Videodays Schlange stehen für die YouTube-Stars

In Köln tobt dieser Tage nicht nur die Videospielmesse Gamescom, parallel finden auch die Videodays statt. Dort treffen sich YouTube-Stars mit ihren Fans - und es bietet sich ein Einblick in die Medienwelt von morgen.

Die Schlange reicht bis über die Brücke: Warten auf die Stars zum Anfassen
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Die Schlange reicht bis über die Brücke: Warten auf die Stars zum Anfassen


Köln - Petrit ist eigentlich ein vergleichsweise kleiner Fisch, mit seinen 100.000 Abonnenten. Aber die Mädchen, die in der Schlange vor der Kölner Lanxess-Arena stehen, wollen trotzdem ein Autogramm. Sie haben dafür eigens dicke Spiralblöcke mitgebracht, und auf die malt Petrit nun schwungvoll seinen Namen. "Ist das zweite auch für dich oder für jemand anderes?", fragt er. Freundlich, professionell, routiniert.

Hinterher erklären die Mädchen, alle um die 15 Jahre, was Petrit eigentlich macht: "Let's Plays", also Videos, in denen er ein Computerspiel spielt und das kommentiert. Und welches Spiel? "Minecraft!", kommt die Antwort im Chor. Nein, so berühmt wie Gronkh und Sarazar sei er natürlich nicht, sagen sie. Ist es also sozusagen ein bisschen Indie, wenn man ihm zusieht beim Spielen statt Superstars wie Gronkh? "Genau."

Petrit ist nur einer von Dutzenden YouTubern, die sich am Freitag in der Kölner Lanxess-Arena ihren Fans aus der Nähe zeigen. Am Vormittag winden sich die Schlangen der Wartenden vor mehreren Eingängen jeweils hundert Meter weit, entspannte, geduldige junge Menschen, überwiegend weiblich, warten gesittet, bis sie eingelassen werden.

Mancher Star saß letztes Jahr noch im Publikum

Und was wartet dann hinter den Türen? Eine Show? "Nein, heute nur Autogramme", erklärt eine etwa Vierzehnjährige, "und Fotos!" Es geht hier um Stars zum Anfassen, im Wortsinn. Am Samstag gibt es auch noch eine Preisverleihung und ein Bühnenprogramm, was nicht jedem behagt: LeFloid alias Florian Mundt, 1,9 Millionen Abonnenten, hat zum Beispiel ein bisschen Bammel: "Ich scheue mich vor Bühnenpräsenz. Ob online oder offline bekannt zu sein, ist schon nochmal was anderes."

YouTuber wie Y-Titty, Daaruum, DieLochis oder eben LeFloid sind die größten Stars der Szene. Sie erreichen mit ihren Videos zum Teil mehr als eine Million Abonnenten. DieLochis saßen bei den Videodays vor zwei Jahren noch selbst im Publikum - der Übergang zwischen Zuschauern und Entertainern ist hier fließend, zumindest in bestimmten Bereichen.

Das gehört zweifellos zu den Quellen der großen Anziehungskraft, die dieses neue, gänzlich nichtlineare Fernsehen auf seine Fans ausübt. Die Stars selbst machen Witze oder spielen Spiele vor, sie geben Schminktipps oder kommentieren Nachrichten. Der Inhalt ist für diese neue Kategorie Medienschaffender oft erst einmal zweitrangig. "Die Künstler kommen aus dem Publikum. Das ist das Besondere und das spürt auch jeder, der bei den Videodays dabei ist", sagt Veranstalter Christoph Krachten.

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Fünfstellige Summen für einen Spieletest

Die Mehrzahl der deutschen YouTube-Helden ist heute Mitte, Ende 20, also ein bisschen älter als das Publikum selbst. Gronkh alias Erik Range ist mit 37 Jahren Ausreißer nach oben. Im Gegensatz zu Fernsehstars mussten die YouTuber keine Programmplaner überzeugen. "Sie alle haben ihre Karriere selbst in die Hand genommen", sagt Christoph Krachten.

Auf der Videospielmesse Gamescom sagt ein erfahrener PR-Mann: "Wenn ich heute die Wahl habe, ob ich ein Spiel einem einzigen traditionellen Medium zum Ausprobieren gebe oder einem Let's-Player, dann nehme ich den Let's-Player."

Der unmittelbare Zugang zum Publikum und die enorme Glaubwürdigkeit der YouTuber schlägt in seinen Augen in Sachen Marketing-Effekt alles, was die Fachpresse bieten könnte. Wenn den YouTube-Profis ein Spiel gefiele, machten sie so etwas auch mal umsonst. Wenn nicht, kassierten manche mittlerweile fünfstellige Summen für derartige Einsätze.

"Das sind alles nahbare Alltagsstars", sagt der Kommunikationspsychologe Carlo Sommer von der Hochschule Darmstadt. "Das Identifikationspotenzial ist also viel höher als bei abgehobenen Schauspielern." Gleichzeitig aber sind die erfolgreichsten unter den Stars längst selbst Profis - Profis, die nach ganz neuen, eigenen Regeln spielen.

cis/dpa

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insgesamt 27 Beiträge
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Orthoklas 15.08.2014
1. Armes Deutschland
Gronkh und Co.? So etwas bringt uns wirklich weiter...
fridolingehaus 15.08.2014
2. Armes Deutschland
Mitten im Leben, Frauentausch, Richterin Salesch, das bringt uns sicher weiter... Also ich werde meinem Kind deutlich eher eine Stunde Apecrime oder Ytitty erlauben als eine Stunde Privatfernsehn.
wiewowasweisobi 15.08.2014
3. @Orthoklas
Und was bringen uns Entertainmentsendungen im Fernsehen weiter? Genau....
veremont 15.08.2014
4. Youtuber
Kann mich meinen Vorpostern nur anschließen. Ich finde es super. Lieber Youtube Stars als das dumme deutsche Privatfernsehen! Ich kann mit beidem nicht viel anfangen aber die Youtuber sind zumindest auf ihre eigen Art und Weise kreativ und ergreifen die Initiative selber etwas auf die Beine zu stellen - dazu gehört auch Disziplin.
Domkirke 15.08.2014
5.
Das ist nicht die Medienlandschaft von morgen, sondern die Medienlandschaft von heute...
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