Kinder im Videochat "Ich bin 13, das ist scheiße"

Sie filmen sich im Schlafanzug, beim Schminken und in der Schule: Auf der Videoplattform YouNow zeigen Jugendliche ihr Privatleben in Echtzeit. Gerade in Deutschland wächst die Nutzerzahl derzeit rasant.

Lächeln für unbekannte Zuschauer: Hier eine Nutzerin aus dem Werbevideo von YouNow

Lächeln für unbekannte Zuschauer: Hier eine Nutzerin aus dem Werbevideo von YouNow

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Peggy* sitzt mit einer grauen Stumpfhose und einem rosa Top auf ihrem Bett und filmt sich. Das Livevideo der 13-Jährigen kann sich jeder ohne Anmeldung ansehen. Nur wer ihr Chatnachrichten schreiben will, muss sich einloggen.

"Du bist hübsch", schreibt ein Zuschauer. "Dankeschön!", sagt Peggy. "Rasierst du dich?", fragt ein Zuschauer. "Ja", sagt Peggy. "Spreiz mal die Beine", schreibt ein Zuschauer. "Was ist denn mit dir los?", fragt Peggy. Dann schreibt jemand: "Peggy, geh offline, hier holen sich glaube ich gerade ein paar einen runter."

Die Videoplattform, auf der Peggy zu sehen ist, heißt YouNow und entwickelt sich gerade zu einem Trend in Deutschland. Die Zahl der deutschsprachigen Nutzer ist in den vergangenen zwei Monaten um 250 Prozent gewachsen, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt. 15 Prozent von YouNows Datenverkehr kommen aus Deutschland, insgesamt verzeichnet die Plattform 100 Millionen Nutzersitzungen im Monat. Videos mit den Hashtags "deutsch", "deutsch-girl" und "deutsch-boy" sind zahlreich vertreten.

Private Infos für ein Emoji und ein Like

Eigentlich wurde die Plattform nicht dazu gemacht, um Minderjährige im Schlafanzug zu zeigen. YouNow sollte zum Beispiel angehenden Musikern, DJs und YouTubern die Möglichkeit geben, direkt mit ihrem Publikum in Kontakt zu treten. Umgekehrt sollten die Zuschauer neue "talentierte Inhalte-Macher" entdecken können, wie es auf der Website heißt.

Nun gesellen sich aber zu den YouTubern und Musikern jede Menge Jugendliche, die sich offenbar schlicht nach Aufmerksamkeit sehnen. Sie freuen sich über Likes und freundliche Emojis und geben dabei viel über ihr Privatleben preis.

YouNows Nutzer sind nach Angaben des Unternehmens zwischen 15 und 24 Jahre alt. Die beliebtesten Nutzer haben einige Hundert Zuschauer gleichzeitig, die meisten nur eine Handvoll. Wer den Dienst am Morgen besucht, sieht Videostreams aus dem Klassenzimmer - auch während des Unterrichts.

Wir haben uns am Abend eine Stunde durch YouNow geklickt und eine verrückte Reise durch deutsche Kinderzimmer erlebt:

  • Es ist 22 Uhr. Das Videofenster zeigt die 13-Jährige Mara* im Schneidersitz, die im Eiltempo die Fragen ihrer Zuschauer beantwortet. Sie verrät ihr Alter und dass sie Jungfrau ist, dass sie keinen Freund hat. "Wenn ihr meine Nummer wollt, schreibt mir einfach auf Instagram, dann schick ich die euch", sagt sie.

  • Zwei Jungs mit Pappschildern in den Händen, darauf "16 Jahre" und "18 Jahre", sitzen auf einem Bett und küssen sich. Dann rufen sie in die Kamera: "Gaylord! Hitler! Wir lieben uns nicht! Wir machen das nur, um Likes zu bekommen!"

  • Das nächste Videofenster ist schwarz, die Nutzerin heißt Mona*. Mona will kein Licht anmachen. Sie flüstert: "Ich bin dreizehn, das ist scheiße. Ich will nicht, dass ihr mich bemitleidet. Dann fühle ich mich wie ein kleines Kind. Aber ich will einfach nicht wie ein kleines Kind auf andere wirken." Mona flüstert minutenlang.

  • Nutzer Max* sitzt im Freien und hält einen Joint in die Kamera. "Was ich mache? Rauchen. Hier, ein Joint!", sagt er und lacht. Als ihn ein Nutzer fragt, wie alt er ist, sagt Max: "Ohne Scheiß, ich bin 18!"

  • Katrin* liegt müde auf der Couch, auf ihrem Gesicht flimmert das Licht eines Fernsehers. Im Chat betteln die Zuschauer darum, dass Katrin etwas erzählt. "Was soll ich denn erzählen?", fragt sie. "Twerk mal!", schreibt ein Zuschauer. Aber Kartrin hat offenbar keine Lust zu tanzen.

  • Ali* sitzt auf seinem Bett und liest gerade die Chatnachricht eines Zuschauers vor. "Ich bin überall dein Fan und folge dir!", schreibt der Zuschauer. Ali zeigt sich gerührt: "Boa, danke dir, das bedeutet mir viel, Bruder!"

