Roboter in der Milchwirtschaft Wenn der Stallbursche leise piept

Als Andreas Magg den Hof seiner Eltern übernahm, mussten sich seine Milchkühe an Roboter in ihren Reihen gewöhnen. Nur so kann der Betrieb überleben, sagt der Landwirt - und hadert doch mit der Automatisierung.

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Aus Sontheim im Allgäu berichtet


Wenn nachts das Handy neben dem Bett von Bauer Andreas Magg klingelt, ruft meistens der Melkroboter an, um von seinen Problemen zu erzählen. "Fehler: Roboter zu lange außer Betrieb", bekommt Magg von der weiblichen Computerstimme zu hören. Magg muss aufstehen, Gummistiefel anziehen und nach nebenan in seinen Stall in Sontheim im Unterallgäu laufen, zu seinen 74 Milchkühen und seinem Roboter.

Oft ist mit dem Computersystem alles in Ordnung, erzählt der Bauer, und Kuh Nummer 573, Amone, steckt hinter der nächtlichen Störmeldung. Die ranghöchste von Maggs Kühen käut ruhig und schaut unbeteiligt.

Doch Magg hat durch Logbuch-Einträge des Melkroboters herausgefunden, dass sie nachts manchmal die vollständig automatisierte Melkstation für ihre Artgenossinnen blockiert, nachdem sie gemolken worden ist. Zeit für einen Anruf bei Magg, verfügt dann das System. Denn einen Stillstand kann es sich bei durchschnittlich 2,7 Melkungen pro Tag pro Kuh nicht erlauben.

Der Wettbewerb ist hart, die Milch muss fließen

Magg, 35, ist im Landkreis nur als "Bergbauer" bekannt. So meldet er sich auch, wenn sein Handy klingelt. Der Name kommt von der gleichnamigen Straße, an der Maggs Hof liegt. Dass er den Familienbetrieb von den Eltern übernehmen würde, "war schon von Geburt an klar", sagt Magg. Traditionell kann man seine Arbeit dennoch nicht nennen. Magg vertritt eine moderne Landwirtschaft: 2012 begann er, seine Arbeit zu automatisieren. Seitdem helfen ihm Roboter im Stall.

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Vernetzter Bauernhof: So leben Roboter und Kühe zusammen

Denn den Milchbauern geht es so wie vielen Betrieben in Deutschland: Wer nicht modernisiert und digitalisiert, droht unterzugehen. Der Druck des Milchmarkts lässt keinen Platz für Folklore - auch nicht im idyllischen Allgäu, wo sich hinter Maggs Hof auf einer Hügelkuppe in der Septembersonne silbrig-blau die Alpensilhouette abzeichnet und ab und zu ein Muhen die Stille durchreißt. Es riecht nach Stroh und leicht süßlich nach Kuhmist.

"Ein Familienbetrieb hatte vor 15 Jahren nur 40 Kühe, aber das reicht heute nicht mehr zum Überleben", erzählt Magg, während er durch seinen Stall läuft und nasse Kuhmäuler abwehrt, die an seiner Jacke knabbern wollen. Mehr Kühe bedeuten aber auch mehr Arbeit. Melken, Heu machen auf den Feldern, Futter verteilen, Ausmisten.

Superkühe - das Experiment
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    Drei Kühe, 30 Tage, viele Daten: Das Projekt "Superkühe" verleiht drei Milchkühen eine Stimme. Über Sensoren, Tagebuch und Chatbot kann jeder ihren Alltag mitverfolgen. SPIEGEL ONLINE ist Projektpartner und widmet sich Fragen rund um die Milch: Wie lebt eine Milchkuh? Wie gesund ist Milch? Und was zeigen die Daten aus dem Experiment?

    Hier geht es zur Projektseite auf SPIEGEL ONLINE und zur Website des Projekts

"Ich stand vor der Frage, ob ich Angestellte auf meinem Hof will oder ein Familienbetrieb bleibe", sagt Magg. Er bewirtschaftet den Hof bis heute nur mithilfe seiner Eltern, die schon im Rentenalter sind. Maggs Frau versorgt die drei Kinder. Damit die schwere körperliche Arbeit noch zu schaffen ist, holte Magg Roboter.

Chips um den Hals, drei Roboter im Stall

Seine Milchkühe tragen zur Identifizierung einen Transponder um den Hals. Der Chip registriert die Wiederkäuaktivität der Kuh und dient zur Brunsterkennung. Er signalisiert der Maschine, die unter leisem Pumpen und Zischen melkt, welche Kuh sie vor sich hat. Wie oft war sie schon da? Welchen Melkrhythmus hat Magg für sie eingestellt?

Wie das Melken abläuft, zeigt unser Video:

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In Maggs sogenanntem Boxenlaufstall laufen die Kühe ohne Strick herum, der Bauer spricht von "freiem Kuhverkehr". "Eine Kuh schläft nicht viel, aber frisst etwa 14 Mal am Tag, ein bisschen Zeit geht für Rangkämpfe drauf, und wenn sie findet, es ist Zeit zum Melken, geht sie zum Melken", beschreibt Magg einen Kuhtag.

