Debatte um Verhütungs-Apps Sicher? Sicher umstritten

Apps wie Natural Cycles versprechen Frauen, ähnlich sicher wie mit der Pille zu verhüten. Ganz ohne Hormone. Doch Experten bezweifeln, dass der Technik-Einsatz einen Fortschritt bedeutet.

App Natural Cycles
Natural Cycles/ Alexander Crispi

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Eine sichere Verhütungsmethode, ganz ohne Hormone wie sonst bei der Pille? Dieses Versprechen dürfte für Millionen Frauen in Deutschland verheißungsvoll klingen. Und es gibt immer mehr App-Entwickler, die genau dieses Versprechen abgeben - und damit eine Debatte losgetreten haben.

Denn viele Ärzte und Wissenschaftler zweifeln an der Sicherheit von Apps wie myNFP oder OvuView und sehen die neue Technik nicht als Fortschritt, sondern als Rückschritt in frühere Jahrzehnte, als Frauen noch mit händischem Kalendertage-Zählen und Beobachten des eigenen Körpers versuchten, fruchtbare Tage im Monatszyklus zu identifizieren.

Das Sammelsurium in den Apps-Stores sieht auch Gynäkologin Petra Frank-Herrmann allgemein eher kritisch: "Durch diese ganzen Apps, die oft Schnellschüsse sind, werden plötzlich Verhütungsmethoden wieder salonfähig, die längst als obsolet galten." Dabei ist sie eigentlich sogar eine Befürworterin von Methoden der natürlichen Verhütung. Hier wird versucht, die fruchtbaren Tage im weiblichen Zyklus zu bestimmen - idealerweise durch die Analyse von mehreren Faktoren, etwa der Temperatur und des Zervixschleims.

Frank-Herrmann beschäftigt sich seit Jahrzehnten im Vorstand einer entsprechenden Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF) mit dem Thema. Andere Verbände, etwa der Berufsverband der Frauenärzte, sehen natürliche Verhütung generell als "nie ganz sicher" - App hin oder her (In diesem Text bekommen Sie einen Überblick über hormonfreie Verhütung.).

Der TÜV hat mit Natural Cycles die erste Verhütungs-App zertifiziert

Die wohl prominenteste der Verhütungs-Apps heißt Natural Cycles. Der deutsche TÜV zertifizierte sie - begleitet von großem Medieninteresse - Anfang des Jahres als erste Verhütungs-App weltweit. Viele Nutzerinnen dürften das als Vertrauensbonus sehen. Das TÜV-Siegel hebt die App ab von vielen anderen, weniger seriösen Angeboten, die zum Beispiel einzig und allein vom Startpunkt der Periode ausgehend Vorhersagen treffen. Doch kritische Stimmen gibt es auch bei Natural Cycles.

Entwickler-Duo von Natural Cycles
Natural Cycles

Entwickler-Duo von Natural Cycles

Die App beruht auf einem eigens entwickelten Algorithmus, der Frauen grüne oder rote Tage anzeigt. Ein roter Tag bedeutet, dass bei ungeschütztem Sex die Gefahr einer Schwangerschaft besteht. An grünen Tagen können die Nutzerinnen laut App nicht schwanger werden. Wichtigste Informationsquelle für die App ist die Temperaturmessung, die Nutzerinnen täglich selbst durchführen müssen. Damit macht sich die App die Tatsache zunutze, dass rund um den Eisprung die Temperatur im Körper ansteigt, sagt Elina Berglund am Rande des Berliner Tech Open Airs, zu dem sie gekommen ist, um ihre App zu präsentieren. Die schwedische Forscherin hat die im Monatsabo für rund fünf Euro vertriebene App zusammen mit ihrem Ehemann Raoul Scherwitzl entwickelt.

Zuvor hatte Berglund, eine angesehene Physikerin, am Cern in der Schweiz an der Entdeckung des sogenannten Higgs-Bosons mitgearbeitet. Die Entwicklung und Vermarktung einer App, die auf natürliche Verhütung setzt, ist offenbar ähnlich komplex.

Viel Skepsis gegenüber der App-Entwicklerin

"Ich war überrascht von dem Gegenwind, den wir bekommen haben, gerade aus Deutschland", erzählt Berglund. "Viele Menschen scheinen ein Problem damit zu haben, Frauen ein so mächtiges Tool an die Hand zu geben. Aber wir Frauen können damit umgehen." Verstaubtes Patriarchat also, das gegen eine für Frauen vorteilhafte, weil hormonfreie Verhütungsmethode stänkert? So einfach ist es nicht, weiß auch Berglund.

Es gibt einige offensichtliche Einschränkungen für Natural Cycles, das betont auch Berglund. Ihre Verhütungs-App schützt nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten und ist nicht für sehr junge Frauen gedacht, weshalb eine Altersbeschränkung ab 18 Jahren gilt. Im Schnitt seien die mittlerweile rund 300.000 Anwenderinnen 30 Jahre alt und in einer festen Beziehung, sagt Berglund.

Die entscheidende Frage: Wie sicher ist Natural Cycles?

Für die Nutzerinnen und die Fachwelt entscheidend ist aber die Frage, wie sicher sich mit Natural Cycles tatsächlich verhüten lässt, wenn eine Frau die App als für ihre Lebensumstände passend eingestuft hat. Genau darüber gibt es Streit.

