Verhasstes Hilfsprogramm Karl Klammer kehrt zurück

Entsetzen bei den Office-Anwendern: Der sprechende Comic-Assistent Karl Klammer kehrt zurück. Microsoft hat die nervige Büroklammer vor Jahren verbannt, nun ist sie wieder da, als Held in einem Lernspiel. Bei Word-Nutzern weltweit weckt das böse Erinnerungen.

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Karl Klammer: Viele genervte Word-Anwender forderten das Ende des Comic-Assistenten

Karl Klammer: Viele genervte Word-Anwender forderten das Ende des Comic-Assistenten


Es sind schockierende Bilder, die den ehemaligen Microsoft-Mitarbeiter in der Kellerwohnung seiner Mutter zeigen. Zwischen Essensresten sitzt er auf einem Sofa, starrt wie gebannt auf einen Bildschirm und hält verkrampft ein Gamepad in den Händen. Er ist am Ende - zu Recht. Seine Karriere war nur von kurzer Dauer. Er verscherzte es sich mit den Office-Anwendern und wurde schließlich aus Microsofts Word-Produkten verbannt.

Doch jetzt soll Karl Klammer zurückkommen. Für Menschen auf der ganzen Welt ist das eine schlimme Nachricht.

Von 1997 an hatte Karl Klammer in den Diensten von Bill Gates gestanden, etwa sechs Jahre später gab Microsoft endlich dem Druck der eigenen Kunden nach und feuerte die Nervensäge, die in den USA unter dem Namen Clippy bekannt ist. Sie gilt als eine der schlechtesten Erfindungen in der Geschichte des Unternehmens Microsoft. In "Office"-Produkten tauchte Clippy ungefragt auf und trieb die Nutzer mit unerwünschten Ratschlägen zur Weißglut: "Anscheinend wollen Sie einen Brief schreiben. Brauchen Sie Hilfe?" Hilfe hätten manche Office-Anwender sicher gebraucht, aber von der verhassten Büroklammer wollte man nur in Ruhe gelassen werden.

Der digitale Klugscheißer hat viele Feinde

Clifford Nass, ein Kommunikationsforscher an der Eliteuniversität Standford, der Clippys Vorgänger Bob gestaltet hatte, nannte Clippys Verhalten später "passiv-aggressiv, im schlimmsten Fall schlicht feindselig". Nass: "Wir wissen, wie wir mit solchen Leuten verfahren. Wir hassen sie." Selbst der Zeichner, der Clippy einst gestaltete, nennt den digitalen Klugscheißer heute "eine der nervigsten Figuren aller Zeiten".

Weltweit wird Karl Klammer bis heute verachtet. Trotzdem beerdigte Microsoft die Figur erst 2007 endgültig. Auf manchem Rechner mit altem Office-System taucht er hin und wieder noch auf, ein Untoter aus dem Reich der gescheiterten Usability-Lösungen. Clippy hatte mittlerweile Auftritte in Fernsehserien, etwa den "Simpsons", Komiker haben Sketche über ihn geschrieben, und es gibt Hunderte von Cartoons, Videos und Texte, in denen er ein grausames Ende findet. Hass kann sehr kreativ machen.

In einer besonders brutalen Variante löscht ein entnervter Nutzer zunächst Karl Klammers Frau und Kinder von der Festplatte, die Büroklammer erschießt sich daraufhin, überlebt aber auch das ("Oh, jetzt habe ich mir Blut in die Augäpfel gespuckt"), und wird schließlich von H.P. Lovecrafts Tentakelmonster Cthulu in einen schwarzen Strudel gezerrt.

Die Programmierer von RJL Pranks haben einmal eine Software entwickelt, die einen dunklen Wiedergänger Karl Klammers in Word einfügte. Anders als das Original servierte der böse Bruder dem Anwender die ungeschönte Wahrheit: "Manchmal springe ich einfach ins Bild ohne jeden Grund. Wie jetzt gerade." Oder der Doppelgänger meldete sich mit scharfsinnigen Bemerkungen: "Offensichtlich ist ihr Computer eingeschaltet."