Maggs zweiter Roboter schiebt alle zwei Stunden das ausgestreute Futter wieder zehn Zentimeter näher an den Stallzaun heran. Das tonnenförmige Gefährt erinnert an R2D2 aus "Star Wars", wie es piepsend schnurgerade an den Kühen vorbeiwalzt, während die malmend ihre Köpfe durch das Gestänge strecken. Roboter Nummer drei fährt durch den Stall und hilft, den Kuhmist zu beseitigen.

"Die Roboterfamilie hält gut zusammen"

Die Technik nimmt Magg längst nicht alles ab, sie muss überwacht und gewartet werden. "Im Sommer ist der Roboter ausgefallen, da war Chaos im Stall, die Kühe wurden nicht gemolken und ihr Rhythmus gestört", sagt Magg. Sein erster Gang führt ihn frühmorgens vor den Computer in einem kleinen Kontrollraum im Stall, aber: "Zwei Augen sehen immer noch mehr als ein Computer."

Magg mit Kuh Nabel
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Magg mit Kuh Nabel

Magg war einer der ersten Landwirte in der Region, die auf Roboterhilfe setzten. Mittlerweile gibt es 15 Roboter-Bauern im Umkreis von zehn Kilometern. In zwei WhatsApp-Gruppen tauscht Magg sich mit ihnen über die Macken der Geräte aus und gibt Tipps. "Die Roboterfamilie hält gut zusammen", so formuliert es Magg.

In einer Art Facebook für Milchbauern, betrieben von Roboterhersteller Lely, sieht Magg die Kennzahlen anderer vernetzter Betriebe. "34 Liter pro Kuh am Tag? Bei dem knallt es richtig", sagt Magg anerkennend bei einem Blick auf das Profil eines anderen Hofs.

Maggs Kühe geben etwas weniger, 37,5 Cent bekommt er pro Liter gerade. Nebenbei jobbt er noch als landwirtschaftlicher Helfer. Gerade hat der Mais Erntezeit, Magg arbeitet auf den Feldern anderer Bauern. Sein Betrieb muss nebenher weiterlaufen. "Weil die Butter gerade fast zwei Euro kostet, denken viele Leute gleich wieder, dass wir Milchbauern jetzt Millionäre sind", ärgert er sich.

Technik erhöht die Investitionssummen

Die neue Technik bedeutet auch, dass die Landwirte mit großen Summen hantieren müssen: 125.000 Euro hat allein Maggs Melkroboter gekostet - ein hohes Risiko. Ist der Kredit abbezahlt, kann Magg gleich wieder investieren. Mit seinen Robotern sei er "fast schon ein alter Hut". Der Trend gehe jetzt zur vollautomatisierten Fütterung: "Alle zehn Jahre muss erneuert werden." Seinen Stall hat Magg deshalb gleich so geplant, dass ein zweiter direkt daneben passt.

Spätestens dann wird sich für Magg die Frage stellen: Bleiben die Roboter Teil des Hofs oder dreht er die Automatisierung zurück, stellt vielleicht doch Helfer ein? Der Ausfall des Systems im Sommer hat ihm zu denken gegeben. Magg ist sich noch nicht sicher, wie technisch seine Zukunft als Bergbauer sein wird.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
paysdoufs 27.09.2017
1. Schön
Dass es auch mal einen ideologiefreien SPON-Artikel zur Landwirtschaft gibt. Allerdings muss man ehrlicherweise anmerken dass das meiste was hier als "dernier cri" dargestellt wird schon "olle Kamellen" sind (>>10 Jahre alt).
Frank Kreuzer 27.09.2017
2. Spielzeug
125.000 für den Roboter, sind mit Zinsdienst ca. 150.000. Älter als 6 Jahre wird der Roboter auch nicht. Ein Landwirtschaftsgehilfe kostet in der gleichen Zeit in etwa gleichviel, ist aber wesentlich variabler einzusetzen.
bernd_koehler 27.09.2017
3. Artgerechte Haltung??
ist ja schön, aber ob es gut ist, dass die Kühe ihr ganzes Leben im "Laufstall" verbringen müssen bezweifle ich und betrachte es nicht als artgerechte Haltung!
quercusuevus 27.09.2017
4.
Zitat von bernd_koehlerist ja schön, aber ob es gut ist, dass die Kühe ihr ganzes Leben im "Laufstall" verbringen müssen bezweifle ich und betrachte es nicht als artgerechte Haltung!
Bioland sagt Ja: "Die Haltung im Laufstall entspricht am besten den arteigenen Bedürfnissen der Rinder." (Quelle: http://m.bioland.de/fileadmin/dateien/HP_Dokumente/Verlag/Laufstaelle.pdf)
hendrik_001973 27.09.2017
5. ...aber bei einem miesen Gehalt
Zitat von Frank Kreuzer125.000 für den Roboter, sind mit Zinsdienst ca. 150.000. Älter als 6 Jahre wird der Roboter auch nicht. Ein Landwirtschaftsgehilfe kostet in der gleichen Zeit in etwa gleichviel, ist aber wesentlich variabler einzusetzen.
Wenn der landwirtschaftliche Geselle gleich viel kostet, entspricht das einem Gehalt von 25.000 € pro Jahr abzüglich Sozialversicherungskosten für den Arbeitgeber. Ob man für ein solches Gehalt gut ausgebildete Kräfte findet, die genau so gut melken wie der Roboter, ist fraglich. Zudem wird der Roboter seltener krank und verlangt auch keinen Urlaub.
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