Vertiefung Was ist das eigentlich, das Usenet?

Das Usenet ist erklärungsbedürftig: Es ist ein eigener Bereich innerhalb des Internet, der nicht direkt mit dem World Wide Web verbunden ist.


Das Usenet gehört zu den ältesten Bereichen des Internet. Am ehesten lässt es sich so beschreiben: Die einzelnen "Newsgroups" sind "schwarze Bretter", an denen man Nachrichten zu einem bestimmten Themenkomplex hinterlassen kann. Kommuniziert wird also per E-Mail: Man schickt eine Mail an die Newsgroup, wo diese E-Mail dann öffentlich zu sehen ist. Andere nehmen Stellung dazu oder äußern eigene Meinungen - es ergibt sich eine Art zeitverzögerte Diskussion.

Diese Art der Kommunikation hat Konsequenzen. Es gibt sehr "schnelle" Newsgroups, in denen sich die Diskutanten die Nachrichtenfetzen regelrecht an den Kopf werfen, und andere, in denen in zehn Tagen nur zehn Nachrichten zu finden sind. Tendenziell ist es jedoch so, dass man für seine Antworten weit mehr Zeit hat, als zum Beispiel in einem Chat. Zudem werden Antworten wie bei ganz normaler E-Mail der ursprünglichen Nachricht als "Re" zugeordnet. Das kann oftmals das Niveau merklich erhöhen gegenüber anderen Internet-Diskussionsformen. Wohlgemerkt, kann.

Denn das Usenet ist unfassbar groß.

Derzeit gibt es wahrscheinlich rund 280.000 tatsächlich genutzte Foren (es gibt sehr unterschiedliche Zahlenangaben), in denen man mit einem News-Reader lesen und recherchieren kann.

Das reicht vom hochintellektuellen Schach-Forum über Fachdiskussionen für Ingenieure, Rezept-Börsen für Hobbyköche, Fans und Hasser aller möglicher Stars und Sternchen, Neonazis, Ku-Klux-Klan und andere Rassistenforen, religiöse Fanatiker, tausende pornografischer Foren, Verkaufs-, Sammler- und Tauschbörsen für Waffennarren, Diskussionsforen für Glatzengeschädigte bis hin zu politischen und tagesaktuellen Nachrichtenforen.

Kurz gesagt: Willkommen im Dschungel des Internet.

Das Usenet ist der wohl krasseste, "freieste", anarchischste, verdorbenste, witzigste und problematischste Teil des Internet.

Doch neben der Tatsache, dass man hier das Gespräch mit Gleichgesinnten finden kann (egal, wofür man sich interessiert), bietet das Usenet vor allem eine große Chance: Was auch immer, wo auch immer auf der Welt passiert, im Usenet findet man eine Gruppe, die sich entweder mit dem Thema beschäftigt, oder aber in der betreffenden Region "verortet" ist. Kurzum: Spätestens seit den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien war das Usenet auch und gerade für Journalisten eine der ersten Adressen, um Kontakt mit Augenzeugen zu finden.

Als das WTC brannte, gehörten die Islam-, die New-York- und die amerikanischen Politikforen des Usenet zu den meistbesuchten Adressen im Internet.

Das Usenet bietet oftmals Nachrichten, die es sonst nirgendwo gibt - inklusive Verschwörungstheorien, Falschmeldungen, Propaganda und das Schwadronieren von Weltverbesserern und Wirrköpfen. In seinen Sternstunden jedoch bietet es Nachrichten schneller als jede Presseagentur, jedes Medium. Nur sollte man nie vergessen, wo man ist: Usenet-Informationen sind nur so verlässlich wie derjenige, der sie verbreitet. Und das darf dort jeder.

Wenn er sich an die Netiquette hält.

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