Von Ole Reißmann
"Die Uhr tickt", sagt Clint Eastwood in dem Film "Space Cowboys". Sagt Christopher Plummer in "Verblendung". Sagt Harvey Keitel in "Pulp Fiction, und so geht das immer weiter: 15 kurze Filmausschnitte mit dem Zitat sind in einem Clip aneinandergereiht. "Supercut" nennt sich so eine Montage, den Grundstoff dazu liefern häufig Hollywood-Filme, Musikvideos oder Fernsehserien.
"Das ist Kunst", sagt YouTube-Nutzer "hatinhand". Die tickenden Uhren sind nur ein Beispiel aus seinen 26 Supercuts. Eigentlich heißt er Alex und arbeitet als Drehbuchautor in Hollywood. "Ich wüsste nicht, was dagegen spricht", sagt Alex. "Du nimmst Material und machst daraus etwas starkes Neues, etwas Fließendes und in sich Stimmiges." Die Mash-ups sind sein Hobby, aus Liebe zum Film.
Mit fast einer halben Million Abrufe ist die Filmschau "The 2011 Portfolio" einer seiner erfolgreichsten Supercuts - nur übertroffen von seiner Mem-Sammlung und einer Zusammenstellung von Horrorfilmen. Für den Rückblick auf die Kinofilme des Jahres 2011 hat Alex Szenen aus insgesamt 166 Filmen verwendet. Rund zwei Monate hat er an dem Video gesessen.
Passgenau auf Beats
"Das langwierigste daran war das Importieren von so vielen Filmtrailern in hoher Qualität in das Schnittprogramm", sagt Alex. Das Ergebnis ist ein knapp achtminütiges Bilderstakkato. In Deutschland ist das Video auf YouTube allerdings gesperrt, es fehlen die Musikrechte der Gema, man muss auf andere Plattformen ausweichen. Sechs Lieder hat Alex als Musikuntermalung verwendet. "Wenn der falsche Song läuft, funktioniert das Video nicht."
Die Musik ist rechtlich am ehesten problematisch bei den Supercuts. Der reine Zusammenschnitt der Clips aus den Filmen dürfte in vielen Fällen legal sein, auch in Deutschland - immer dann, wenn das Ergebnis als eigenständiges Werk durchgeht. Aber erst durch die passenden Klänge entfesselt das Großensemble seine hypnotische Sogwirkung.
Vor allem achtet Alex bei seinen Supercuts auf fließende Bewegungen - und auf so etwas wie zusammenhängende Handlungen. In "Mindgame" sind es vor allem die Schnitte und Bewegungen, die er passgenau zu einem Remix der Elektronikband Glitch Mob aus Los Angeles montiert hat. Sein Vorbild: ein 15-Minuten-Clip-Feuerwerk von "Khameleon808", in dem die Bilder mal langsamer, mal schneller abgespielt werden, passgenau zu den zerhackten Beats. "Das ist ein Supercut mit der Präzision eines Uhrwerks, den ich sehr bewundere."
Das Supercut-Mem
Als Kunstform ist der Supercut nicht unbedingt neu. Der Filmkritiker Tom McCormack hat die Geschichte des Supercuts in seiner ausführlichen Betrachtung sogar bis 1958 zurückverfolgt. In den vergangenen Jahren, durch Websites wie YouTube, schnelle Computer mit Schnittsoftware und durchsuchbaren Text-Transkripten, ist das Erstellen von Supercuts dann viel einfacher geworden. Mit genügend Zeit und Geduld kann praktisch jeder Computernutzer zum Filmkünstler werden. Spätestens 2011 wurden die Supercuts dann zum Mem. Andy Baio hat 146 der Mash-ups untersucht und die durchschnittliche Zahl der Schnitte ermittelt: Es sind 82 pro Video. Ein Viertel hat mehr als 100 Schnitte, rund fünf Prozent haben mehr als 600.
Viele Supercuts sind bestimmten Filmtechniken gewidmet, zum Beispiel bestimmten Kameraeinstellungen. "Tarantino // From Below" ist eine Sammlung von Froschperspektiven, die Quentin Tarantino in seinen Filmen verwendet hat. So analysiert "kogonada" die Bildsprache des Regisseurs. In einem anderen Clip hat "kogonada" sich die Filme von Stanley Kubrick vorgenommen und Szenen mit Fluchtpunktperspektive herausgesucht.
"Es hat rund 15 Stunden gedauert, um alle Filme anzusehen und die Szenen herauszusuchen", sagt "kogonada". Dazu kamen dann noch rund zehn Stunden Schnittzeit. Eigentlich hatte er vor, zur Ästhetik der Zeit in Filmen zu promovieren - brach die Dissertation jedoch ab und begann, eigene Filme zu machen und Dokumentationen zu drehen. "Mit Supercuts kann ich Ideen und Gedanken leichter ausdrücken, als wenn ich einen Text schreiben würde."
"Bazinga" und "You suck"
Wieder andere verbinden typische Filmszenen - das Klingeln eines Telefons, bestimmte Bewegungen - miteinander, oder wiederkehrende Momente in einer Fernsehserie. Die Seite supercut.org hat jede Menge solcher Clips gesammelt, etwa jedes "You suck", dass in der Comedyserie "Community" gesagt wird, oder jede Szene, in der Sheldon Cooper in "Big Bang Theory" sein "Bazinga" anbringt.
Diese Häppchen für Fans, die mit der jeweiligen Serie und ihren Charakteren vertraut sind, bleiben allerdings hinter den Möglichkeiten des Formats Supercut zurück. Denn im besten Fall sind die Montagen mehr als nur recycelte Szenen - eben dann, wenn ein Filmkünstler wie Alex es schafft, mit oft kaum sekundenlangen Schnipseln eine kleine Geschichte zu erzählen.
Weil das allerdings ungleich aufwendiger ist, müssen Supercut-Fans auf den Zusammenschnitt der Filme für das Jahr 2012 noch etwas warten. "Bis Januar werde ich damit nicht fertig", sagt Alex, "ich habe vor meinem Winterurlaub nicht genug Zeit."
Zehn wirklich gute Supercuts haben wir hier gesammelt.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Internet | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH