick-Hack zwischen verhärteten Fraktionen, für Intrigenspielchen und irrationale Entscheidungen, steht er in der Öffentlichkeit gar nicht so schlecht da: Hatte die Lobby der Spielesoftware-Hersteller nicht maßgeblichen Anteil an der Etablierung und Stützung der USK und trug so zur Verhinderung einer direkten staatlichen Kontrolle über Altersfreigaben bei? Strahlte der wachsende Erfolg der Games Convention nicht auch wärmend aufs Image des VUD, der die Veranstaltung als "ideeller Träger" mit präsentiert? Suchte der VUD nicht gerade nach repräsentativen Räumlichkeiten in Berlin, um dort zu residieren - und zugleich ganz uneigennützig dem heimatlosen Computerspielemuseum eine neue Bleibe zu schaffen?

Was wollte man also mehr von einem Branchenverband, als dass er sich als effektive Lobby gegenüber der Politik, als Mitinitiator geschäftlich fruchtbarer Aktionen und publikumswirksam als Mäzen ideell motivierter Projekte präsentierte? Keine Frage: Nach außen sah der Interessenverband größer, einiger und besser aus, als er wohl wirklich war.

Die Innensicht: Mächtige gegen Machtlose

Lobby-Erfolg USK: Freiwillige Selbstkontrolle verhinderte staatliche Regelung

Lobby-Erfolg USK: Freiwillige Selbstkontrolle verhinderte staatliche Regelung

Innerhalb des 1993 gegründeten Verbandes gärte es dagegen seit mindestens zwei Jahren. Einigen großen Mitgliedern schmeckte nicht, dass der ursprünglich eben von großen Unternehmen gegründete Verband sich zunehmend offen zeigte gegenüber immer mehr Firmen, die irgendwie mit dem Gamemarkt verbunden sind. Aktuell lief hinter den Kulissen die Diskussion darüber, ob man auch Player wie T-Online aufnehmen solle: Dem Online-Dienst der Telekom wurde daran ebenso ein Interesse nachgesagt wie dem Konkurrenten AOL und anderen.

Damit aber hätten sich die Gewichtungen innerhalb des Verbandes weiter verschoben - denn das Gewicht eines Mitgliedes im VUD bemaß sich unter anderem an der Umsatzgröße, an der sich sowohl Mitgliedsbeitrag wie auch die Zahl der Stimmen in der Mitgliederversammlung festmachten.

Schon, dass jedem - auch dem kleinsten - Mitglied zuletzt grundsätzlich eine "Basisstimme" in der Mitgliederversammlung zugesprochen wurde, schmeckte einigen Großen Playern nicht. Ein Unternehmen wie Electronic Arts etwa steht zwar für rund 20 Prozent des von den Verbandsmitgliedern generierten Umsatzvolumens, hatte zuletzt in der Versammlung aber nur noch ein "Gewicht", dass etwa halb so groß war - die Großen gingen in der Masse der Kleinen ein wenig unter. Jetzt noch Umsatzriesen mit dann zwangsläufig hohen Stimmanteilen dazu zu bekommen, davor graute einigen Unternehmen.

Erfolgsstory Games Convention: Die Spielemesse wertet die ganze Branche auf
DDP

Erfolgsstory Games Convention: Die Spielemesse wertet die ganze Branche auf

Das Grauen teilten auch viele der Kleinen mit ihren großen Kollegen, die sich im Verband zuletzt als Gegner erwiesen. Denn seit Monaten lobbyierten einige der Big Player hinter den Kulissen für eine Änderung der Verbandssatzung, die auf die Mitgliederstruktur erhebliche Auswirkungen gehabt hätte: Der Entwurf trug die Handschrift der großen Vertriebsfirmen und stellte die Mitgliedschaft kleinerer Entwickler in Frage - ganz zu Schweigen von assoziierten Mitgliedern zum Beispiel aus der PR-Branche.

Über solche Dinge kann man reden, das ist nicht ungewöhnlich in einem Verband, der ja stets auch definieren muss, für wen er eigentlich Lobby sein will. Was sich so ein Verband nicht leisten kann, ist dagegen Politik nach Gutsherrenart: Eine anstehende Änderung der Mitgliederstruktur stellte der Vorstand nicht etwa zur Diskussion, sondern er teilte sie per Vorstandssitzungsprotokoll einfach mit - um die Satzungsänderung auf der Mitgliederversammlung am 13. Oktober im Nachhinein zu diskutieren. Dass die neue Satzung verfügte, dass Unternehmen wie T-Online ausgeschlossen bleiben sollten, braucht man kaum mehr erwähnen.