Berglund verweist in Berlin stolz auf zwei klinische Studien. Laut einer der Studien gab es innerhalb eines Jahres 143 ungeplante Schwangerschaften unter den 4000 analysierten Nutzerinnen. Nur zehn der Schwangerschaften gehen auf Sex an grünen, eigentlich sicheren Tagen zurück. Damit, so die Entwickler, sei die App ähnlich effektiv wie die gerade in Deutschland beliebte Pille, gemessen am sogenannten Pearl-Index. Bei der Pille liegt der Index bei einem sogenannten Methodensicherheitswert von circa 0,3. Das heißt, dass bei korrekter Anwendung durch 1000 Nutzerinnen im Jahr doch drei Frauen schwanger werden. Natural Cycles berechnet sich in der Studie einen ähnlich guten Wert von 0,5.

Die Studie von Natural Cycles: "Fundamental falsch"?

Keine andere App könne derartige Studien vorweisen, sagt Berglund in Berlin. Gynäkologin Frank-Herrmann aber überzeugt die Studienlage bei Natural Cycles nicht. "Die Schwangerschaftsrate wurde fundamental falsch berechnet", sagt sie. Denn den App-Entwicklern fehlten umfassende Informationen zur für die Methodensicherheit entscheidende Frage, wie viele ungewollte Schwangerschaften es bei korrekter Anwendung der App gebe.

Trotz des Informationsdefizits sei aber eine Berechnung vorgenommen worden - und das darüber hinaus so, dass eine möglichst niedrige Schwangerschaftsrate ähnlich der bei der Pille herauskomme, beschreibt Frank-Herrmann auch in einem demnächst in einem Fachjournal erscheinenden Text.

Text über Menstruations-Tracker

Problematisch ist aus Sicht von Frank-Herrmann auch das Design der Studie: "Eine gute Studie beobachtet ein geschlossenes Kollektiv prospektiv und lückenlos." Dies sei bei Natural Cycles nicht geschehen. Es habe außerdem viele Nutzungsabbrüche gegeben. Die Zahl von 4000 Teilnehmerinnen klinge hoch. Doch wichtig sei, dass die Frauen über genügend viele Zyklen beobachtet werden. Denn auch ohne Verhütung werden Frauen oft nicht gleich schwanger. Diese höhere Zahl an untersuchten Zyklen fehle der Studie aber.

Und das TÜV-Siegel? "Der TÜV prüft Aussagen der Hersteller, macht aber keine eigene Effektivitätsstudie. Er kann zur Verhütungssicherheit einer App daher schlicht keine Aussage treffen" sagt Frank-Herrmann. "Stand jetzt können wir als wissenschaftliche Gruppe keine Verhütungs-App empfehlen, da aus unserer Sicht noch keine eine ausreichende klinische Studie durchlaufen hat."

Berglund will App auch in USA zertifizieren lassen

Physikerin Berglund ist sich trotzdem sicher: "Wir können mit Natural Cycles einen signifikanten Marktanteil bei den Verhütungsmitteln erreichen." Das gelte auch für Weltregionen, wo bisher keine Verhütungsmittel wie die Pille verfügbar seien - aber genügend Smartphones im Umlauf.

Sie verteidigt ihre App gegen Kritik und strebt demnächst auch eine Zertifizierung in den USA durch die dortige Arzneimittelbehörde FDA an. Ob es Natural Cycles mit weiteren Studien gelingen wird, Kritiker wie Frank-Herrmann zum Verstummen zu bringen, muss sich erst noch zeigen. Sie sagt: Keine App kann den Nutzerinnen die Verantwortung für den eigenen Körper abnehmen.

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insgesamt 21 Beiträge
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Bürger Icks 03.08.2017
1. Klarer Fortschritt...
Für die Überwacher und Datensammler wie Datenhändler!
Sibylle1969 03.08.2017
2. Das Problem aller natürlichen Verhütungsmethoden
... ist, dass die Natur es so eingerichtet hat, dass "frau" an den fruchtbaren Tagen mehr Lust auf Sex hat als an den nicht fruchtbaren Tagen.
athanasia 03.08.2017
3. NFP funktioniert...
bei mir seit 12 Jahren einwandfrei, die Apps (ich benutze OvuView) sind einfach eine Erleichterung im Vergleich zum Aufschreiben. Man muss halt auf verschiedene Dinge achten, sollte seinen Körper kennen und braucht ein bisschen Übung. Gesünder als Hormone futtern, die dem Körper eine Schwangerschaft vorspielen, ist es sicherlich.
apz47 03.08.2017
4. Verhütungssoftware
Ich selbst habe 1970(!) so ein Programm geschrieben, das allerdings die Ergebnisse in Kalenderform auf Papier (ausgedruckt) zur Verfügung stellte. Es wurde in einer Fabrik mit ca. 400 Frauen, die sich selbstverständlich anonym und frreiwillig dazu bereit erklärten, getestet. Der Erfolg damals war vielversprechend, wobei ich aber auch einen Sturm der Entrüstung entfesselte. Also: Alles schon einmal dagewesen (siehe Ihren Artikel)
rucksacksepp 03.08.2017
5. Es gibt sichere Methoden
Es gibt sicherlich bessere Methoden der Verhütung, eine natürliche Verhütungsmethode würde ich für sehr junge Paare oder Paare die auf keinen Fall Kinder wollen keinesfalls empfehlen. Für Paare die schon sehr lange zusammen sind und sich einig sind, dass beide Kinder möchten und für die es nicht schlimm wäre, wenn sie schwanger wird kann das aber evtl. eine gute Verhütungsmethode sein. So nach dem Motto: Kinder ja, jetzt muss aber noch nicht unbedingt sein, wenn aber doch ist das auch ok.
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