Verstecktes Programm Sonys Copyrightschutz verletzt Copyright

Seit Wochen steht Sony BMG in der Kritik, weil die Firma auf Audio-CDs eine Software integriert hatte, die sich heimlich und automatisch auf PC-Festplatten installiert. Nun sieht es aus, als sei das als Urheberrechtschutz gedachte Programm selbst zusammengeklaut.


Sony BMG hat sich ohnehin keine Freunde gemacht mit dem Programm, das das Unternehmen auf Audio-CDs versteckt hat. Es sollte illegales Kopieren verhindern und verkroch sich zu diesem Zweck in einer dunklen Ecke der Festplatte jedes Rechners, in den eine betroffene CD geschoben wurde. Inzwischen rollt eine Klagewelle gegen Sony, denn das "XCP"-Programm verhält sich im Grunde wie ein Virus. Vor einigen Tagen kündigte das Unternehmen an, 4,7 Millionen betroffene CDs zurückzurufen - die ersten Bösewichter hatten sich schon eine Hintertür zunutze gemacht, die die heimliche Software auf den betroffenen Rechnern öffnet.

Das Programm soll den Nutzer eigentlich dazu bringen, bestimmte CDs von Sony BMG nur mit einer auf der CD enthaltenen Playersoftware abzuspielen. Und daher droht nun neues Ungemach: Die Software, sagen Experten, enthält Komponenten, die aus einem Open Source Projekt stammen. Freie Softwareentwickler haben sie in ihrer Freizeit unentgeltlich entwickelt und verfeinert - und die durch Sony beauftragten XCP-Entwickler der Firma First4Internet haben sich dann angeblich bedient und ein bisschen geklaut. Das betreffende Projekt heißt "Lame" und ist ein Open-Source-Mp3-Player.

"Mehrere Softwarekomponenten auf der CD haben Bezüge zu "Lame"", schrieb ein finnischer Entwickler namens Matti Nikki der Agentur Reuters. Andere bestätigten dies. "Wir können bestätigen, dass bestimmt fünf Funktionen in der XCP-Software mit Funktionen von 'Lame' identisch sind", so Thomas Dullien von der Bochumer Firma Saber Security, einem auf Softwareanalyse spezialisierten Unternehmen.

Der Haken für Sony: Open-Source-Software heißt so, weil ihre Quellen für alle offen liegen sollen, so dass jeder daran weiterarbeiten, sie verfeinern oder umschreiben kann. Wer sich ihrer bedient, erklärt sich gewissermaßen implizit mit diesen Regeln einverstanden. In ihrer Software angegeben haben die Sony-Programmierer aber offenbar nicht, dass sie sich bei "Lame" bedient hatten. Und das verstößt gegen die Regeln von Open Source.

Weil einige Funktionen aus Open-Source-Software "direkt in das Programm integriert sind", wie Dullien sagt, müsste nun das ganze Programm so behandelt werden - frei für alle. Sony BMG hat gewissermaßen Copyrightregelungen verletzt mit seiner Copyright-Schutzsoftware. Peinlich. Noch letzte Woche hatte das Unternehmen das Programm als "wichtiges Werkzeug zum Schutz unseres geistigen Eigentums und des geistigen Eigentums unserer Künstler" bezeichnet.



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