  • Miriam* sitzt in einem Klassenzimmer voller Schlafsäcke und Iso-Matten, es ist eine Lesenacht in der Schule. "Ich bin elf!", sagt Miriam. Ihre Freundinnen drängen sich ins Kamerabild. "Kennt ihr YouNow?", fragt Miriam. "Ihr seid jetzt live im Internet!"

Das Fazit nach einer Stunde YouNow: Alle verraten sofort ihr Alter. Fast alle geben ihren Wohnort und ihren Namen in sozialen Netzwerken preis. Und wer sich einen kostenlosen Instagram-Account anlegt, wird dort von vielen sogar die Telefonnummer bekommen. Die YouTuber LeFloid und Tooncraft haben kürzlich in Videoaufrufen gewarnt: "Seid nicht dumm auf YouNow!"

Eine 14-Jährige YouNow-Nutzerin berichtet auf Nachfrage, auch sie habe das Video von LeFloid gesehen. Sorgen mache sie sich aber keine. "Warum sollte gerade mich jemand stalken?", fragt sie. "Wenn die Stalker meine Videos gucken, ist doch okay, dann habe ich Zuschauer. Außerdem merkt man doch, wenn man gestalkt wird."

Wer sich von Zuschauern verunsichert oder bedroht fühlt, kann sie blockieren oder melden. YouNow überwacht die Streams nach eigenen Angaben rund um die Uhr durch ein Moderatorenteam. Nacktheit ist laut den Nutzerrichtlinien verboten, wer dagegen verstößt, kann von YouNow gesperrt werden. Verboten ist es aber auch, vor der Kamera Drogen zu konsumieren, zu rauchen oder private Kontaktdaten herauszugeben. Einiges davon haben wir bei unserem Besuch jedoch durchaus beobachtet.

Das offizielle Mindestalter für eine Anmeldung bei dem Videodienst beträgt 13 Jahre. Aber das ist kein Hindernis für jüngere Nutzer: Die Anmeldung erfolgt über einen Facebook-, Twitter- oder Google-Account, bei dem jeder sein eingetragenes Geburtsdatum frei wählen kann. Wir haben auf YouNow mehrere Nutzer angetroffen, die von sich sagten, sie seien jünger.

Vom hemmungslosen Exhibitionismus des Videodienstes Chatroulette, der 2010 Schlagzeilen machte, ist die Plattform noch weit entfernt. Bei Chatroulette wurden Nutzer nach dem Zufallsprinzip im Videochat miteinander verbunden, Tausende waren nur mit heruntergelassener Hose anzutreffen. Die Website gibt es immer noch, mittlerweile hat sie mehrere Sicherheitsmaßnahmen nachgerüstet. Ein Videodienst namens Stickam, auf dem bereits vor acht Jahren Nutzer offen Cybersex verlangten, ist schon seit Anfang 2013 offline.

Wenn Eltern ihre Kinder in Chats und sozialen Netzwerken schützen möchten, finden sie zum Beispiel auf der Website der Initiative "Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht" umfassende Ratschläge. Dort raten Experten dazu, zunächst mit den Kindern über die Faszination und die Gefahren von Chats zu sprechen. Dann könnten Eltern mit ihren Kindern gemeinsame Sicherheitsregeln und Zeiten zur Internetnutzung vereinbaren.

*alle Namen geändert



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 29.01.2015
1. Wieder mal..
...so eine Selbstdarstellung Seite auf der man sich den Rest des Lebens durch unnötige Kommentare und Aktionen versauen kann...können die Nutzer nur hoffen, das man sie nach 10 Jahre nicht wiedererkennt und Rückschlüsse auf ihre Intelligenz zieht...ansonsten: Schaut eigentlich kein Elternteil seinen Sprößlingen bei so was zu und zieht den Stecker?
karlsiegfried 29.01.2015
2. Sinnfrage
Sind die alle bescheuert? Und dann wundern, wenn ihre Bilder überall im Netz auftauchen.
Rainer Schleevoigt 29.01.2015
3. Ein wunderschöner Aufreger für Offliner
Klar, ich würd's nicht machen. Dennoch: geniale Idee und ein Denkmal, was Technik kann. Ich gehe mal davon aus, dass das auch mobil funzt. Jetzt wäre der Zeitpunkt zu sagen: „mehr geht nicht“. Bin mir abere sicher – in einiger Zeit erscheint DAS harmlos. Eine weitere Möglichkeit, das Leben kurzweilig zu gestalten.
der_stille_beobachter 29.01.2015
4.
Das ist doch eine prinzipielle Erziehungsfrage. Generationen wurden mit dem Rat "Steige nie zu einem fremden ins Auto und nimm keine Süßigkeiten von Fremden an". Es wird Zeit auch im Hinblick auf den persönlichen Schutz auch entsprechend für das Internet zu erziehen. Da sind alle gefragt: Welche Informationen will ich wirklich preis geben und gegenüber wem? Dafür muss aber erst eine gewisse Sensibilität für Daten und persönliche Informationen entwickelt werden. Viele wissen dafür aber entweder nicht genug Bescheid oder es ist ihnen schlicht egal.
waltraudnetwall 29.01.2015
5. Wunderbar !
Lernen oder auf einen Beruf vorbereiten alles Nebensache . Die Zahl von Dummen erhöht sich ständig. Siehe Pisa.
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