Versteigerung Wo Kirk einst saß, da will ich thronen

Für Trekkies ist es das Objekt von Träumen und Begierden, echter Kult: Captain Kirks Sessel. Das Requisit tauchte nach 30 Jahren wieder auf - und soll nun per Versteigerung 150.000 Dollar bringen.


Der Thron des Kommandanten: Bald teuerstes TV-Requisit aller Zeiten?

Der Thron des Kommandanten: Bald teuerstes TV-Requisit aller Zeiten?

Der wohl frisierte Herr mit dem Ansatz zum dank seines Pyjamas gut zu erkennenden Wohlstandsbauch, wirft sich mit leidendem Gesicht von rechts nach links. Und zurück. Die kleine Locke in seiner Stirn schwingt: Er wird sie zurückstreichen, wenn alles vorbei ist.

Doch noch ist es nicht vorbei. Alle, alle werfen sich von rechts nach links, zurück, noch mal, gucken leidend. Irgendwo sprühen Funken, was den Navigator dazu bewegt, mit einem "Öööaaargh!" zu Boden zu sinken und dort liegen zu bleiben. Links im Bild, gleich neben Uhura, die immer wiederholt, was der Computer ihr sagt, steht der Kerl mit den spitzen Ohren: Er blickt nicht leidend, sondern kühl auch dann, wenn er wackelt.

"Analyse, Mr. Spock?", bellt der Mensch, der da in Raum- und Bildmitte thront, unerschütterlich, sich festhält an seinem Sitzmöbel, das über alle Erschütterungen erhaben scheint. Die Hände liegen auf den kantigen Lehnen, die wie dafür gemacht scheinen, die Füße in schicken hohen Damenstiefeln hält er fest auf dem Boden der Tatsachen. Kein Zweifel, wir sind im Weltall, in unendlichen Weiten, dort, wo sich noch kein Mensch zuvor leidend von rechts nach links und zurück geworfen hat.

Die heile Welt von Spock, Kirk, McCoy, Scott: Erst wurden sie geschüttelt, und am Ende waren alle wieder gerührt
AP

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Der Sessel: Fixpunkt in der Mitte aller Dinge

Das tat justamente auf jenem Sessel Captain James T. Kirk als Nachfolger seines glücklosen Vorgängers Captain Christopher Pike, der das so schlecht konnte, dass man ihn erstens nur einmal antreten ließ und zweitens die entsprechende Folge in Deutschland erst 30 Jahre später zu sehen bekam: Natürlich reden wir hier von der Serie der Serien.

Es geht um die "Enterprise".

Genauer: Um die Original-"Enterprise" von 1964, Zulassungsnummer NCC-1701, auf Eis gelegt von 1964 bis 1966, außer Dienst gestellt 1969, wegen notorischer Erfolglosigkeit der Serie, die ihren Durchbruch erst Jahre später als Wiederholung haben sollte.

Noch genauer: Es geht um die Brücke, das Herz und Hirn des Schiffes, und dort um den Mittelpunkt aller Dinge. Es geht - Fans, spürt Ihr den ehrfürchtigen Schauder? - um den Sessel aller Sessel. Um das Sitzmöbel, auf dem wir alle damals so gern einmal gethront hätten, so völlig Herr der Situation, alles unter Kontrolle: "Analyse, Mr. Spock?"

Deren Ergebnis war letztlich nicht relevant: Am Ende löste Kirk alle Probleme, indem er a) die Blondine küsste, b) den Alien per Faustschlag außer Gefecht setzte. Manchmal auch beides, nie aber umgekehrt.

Bereit: Der Captain auf dem Weg zur Konfliktlösung (in der Kampf-, nicht in der Kuss-Variante)
Paramount Pictures

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Am Ende jeder Folge dann versammelten sich die Sympathieträger um den Thron des Chefs, um mit einer abschließenden Anekdote zu dokumentieren, dass die Welt heiler nicht sein kann - wenn nur der Sessel nicht wackelt und sich niemand mit leidendem Gesicht von rechts nach links werfen muss, und zurück.

Ein Traum wird verkauft

Das kann man bald auch zu Hause üben, wenn man das nötige Kleingeld hat.

Kirks Thron, der Sitz des Kommandanten, kommt unter den Hammer. Ein massives Stück Requisite von einer Güte, wie sie heute kaum mehr gebaut wird: Seit 1969 stand das gute Stück in einer Garage, in die es ein ehemaliger Angestellter von Paramount, der lieber anonym bleiben möchte, vor der Entsorgung rettete.

Jetzt verkauft er, per Online-Auktion. Eingangsangebot: 80.000 Dollar. Erwartet werden 100.000 bis 150.000 Dollar Versteigerungserlös.Kirks Sessel ist fraglos das prominenteste Stück TV-Requisite, das jemals unter den Hammer kam.

Geboten bekommt man für sein Geld ein Stück amerikanischer Wertarbeit, das völlig rostfrei ewig überleben mag, weil selbst das Metall aus gestrichenem Sperrholz besteht - komplett mit Kommando-Armaturen rechts und links, über die man per Kippschalter diverse Glühbirnen aktivieren kann. Das Ganze steht auf einem Sockel aus massivem, sogar beschwertem Sperrholz, das dem Konstrukt die nötige Stabilität verleiht. Im Sockel stecken Federn, die den nach rechts und links drehbaren Sessel immer wieder zur Mitte zurückkehren lassen.

Wahnsinn und inspirierend ist das, auch politisch: Gerüchte, diverse Kandidaten hätten ihr Interesse bereits angemeldet, klingen so abstrus, dass sie durchaus wahr sein könnten. Ideal wäre das ja schon: ein Sessel, der die absolute Kontrolle garantiert. Der ein Image von Vertrauen, von Kindheitsträumen, Sehnsüchten, von Sicherheit vermittelnder Stärke transportiert.

Einer, auf dem man sich mit leidendem Gesicht von rechts nach links und zurück werfen kann, nur um per Federautomatik immer wieder genau in der Mitte zu landen?

Das klingt doch wie eine "Killer-Application" für die bundesdeutsche Politik. Selbst vom Design her passte wohl kaum ein Sitzmöbel besser zum neuen Kanzleramt. Oder passt das Ding, nur so zum Spaß, besser als Fahrersitz ins Guidomobil? Wie auch immer: Man darf gespannt sein, wer den Sessel am 27. Juni für wie viel abstoibt.

Frank Patalong



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