Verurteilte Chinesen Reporter ohne Grenzen besuchen Yahoo-Zentrale

Der Druck auf Yahoo wegen der umstrittenen Zusammenarbeit mit chinesischen Behörden wächst. Jetzt haben Vertreter von Reporter ohne Grenzen die Yahoo-Zentrale im kalifornischen San Jose aufgesucht - unangemeldet und begleitet von einem Kamerateam.


In der Firmenzentrale von Yahoo in San Jose tauchte am Montag ein Mann auf, der sich benahm wie Michael Moore in seinem Film "Bowling for Columbine". Dieser Mann, Julien Pain von der Organisation "Reporter ohne Grenzen", verlangte ein Gespräch mit einem Yahoo-Manager. Er wolle mit ihm über die Kooperation des Unternehmens mit den chinesischen Behörden reden, die bereits unter anderem die Verurteilung eines Journalisten wegen angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen zur Folge hatte.

Alibaba-Chef Ma mit Yahoo-Boss Rosensweig: Umstrittene Kooperation mit Behörden
REUTERS

Alibaba-Chef Ma mit Yahoo-Boss Rosensweig: Umstrittene Kooperation mit Behörden

Angemeldet hatte sich Pain nicht - dafür aber ein Kamerateam des Senders ABC im Schlepptau. Zunächst wurde er abgewiesen, man drohte ihm sogar, die Polizei wegen seines Eindringens zu rufen. Schließlich kam es aber doch zu einem Treffen mit zwei Yahoo-Vertretern.

Bei Yahoo betrachte man die Angelegenheit wie eine PR-Krise, sagte Pain gegenüber Cnet. Es sei jedoch keine PR-Krise, "das ist eine Menschenrechtskrise".

Im Februar hatte bereits der Kongress die enge Zusammenarbeit Yahoos mit China kritisiert. Yahoos Mail-Server für den chinesischen Markt stehen in China. Google und Microsoft haben hingegen Standorte in Ländern gewählt, in denen das Recht auf freie Meinungsäußerung besser geschützt ist als in China.

Die Pariser Zentrale von Reporter ohne Grenzen hatte im September enthüllt, dass Yahoo den chinesischen Behörden Informationen geliefert hatte, die zur Verurteilung des Journalisten Shi Tao zu zehn Jahren Haft geführt hatten. Ihm war der Verrat von Staatsgeheimnissen vorgeworfen worden.

Wegen das Falls hatte kürzlich ein Abgeordneter aus Hongkong Klage gegen die Hongkonger Yahoo-Filiale eingereicht. Er erklärte, die ihm vorliegenden Prozessunterlagen aus China würden belegen, dass die Hongkonger Yahoo-Filiale die fraglichen Unterlagen den chinesischen Behörden zur Verfügung gestellt hatte - und nicht die chinesische Yahoo-Filiale, wie von dem Unternehmen selbst behauptet.

Der Yahoo-Manager Michael Callahan hatte im Februar erklärt, Yahoo sei ein Investor in China und kontrolliere nicht das Tagesgeschäft. Yahoo China wird von der chinesischen Firma Alibaba.com betrieben.

hda



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.