Sogar wissenschaftliche Arbeiten gibt es zu der Frage "Warum die Menschen die Büroklammer hassen". Die Antwort ist einfach: Computernutzer möchten nicht von einem aufdringlichen digitalen Besserwisser belehrt werden. Sie wollen, dass Software tut, was sie soll, und ansonsten die Klappe hält.

"Fortsetzungen sind schrecklich"

Und nun lässt Microsoft die Büroklammer allen Ernstes auferstehen. Man hat die Klammer reanimiert und zum Helden des Lernspiels "Ribbon Hero 2: Clippy's Second Chance" erkoren, dem Nachfolger der Office-Lernsoftware "Ribbon Hero", die Anfang vergangenen Jahres erschien.

"Ich weiß, was ihr jetzt denkt: Fortsetzungen sind schrecklich", sagt der Microsoft-Entwickler Doug Thomas in einem Video auf seinem Blog. "Aber anders als die Produzenten in Hollywood hören die Entwickler in den Office Labs auf ihre Kunden." Wirklich? Allein der Gedanke an Clippys Rückkehr dürfte viele Word-Benutzer erschrecken.

Nun aber erobert er neben Word auch die Office-Programme Excel, PowerPoint und OneNote. Allerdings nur zusammen mit den Versionen 2007 und 2010. Der Spieler wählt bei "Ribbon Hero 2" zwischen verschiedenen Herausforderungen, muss Hieroglyphen in ein Word-Dokument oder 3-D-Effekte in PowerPoint einfügen und Tabelleneinträge in Excel sortieren. Dafür bekommt der lerneifrige Anwender Punkte und schaltet neue Herausforderungen frei.

Karl Klammer hält sich während des Spiels bedeckt und wird meist nur als starres Icon eingeblendet. Doch für altkluge Sprüche ist er noch immer zu haben. In Sprechblasen wirbt er für Microsoft-Produkte mit den Worten: "Wussten Sie schon, dass..."

Immerhin: Die Entwickler haben das Spiel mit einer feinen Prise Selbstironie gewürzt. Immer wieder werden Comics eingeblendet, die den verwahrlosten Karl Klammer nach seinem Rauswurf bei Microsoft zeigen, wie eingangs beschrieben. Trotzdem eignet sich das Spiel nur für Menschen, die mit den Office-Programmen überhaupt nicht zurechtkommen oder in der Mittagspause mal eben ein paar Tricks der neuen Versionen ausprobieren wollen.

Passt ja eigentlich auch: Spielspaß im klassischen Sinne liefert Karl Klammer auch nach seiner Rückkehr nicht.

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
Wolffpack 30.04.2011
1. ...
Die Wiederkehr von Karl Klammer - hatten die Maias vielleicht doch Recht mit 2012?! ;)
Andreas Rolfes 30.04.2011
2. Word?
Wieso teures MS Word, wo es doch OpenOffice umsonst gibt?
langenscheidt 30.04.2011
3. ? Fragezeichen ?
Ich nutze immer noch Word97. Die Klammer taucht nie auf, weil ich sie abgestellt habe. Sie nervt nicht, weil ich nicht zu blöd, bin Software nach meinen Wünschen einzustellen.
zottelkappe 30.04.2011
4. Weltbewegende Nachrichten
-Karl Klammer ist zurück.
Thoddy 30.04.2011
5. ...
Zitat von Andreas RolfesWieso teures MS Word, wo es doch OpenOffice umsonst gibt?
Teuer? Wir zahlen 23€ pro Jahr. Professional. Support inkl. MSDN inkl. Kompatibilität zur Mehrzahl von Office-Anwendern inkl. Open Office? LibreOffice? StarOffice? Alle haben sich auseinander entwickelt, sind voller Fehler und zu nichts wirklich kompatibel. DAS ist teuer. Deshalb Microsoft Office. Weils auch übermorgen noch kompatibel ist.
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