Vergiftete Hilfe: Müllkippe Dritte Welt

Wenn Unternehmen sich in der Entwicklungshilfe engagieren und IT-Güter in die Dritte Welt verschiffen, dann ist das gut fürs Image. Für die Empfänger der Waren dagegen nicht immer, behauptet eine US-Umweltorganisation: Die meisten Hilfsgüter seien in Wahrheit Elektroschrott.

Elektroschrott ist in allen Ländern der Erde ein wachsendes Problem. Allein in diesem Jahr, behauptet der World Wide Fund for Nature, werden um die 325 Millionen PCs fünf Jahre alt sein - und erreichen damit den Punkt, an dem sie normalerweise ausgemustert werden. Die meisten dieser Geräte tragen dann zu einem IT-Müllberg bei, der allein in Deutschland über 110.000 Tonnen im Jahr auf die Waage bringt. Die Zahl ist übrigens aus dem Jahre 2000, aktuellere Zahlen gibt es noch nicht.

"Recycling" a la Dritte Welt: Vor drei Jahren sorgte das Basel Action Network mit einer E-Schrott-Reportage aus dem chinesischen Guiyu für Erschütterung
Basel Action Network

"Recycling" a la Dritte Welt: Vor drei Jahren sorgte das Basel Action Network mit einer E-Schrott-Reportage aus dem chinesischen Guiyu für Erschütterung

Die wachsende Mülllawine führte in Europa zur Einführung der "Waste Electrical and Electronic Equipment"-Richtlinie, kurz WEEE, die Hersteller und Händler zum Recycling verpflichtet. Bis Ende 2006, so will es das deutsche Elektro- und Elektronikgerätegesetz ElektroG, das die Richtlinie in deutsches Recht umsetzt, soll der Verwertungsanteil aus Geräterücknahmen auf 75 Prozent steigen.

Das ist nicht leicht, denn IT-Gerätschaft hat es in sich: "Green PCs" sind nach wie vor selten und werden nur von wenigen Herstellern (wie beispielsweise Fujitsu Siemens) angeboten. Generell gilt: IT-Schrott ist Sondermüll von teils erschreckender Giftigkeit. Diese Chemo-Bomben exportierte die Branche lange gern in Richtung Südostasien - zum Recycling in Wild-East-Manier.

Vor rund drei Jahren machte ein Report skandalöse Schlagzeilen, der behauptete, dass 50 bis 80 Prozent allen für Recycling-Zwecke in den USA gesammelten IT-Schrotts letztlich auf wilden Müllkippen in China, Indien, Pakistan und anderen Schwellen- und Entwicklungsländern landete. Die Bilder von Arbeitern, die unter weitgehend ungeregelten und ungeschützten, dafür aber teils extrem gesundheitsschädlichen Bedingungen dem Schrott die Wertstoffe entlocken, gingen um die Welt. Aus Sicht der Industrie zumindest ein Image-Gau.

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Von wegen "Recycling": Leben im Elektromüll

Doch grenzüberschreitende IT-Müllbewegungen hat in Europa die WEEE effektiv unterbunden, und auch in den USA hat sich die Entsorgung in den letzten Jahren stark verteuert. Allerdings haben die Vereinigten Staaten - als einziges Land der industrialisierten Welt - bis heute den Uno-Vertrag von Basel nicht ratifiziert, der den Handel mit gefährlichem Müll begrenzen soll. US-Firmen dürfen ihren Müll also weiter prinzipiell in alle Welt verschiffen. Nur fürs Image ist das nicht gesund.

An diesem Punkt, behauptet die US-Umweltorganisation "Basel Action Network", die auch schon für den China-Report von 2002 verantwortlich zeichnete, in einer aktuellen Studie, kommt die Entwicklungshilfe ins Spiel ("The Digital Dump: Exporting Reuse and Abuse to Africa"). Denn was als Müllexport verbrecherisch wirke, trage unter dem Mäntelchen der Hilfsleistung sogar noch zum guten Image der exportierenden Firmen bei - einmal ganz davon abgesehen, dass sich so auch die Entsorgungskosten sparen lassen.

Drei Viertel Schrott, ein Viertel Hilfe

Das Problem, behauptet das Basel Action Network, sei kein kleines: Allein im nigerianischen Hafen von Lagos landeten demnach monatlich rund 500 Container mit Altcomputern. Die westliche Welt versorge Afrika allein über diesen Hafen mit hochgerechnet 400.000 Rechnern im Jahr. Schade nur, dass "75 Prozent davon irreparabler Schrott" seien, wie Jim Puckett vom Basel Action Network das ausdrückt. Und der lasse sich nirgendwo in Nigeria fachgerecht entsorgen.

Industrie- wie Regierungsvertreter in den USA halten das alles für nicht so problematisch: Sie gestehen zu, dass es einen massiven Export von E-Schrott in die sogenannte Dritte Welt gibt, und das teilweise unter falschem Etikett. Das Problem, beschied die US-Environmental Protection Agency EPA auf Anfrage der "New York Times", sei aber nicht so groß, dass man deshalb Müll-Exporte verbieten müsse. Stattdessen arbeite EPA an einer Regelung, die besser als bisher dokumentiere, dass "Exporte von recyclebaren Waren umwelttechnisch gesund" seien.

Denn genau daran hapere es, meinen auch Vertreter der Müll exportierenden Branche: Von "Entsorgung" in der Dritten Welt könne ja keine Rede sein. So groß sei die Nachfrage nach den Rohstoffen, aus denen sich der E-Schrott zusammensetzt, dass dort kein alter Monitor lange herumliegt. Alles werde auseinandergerupft und verwertet.

Genau das hatte ja auch das Basel Action Network vor drei Jahren im chinesischen Guiyu dokumentiert. Dass dort recycled wird, bestreiten die Umweltschützer nicht: Sie bemängeln aber die menschenunwürdigen und umweltschädlichen Methoden.

Frank Patalong

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