Der Gag an dem unsensiblen Machtwort, dass Verbandsintern als Unverschämtheit mit monarchistischen Zügen, zumindest aber als Abschreckung und Kommunikationsdesaster empfunden wurde: Ende September lief die Kündigungsfrist für das laufende Halbjahr ab. Einige Unternehmen kündigten prompt "präventiv" ihre Mitgliedschaft, wie ein Ex-Mitglied sagt, um Druck zu verursachen und weitere Zahlungen an einen Verband zu vermeiden, der sie womöglich zum Dank vor die Tür setzen würde - und lösten eine wahre Lawine aus. Rund 50 Prozent aller Mitglieder, raunt es in Branchenkreisen, hätten am Ende ihre Mitgliedsschaft Ende September mit Wirkung zum März nächsten Jahres aufgelöst.

Die Mitglieder: Einträchtig zwieträchtig

Der größte Riss quer durch den Verband verlief dabei ganz platt entlang der "Reichtumsgrenze": Gerade die kleinen Entwickler verübelten den Vertretern der Großen nicht nur deren Machtgehabe, sondern auch, dass sie vor kurzem erst eine "Spieleförderung" aus Kulturtöpfen verhindert hatten. Diskutiert worden war ein Umlagesystem zur Refinanzierung, bei dem die Vertriebe kleine Teile des Verkaufserlöses hätten abtreten müssen zugunsten vor allem der kleinen Entwickler - ein Modell, das in Deutschland seit Jahrzehnten etwa beim Film praktiziert wird.

Selbst Erfolgsgeschichten wie die Game Convention sorgten hinter den Kulissen noch für Zoff: Ein gewichtiger Querulant im Verband, heißt es von einem ehemaligen Mitglied, hätte die Messe gern an einem anderen Ort gesehen. "Nach Leipzig kommen 100.000", soll auf Vorstandebene argumentiert und gestritten worden sein, "nach Köln käme eine Million."

Doch die "GC" ist zunächst einemal eine eingetragene Marke der Messe Leipzig, und die hat keine Umzugspläne. Die Stützung einer konkurrierenden Massen-Messe beispielsweise in NRW aber wäre mit dem VUD nicht zu machen gewesen.

Stimmung war also garantiert, als der VUD sich am Mittwoch in Frankfurt zu seiner - wie sich herausstellen sollte - letzten Versammlung traf. Der Vorstand drohte - nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren - mit Rücktritt und einem Antrag auf Selbstauflösung des Verbandes. Die Mitgliederversammlung entpuppte sich in diesem Augenblick zum einen als bockig, zum anderen als eine der bestbesuchten in der Geschichte des VUD: Der Vorstandsantrag wurde einstimmig angenommen, rund 90 Prozent aller Stimmberechtigten war anwesend - der Sargnagel für den VUD war mit einem einzigen Schlag im Holz versenkt worden.

Wie gehts weiter?

Hinter den Kulissen läuft nun das große Tuscheln: Wer wird mit wem einen neuen Anlauf wagen? Was passiert mit dem Verbandsvermögen? Werden sich die zwölf größten deutschen Spieleunternehmen wirklich zu einem neuen Verband zusammenraufen, in dem nur der Mitglied werden darf, der mehr als 10 Millionen Euro Umsatz schafft und bereit ist, 25.000 Euro Jahresbeitrag oder mehr zu bezahlen? Werden die von den großen verpönten kleinen Entwickler sich nun in Massen dem noch klitzekleinen, erst im März gegründeten Entwicklerverband G.A.M.E anschließen? Läuft das auf einen Clash konkurrierender Branchenlobbys hinaus - groß gegen klein, reich gegen arm?

Ganz so klar waren die Fronten nie gezogen. Unternehmen wie Microsoft oder Sony hatten auch die Anliegen der kleineren Mitglieder über Jahre gestützt, wissen um die gegenseitige Abhängigkeit voneinander. Dass die Branche ohne Lobby bleibt, ist kaum denkbar, dass sie sich wieder unter einem Dach zusammenrauft, schwer vorstellbar. Alles andere scheint offen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.