YouTube und die Verschwörungstheorien Die Drecksarbeit wird an Freiwillige outgesourct

Mit Wikipedia-Auszügen neben Videos zur Mondlandung oder "Chemtrails" will YouTube gegen Verschwörungstheorien angehen. Eine billige, undurchdachte Maßnahme der Plattform, die zu einem milliardenschweren Konzern gehört.

Screenshot aus dem Video eines Verschwörungstheoretikers zur Mondlandung
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Screenshot aus dem Video eines Verschwörungstheoretikers zur Mondlandung

Ein Kommentar von


"Wir sind kein Medienunternehmen" ist Silicon-Valley-Code. Er steht für: "Wir wollen auf gar keinen Fall Verantwortung dafür übernehmen, was unsere Nutzer mit unseren Plattformen anstellen - wir wollen damit nur Geld verdienen".

YouTube-Chefin Susan Wojcicki hat den codierten Satz diese Woche bei ihrem Auftritt auf dem Festival South by Southwest (SXSW) gesagt. Vor ihr taten das zum Beispiel schon Google-News-Chef Richard Gingras, Facebook-Boss Mark Zuckerberg und Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg.

Die Aufmerksamkeitsmaschinen müssen weiterlaufen

Die beiden Unternehmen - Facebook und die Alphabet-Holding, zu der Google und YouTube gehören - dominieren den Markt für Onlinewerbung, sie verdienen gigantische Summen. Alphabet verkündete zuletzt erstmals einen Jahreserlös von mehr als 100 Milliarden Dollar: 110 Milliarden, um genau zu sein. Bei Facebook waren es im selben Zeitraum 40 Milliarden.

Aber wenn es den Unternehmen darum geht, die schlimmsten Auswüchse ihrer immer weiter perfektionierten Aufmerksamkeitsmaschinen einzudämmen, soll das bitte möglichst wenig kosten. Facebook zum Beispiel hatte 2016 seine hausinternen Redakteure entlassen. Seit Anfang 2017 lässt das Unternehmen professionelle Faktenprüfer in ausgesuchten Redaktionen Falschnachrichten entlarven - zunächst unbezahlt.

Später bekamen zumindest einige der Prüfer Geld für ihre Mehrarbeit, das Outsourcing aber dürfte für Facebook immer noch erheblich billiger sein, als selbst professionelle Redakteure in aller Welt zu beschäftigen, die Falschnachrichten nicht nur neben ihrer regulären Arbeit und dementsprechend langsam überprüfen.

Unbezahltes Korrektiv

Der von Susan Wojcicki auf der SXSW mit wenigen Worten angekündigte Ansatz von YouTube, verschwörungstheoretische Videos mit Links auf die Wikipedia zu ergänzen, um dem mitunter gefährlichen Quatsch etwas entgegenzusetzen, ist auch so ein Versuch, die Drecksarbeit auszulagern. In diesem Fall an die freiwilligen Wikipedia-Autoren, die ganz sicher nicht darum gebeten haben, als unbezahltes Korrektiv für eine Plattform herzuhalten, die mit extremen Inhalten extrem viel Geld verdient. YouTube hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, Wikipedia oder die dahinter stehende Wikimedia Foundation vorab über den Plan zu informieren.

Das Wegdelegieren der Wahrheitsfindung von einer Plattform mit nutzergenerierten Inhalten zur nächsten ist auch aus einem anderen Grund ein fragwürdiger Schritt: Nichts dürfte entschlossene Verschwörungstheoretiker und Propagandisten davon abhalten, nach dem Hochladen ihrer Videoclips immer wieder die passenden Wikipedia-Einträge zu editieren und sie so zumindest zeitweise - nämlich bis zur Korrektur - nutzlos zu machen. Oder gar nützlich für die eigenen Zwecke.

Wenigstens soll die Verlinkung zu Wikipedia nur ein erster Schritt von YouTube sein, weitergehende Informationen zu den Videos auf seiner Seite zu liefern. Aber er wirkt dermaßen dreist und undurchdacht, dass YouTube ihn sich auch gleich sparen könnte.

Update: Diesem Artikel wurde nachträglich die Reaktion der Wikimedia Foundation hinzugefügt, außerdem wurde im vorletzten Absatz ein sprachlicher Fehler beseitigt.

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.
insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
AZ1 14.03.2018
1. Qualitätskontrolle, bitte!
1. Es fehlt jeder Beleg dafür, dass die Maßnahme von Alphabet "undurchdacht" ist. Die Tatsache, dass sie billig ist, spricht aber dafür, dass sie gut durchdacht ist. 2. "Nichts dürfte entschlossene Verschwörungstheoretiker und Propagandisten davon abhalten, nach dem Hochladen ihrer Videoclips immer wieder die passenden Wikipedia-Einträge zu editieren". Doch, Wikipedia selber dürfte sie davon abhalten. https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Geschützte_Seiten
manchmal_dafür 14.03.2018
2. Kostenlose Redakteure???
Wer macht denn das bei Facebook kostenlos neben seiner Arbeit bzw. Worin liegt denn da sein Vorteil? Das ist doch irgendwie dämlich, oder?
tomdabassman 14.03.2018
3. Zu kurz gedacht
Die Digitalkonzerne haben ein Fass gemacht, dessen sie nicht mehr Herr werden. Siehe Goethes Zauberlehrling...Klar geht es um die liebgewordenen, billigen Profite. Aber als Maas u.and.die Konzerne in die Mangel nahmen, gab es massenhaft Kritik (namentlich in SPON), daß die notwendige Korrektur (Zensur!?) nicht von den Konzernen selbst durchgeführt werden soll. Besser also gleich vom Staat, also mit Steuergeldern? Was schlagen Sie also konkret vor? Dies ist lediglich eine weitere Etappe im Kampf um Macht und Deutungshoheit.
Tomcat2 14.03.2018
4. interessant
Es ist schon irgendwie interessant, dass es jetzt quasi als Marketing-Masche gesehen wird, wenn der Alphabet-Konzern nun bei so abstrusen Theorien wie der angeblich gefaketen Mondlandung auch auf die andere kritische Seite verweist. Aber wie ist es denn bei den angeblichen Zehntausenden jährlichen Diesel-Toten? War da nicht großes Geschrei, als das mal jemand nachprüfen wollte? Wurden da nicht Experimente an Studenten und --- viel schlimmer --- an Affen durchgeführt? So lange die Politik oder wer auch immer mit ähnlich zweifelhaften Argumenten arbeitet wie diese ChemTrail-Spinner, darf man sich wirklich nicht wundern, dass Verschwörungstheorien Auftrieb bekommen.
parterre 14.03.2018
5. Rezipienten müssen selber denken...
...Katastrophe! Welche Arbeit sollen dann die ausgebildeten Journalisten machen?
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