Verhunzte Pop-Klassiker: Microsoft vs. Musik

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Mit der Musik-Software Songsmith wollte Microsoft die Kreativität seiner Kunden wecken - das ist auch gelungen, nur ganz anders als geplant. Die Nutzer produzieren keine eigenen Dudel-Liedchen, sondern verhunzen bei "YouTube" Pop-Klassiker - das ist unerträglich grausam und unerträglich lustig.

Wer zurzeit bei YouTube nach "Songsmith" sucht, findet auf Anhieb über 400 Videos. Wer keines davon anklickt, könnte anerkennend nicken und Microsoft einen absolut außergewöhnlichen Publicity-Erfolg bescheinigen. Die Songsmith-Software wurde schließlich erst Ende der ersten Januarwoche öffentlich gemacht.

Ihre Grundidee: Eine Art Karaoke, nur umgekehrt. Statt einen Soundtrack anzubieten, auf den man singt, kann man Songsmith etwas vorsingen - und das Programm "komponiert" eine Instrumentierung dazu. Absolut jeder, suggerierten Microsofts Werbespots, könne damit zum Komponisten werden. Eigentlich genial.

Doch die Sache hatte zwei Schönheitsfehler: Zum einen klingen die Tonteppiche, die Songsmith verlegt, als habe Dieter Bohlen sie auf einem Taschen-Synthesizer aus dem Jahr 1984 eingespielt. Zum anderen kommen die Werbevideos von Microsoft dermaßen dämlich daher, dass sie sofort Kultstatus erlangten.

Danach dauerte es nicht mehr lang, bis sich die Internet-Nutzerschaft sich der kostenlosen Testversion von Songsmith bediente - und mit geradezu entfesselter Kreativität ans Werk ging, das Potential des Programms auszutesten.

Allerdings nicht, um eigene Liedchen in die Welt zu setzen. Stattdessen kam jemand auf die Idee, die Gesangsspur aus einem Pop-Klassiker zu extrahieren und durch Songsmith zu schicken. Das Ergebnis traf auf so viel Begeisterung, dass fast stündlich neue Versündigungen am musikalischen Erbe bei YouTube erscheinen.

Jetzt schreit Sting sein "Rooooxanne!" zu synthetischen Calypso-Klängen, Oasis "Wonderwall" ist nach Analyse durch die Software zum Techno mutiert und AC/DC gröhlen "Thunder!" zu einer Lautuntermalung, die auf keiner diamantenen Hochzeit negativ auffallen würde. Selbst Barack Obama kommt nicht ungeschoren davon: Auch in einer seiner Wahlkampfreden findet Songsmith eine hochgradig Aufzug- und Hotellobby-kompatible Melodie.

Immer mehr der Remixe firmieren dabei unter dem Stichwort "versus" nach dem Muster "The Clash vs. Songsmith", denn natürlich leistet Songsmith hier eine zum Teil kakophonische Dekunstruktion. Wenn Kurt Cobain (Nirvana) sein "In Bloom" in strandbarkompatibler Version krächzt, "Hotel California" klingt, als wäre es ein verlangsamter Dumpf-Dance-Elektrohit aus dem Après-Ski-Zelt und wenn Queen "We Will Rock You" zu elektronischen Bläsern intonieren (siehe unten), dann bleibt von den Originalen meist wenig übrig. Macht nichts: In diesem Fall ist das lustig, außer für Microsoft.

Die Programmierer des Software-Riesen haben der Web-Gemeinde unabsichtlich eine Steilvorlage geliefert, nach Herzenslust abzulästern. Vielleicht ist das aber noch nicht einmal negativ: Für Songsmith mag es Käufergruppen jenseits des Schulalters erschließen - denn trotz der erwachsenen Werbefiguren in den Videos dürfte Songsmith, wenn man es als Kompositionssoftware ernst nimmt, vor allem für Kinder attraktiv sein.

