Verbannt Wikipedia sperrt Scientology-Autoren aus

Es ist ein beispielloser Vorgang: Die Wikipedia verschließt ihre Texte vor Änderungen durch Scientology-Autoren. Zu oft sollen Anhänger der Glaubensgemeinschaft Texte im eigenen Interesse verändert haben.


Was zu viel ist, ist zu viel. Dem britischen Nachrichtenportal " The Register" zufolge hat eine Schiedskommission der Online-Enzyklopädie Wikipedia beschlossen, Wikipedia-Autoren, die von Scientology-Rechnern aus auf die Enzyklopädie zugreifen, künftig zu blockieren. Damit werde die Konsequenz daraus gezogen, dass Lexikoneinträge offenbar wiederholt im Auftrag der umstrittenen Glaubensgemeinschaft verändert wurden. Der Vorgang ist einmalig: Erstmals sperrt die Online-Enzyklopädie, die sich selbst als grundsätzlich freies und offenes Angebot sieht, eine Nutzergruppe komplett aus.

Online-Enzyklopädie: Für Scientology-Autoren ist Wikipedia nun nicht mehr offen
DDP

Online-Enzyklopädie: Für Scientology-Autoren ist Wikipedia nun nicht mehr offen

Wer sich von einer IP-Adresse ins Netz einwählt, die Scientology zuzuordnen ist, hat fortan keine Möglichkeit mehr, bei Wikipedia mitzuschreiben. Das Votum der Entscheider in dem monatelangen Streit zwischen Scientology und Wikipedia fiel einstimmig. Alle zehn Kommissionsmitglieder stimmten für den Scientology-Bann.

Ärger mit Einträgen, die ein Geschehen oder Personen zu Unrecht in einem guten Licht erscheinen lassen, gehört seit Jahren zum Alltag bei Wikipedia. Mehrfach mussten Texte vorübergehend dem freien Zugriff der Netzgemeinde entzogen werden, als Diskussionen über einzelne Formulierungen eskalierten. Und erst recht kein Einzelfall ist es, dass Wikipedia-Administratoren einzelnen Artikel-Aufhübschern Schreibrechte entziehen. Doch eine Sperre in dem Ausmaß, wie sie nun gegen Scientology ausgesprochen wurde, hat es nach Angaben vieler Beobachter noch nie gegeben.

Seit langem sollen Administratoren des Online-Lexikons beobachtet haben, dass zahlreiche Autoren offen Artikel über die umstrittene Glaubensgemeinschaft von Netzzugängen aus bearbeitet haben, die der Vereinigung zuzuordnen sind. "The Register" berichtet unter Berufung auf einen Wikipedia-Administrator, dass die Kontrolle von Änderungen, die von Scientology-Rechnern ausgingen, sich schwer gestalte. Viele Autoren hätten eine kleine Zahl von IP-Adressen verwendet. Zudem wechselten die IP-Nummern, von denen sich die Schreiber einwählten. Dadurch ließ sich für Wikipedia-Administratoren nicht mehr feststellen, ob immer dieselben Personen - entgegen den Wikipedia-Regeln - unter verschiedenen Autorennamen auftraten.

Zunehmend wuchs die Sorge, die ewigen gar nicht unabhängigen Nachbesserungen könnten dem Ansehen von Wikipedia schaden. Skeptiker bezweifeln nun allerdings, dass die Scientology-Sperre besonders wirkungsvoll ist. Andere Schönschreiber verschleiern ihre Identität im Netz, eine Schreibsperre für Nutzer bestimmter IP-Adressen ist für sie leicht zu umgehen.

Es war nicht das erste Mal, dass vor einer Wikipedia-Kommission ein Scientology-Streit ausgetragen wurde. Eine Reaktion der Ausgesperrten war vorerst nicht bekannt. Auch eine Gruppe von Scientology-Gegnern wurde dem Bericht zufolge vom Bearbeiten von Artikeln über die Vereinigung ausgeschlossen.

tko

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