Video-Krieg: Anti-Clinton-Spot bringt Obama in Bedrängnis

Hillary Clinton als Big Brother - zwei Wochen lang rätselte Amerika, wer den für die Präsidentschaftskandidatin wenig schmeichelhaften Spot bei YouTube platzierte. Jetzt kommt heraus: Der Produzent steht Barack Obama nahe. Dessen Wahlkämpfer distanzieren sich eiligst.

Hamburg/Washington - Ohne irgendeine Gefühlsregung sitzen sie da, wie in Trance, hunderte Männer, aufgereiht auf Bänken, kahl rasiert, in schmutzig-grauen Arbeitsanzügen. Auf der riesigen Leinwand vor ihnen ist in Nahaufnahme das Gesicht von Hillary Clinton zu sehen. Sie spricht von "ehrlichen, hart arbeitenden, patriotischen Menschen", die Teil des "amerikanischen Teams" sein wollen - Auszüge aus der Erklärung ihrer Präsidentschaftskandidatur.

Dann stürmt eine junge Frau nach vorn, einziger Farbtupfer im düsteren, bedrohlichen Szenario, eine Athletin in orangefarbener kurzer Sporthose und weißem Top, auf dem das Logo der Kampagne Barack Obamas zu erkennen ist. Kurz bevor Sicherheitskräfte sie erreichen, schleudert sie einen schweren Vorschlaghammer in die Leinwand, die daraufhin explodiert. Ein Slogan erscheint: "Am 14. Januar beginnen die demokratischen Vorwahlen. Und ihr werdet sehen, warum 2008 nicht wie '1984' sein wird."

Mehr als zwei Millionen Mal ist der Spot mit dem Titel "Vote different" auf der Videoplattform YouTube bereits abgerufen worden, seit er am 5. März dort gepostet worden ist - eine beachtliche Zahl. Und mehr als zwei Wochen rätselten Web-Community, Journalisten und Politiker in den USA, wer das professionell gemachte 74-Sekunden-Filmchen produzierte und veröffentlichte, an dessen Ende der Hinweis auf die offizielle Wahlkampf-Website des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Obama erscheint.

Hillary Clinton als Orwell'scher Big Brother - diese scharfe Attacke passte nicht zum Stil ihres schärfsten parteiinternen Konkurrenten, dem Shootingstar der US-Demokraten, der stets seine Erhabenheit über die berüchtigten Schlammschlachten im amerikanischen Wahlkampf beschwor. Von CNN-Moderator Larry King auf den "Vote different"-Spot angesprochen beteuerte Obama, nichts über dessen Urheber zu wissen. "Offen gesagt, wie es aussieht, haben wir gar nicht die technischen Möglichkeiten, um so etwas zu produzieren."

Video-Produzent verliert seinen Job

Doch ganz so distanziert und gelassen kann Obama die Geschichte nun nicht mehr betrachten. Denn der mysteriöse Anti-Clinton-Spot, der von vielen bereits als Vorbote eines neuen bürgerschaftlichen Politaktivismus im Web gefeiert wurde, erweist sich nun als Werk eines Mannes, der ziemlich nah dran ist an der Kampagne des Senators aus Illinois. Nachdem Blogger ihn als Produzenten ausgemacht hatten, bekannte Philip de Vellis, 33, in einem Statement auf der liberalen US-Weblog-Seite "The Huffington Post": "Ich bin Phil. Ich hab' es getan. Und ich bin stolz darauf."

De Vellis war bis vor kurzem Mitarbeiter von Blue State Digital, einer in Washington ansässigen Beraterfirma, die für demokratische Kandidaten und liberale Gruppierungen arbeitet. Blue State Digital kreierte Obamas Internetauftritt, einer der Gründer des Unternehmens, Joe Rospars, ist nach Angaben des Unternehmens beurlaubt, um für Obama in dessen Hauptquartier Wahlkampf zu machen.

Die Verbindungen zum Präsidentschaftskandidaten sind unübersehbar. Umso eiliger hatten es Obama und Blue State Digital zu betonen, dass de Vellis nicht im Auftrag der Obama-Kampagne oder seines Unternehmens gehandelt, sondern das Video auf eigen Faust produziert und ins Netz gestellt habe. De Vellis ist seit gestern offenbar nicht mehr für Blue State Digital tätig: Er selbst gab an, gekündigt zu haben, Blue-State-Digital-Manager Thomas Gensemer dagegen will ihn gefeuert haben.

Auch de Vellis selbst beteuert in seinem Blog für "The Huffington Post", allein für den Anti-Clinton-Spot verantwortlich zu sein. Weder das Obama-Lager noch sein früherer Arbeitgeber hätten von dem Film gewusst, den er in seiner Freizeit produziert habe. Als Vorlage diente ihm dabei ein Spot der Computerfirma Apple aus den achtziger Jahren, der seinerzeit zum Super Bowl ausgestrahlt wurde und sich gegen die Marktmacht des Konkurrenten IBM richtete. Er habe sich entschlossen, Blue State Digital zu verlassen, weil er weder dem Kandidaten noch dem Unternehmen durch eine vermeintliche Verwicklung schaden wolle, schreibt de Vellis.

Clinton-Anhänger antworten mit eigener Version

In der Tat dürfte Obama viel daran liegen, nicht in den vagesten Verdacht zu kommen, dass er oder seine Wahlkampfmanager das Video in Auftrag gegeben haben könnten. Seit er in den USA die große politische Bühne betreten und sich als Nachfolger von US-Präsident George W. Bush in Position gebracht hat, kultiviert er sein Image als Politiker, der sich vom brachialen Politikalltag abhebt.

Im Lager von Hillary Clinton wollte sich zunächst niemand zu den Umständen des Videos äußern. Angeblich soll sich die Senatorin aus New York zuvor aber köstlich über den Spot amüsiert haben. Der Film sei besser als ihre schräge Darbietung der amerikanischen Nationalhymne, die zuletzt ebenfalls auf YouTube zu sehen war, soll sie nicht ohne Selbstironie gesagt haben.

Im Übrigen haben ihre Anhänger längst reagiert und unter dem Titel "Barack 1984" eine Video-Antwort ins Netz gestellt, die bislang rund 325.000 Mal abgerufen wurde. Der Spot parodiert die gleiche Apple-Werbung und nutzt Auszüge aus einer Rede Obamas, in der er sich anlässlich des Super Bowls als Fan der American-Football-Mannschaft Chicago Bears präsentiert. Zum Ende erscheint der Schriftzug: "The Bears Lost. So Will Obama. Clinton for President."

phw

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