Wie attraktiv es als Spaß-Software für uns Ältere ist, haben wir auf den folgenden Seiten zusammengetragen - mit einigen der unerträglichsten YouTube-Videos powered by Songsmith. Warnung: Das ist wahrlich nichts für musikalische Gemüter.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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1. schnell zum Ohrenarzt
genesys 04.02.2009
Die verhunzte Queen-Version hat bei mir eine starke allergische Reaktion ausgelöst: Die Gehörgänge sind angeschwollen, die Tuben abgeknickt. Hammer und Amboss spielen einen Sinusitis-Protestmarsch. Ich fühle mich wie mitten in einer schweren Grippe. Sollte Freddy gerade auf einer Wolke gesessen und die Harfe gezupft haben, ist er bestimmt runtergefallen und reibt sich nun verbittert seinen Astral-Steiss. Liebe Freunde von Microsoft: Lasst es, bitte ! Keine Software mehr von dieser Güte. Das ist Folter. Das ist ein Fall für den internationalen Gerichtshof in den Haag.
2. ...
M. Michaelis 04.02.2009
Zitat von sysopMit der Musik-Software Songsmith wollte Microsoft die Kreativität seiner Kunden wecken - das ist auch gelungen, nur ganz anders als geplant. Die Nutzer produzieren keine eigenen Dudel-Liedchen, sondern verhunzen bei "YouTube" Pop-Klassiker - das ist unerträglich grausam und unerträglich lustig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,605159,00.html
Wenn man genau hinsieht bemerkt man dass das Laptop das in dem Youtubefilmchen im SPON-Artikel zu sehen ist MacBook Pro von Apple ist. Abgesehen davon ist Songsmith mal wieder das prollig missratene Plagiat eines Apple Produkts, hier GarageBand.
3. Den Niedergang musikalisch untermalen
puro 04.02.2009
Microsoft muss im Livestyle Segment etwas bringen um den Konkurrenten (iLife, WII) etwas entgegenzusetzen. Aber MS und Collness passen einfach nicht zusammen. Ich würde mir ja auch kein Wakeboard von IBM kaufen oder ? MS schließt hiermit nahtlos an die Mißerfolge von ZUNE an. Auch die frühere Strategie, bei schlechten Produkten einfach die Marketingausgaben zu erhöhen verfängt wohl nicht mehr. So lässt sich wenigstens die langsame Fahrt in die Grube mit einer adequate Trauermusik (songsmith) untermalen. Daß diese Quietschware im microsofteigenen Video auf einem MacBook Pro abgespielt wird, zeigt dass auch der letzte Rest eigner Würde geopfert wird um sich stylish zu geben. Wenn man Hundekot mit Petersilie garniert schmeckts halt auch nicht besser.
4. anders betrachtet
pesi82 04.02.2009
Von einer Software die Guete erfolgreicher Musik von extrem begabten Kuenstlern zu erwarten ist utopisch. Die Bewertung bekannter Songs ist zudem meistens pro Original und die sehr lustige Wirkung, die sich bei mir auch eingestellt hat ;) speist sich ja vor allem aus dem krassen Gegensatz des Originals zur Songsmith-Version. Und irgendwie kann man ja auch nicht leugnen, dass Sting sich bei "Roxanne" auch als Reggae-Song vorstellen koennte (wobei ich zugebe dass die Musik vielmehr nur Strandbar ist als Reggae). Unharmonisch ist die Musik zum Gesang allerdings ja auch nicht, die Queen-Version ist per se ja erstmal nicht viel anders, als sich manch anderer langweiliger Sommer-Song im Radio anhoeren koennte. Die Schmerzen, die mancher beim Hoeren resultieren wohl eher daher, dass man das Original auf einen Sockel stellt. Ausserdem ist Songsmith doch als ein Spielzeug gedacht und sollte als solches bewertet werden. Gemessen am Spass, den man damit haben kann, ist es ein sehr gelungenes! Also bitte mehr von Software dieser Art.
5. Aber das Beste daran...
amtenbrink 04.02.2009
Das Beste daran ist doch wohl, dass das Mädchen im Microsoft Werbespot an einem Apple MacBook sitzt. Der Apfel ist nur notdürftig mit Pril-Blumen zugeklebt! Oh Mann, das ist so scheußlich, dass einem schon wieder die Augen tränen vor Lachen... danke für die lustige Einlage, SPIEGEL-Redaktion - wir haben herzlich abgelacht!
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