Forensik Wie Experten die Boston-Videos analysieren

600 Überwachungskameras machten Aufnahmen vom Tatort, Zigtausende Bilder müssen ausgewertet werden - nach nur drei Tagen pickte das FBI aus einer Fülle an Informationen die Verdächtigen im Fall der Bostoner Bombenanschläge. Wie gingen die Beamten vor?

REUTERS/ FBI

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Verschwommene Bilder von zwei Männern gehen um die Welt, als Videos und als Standbilder. Sie zeigen die beiden Mützenträger, die das FBI im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag in Boston verdächtigt. Die Polizei von Boston hatte Besucher des Marathons aufgerufen, den Ermittlungsbehörden privates Bild- und Videomaterial zur Verfügung zu stellen, das in der Umgebung der Bombenexplosionen vom Sonntag aufgenommen wurde. Zusammen mit den Aufnahmen von 600 Überwachungskameras sollten die Aufzeichnungen helfen, den oder die Täter zu identifizieren.

"Wir werden uns jedes einzelne Bild von jedem Video ansehen, um herauszufinden, wer wo war", sagte der Bostoner Polizeichef Ed Davis zu dem Vorhaben. Bevor die Experten damit aber anfangen konnten, stehen sie vor ihrer ersten großen Aufgabe: Weil das Videomaterial aus so vielen verschiedenen Quellen stammt, muss es zunächst standardisiert werden, erklärt der Ex-Polizist Grant Fredericks. Fredericks ist Videoforensiker, betreibt mit Forensic Video Solutions seine eigene, auf Videoanalyse spezialisierte Firma.

Bekannt wurde Fredericks, als er nach Ausschreitungen im Anschluss an ein Eishockeyspiel in Vancouver mit einem Team von Spezialisten Videoaufzeichnungen Hunderter Überwachungskameras auswertete, um Randalierer zu identifizieren. Das Ergebnis rechtfertigte den gewaltigen Aufwand: Mehrere hundert Einzeltäter wurden ausfindig gemacht und angeklagt.

"Sie werden mit Videos überschwemmt"

Dieser Erfolg dürfte es sein, der dazu führte, dass Fredericks sich nun auch für die Auswertung der Videos aus Boston angeboten hat. Gemeinsam mit rund 50 Mitarbeitern analysiert er im Digital Media Evidence Processing Lab an der University of Indianapolis Videodaten. Verglichen mit den Ermittlungen in Vancouver sei die Aufgabe im Fall der Anschläge von Boston aber um einiges komplexer, sagte Fredericks der "Computerworld". Das läge schon an der gewaltigen Datenmenge, die da zusammenkäme: "Es gibt vermutliche Hunderte Leute, die Aufnahmen gemacht haben, die die Person oder Personen zeigen, die die Bombe abgelegt haben."

Bevor diese ausgewertet werden können, müssen sie in ein einheitliches Dateiformat umgewandelt und bearbeitet werden. Aufnahmen minderer Qualität werden verbessert, Wackelvideos per Software stabilisiert. Für den ehemaligen FBI-Fotoauswerter Jerry Richards, der heute eine Forensikfirma betreibt, ist schon das eine Mammutaufgabe: "Sie werden mit Videos überschwemmt und müssen eine Triage durchführen. Sie müssen das Gute vom Schlechten trennen."

Komplette Analyse kann Wochen dauern

Sind die Aufnahmen so weit bearbeitet, müsse man sie auf einer Zeitleiste anordnen, sie also synchronisieren und mit Zeitcodes versehen, erläutert Brian Adamson, der zehn Jahre bei der Londoner Polizei Bildbeweise auswertete. Erst dann beginnt die eigentliche Fleißarbeit: Forensikexperten gehen das Material Bild für Bild durch und versehen es mit Tags, so wie man es auch mit Musikdateien macht. Nur dass sie statt Künstlernamen und Songtiteln Beschreibungen der Personen eingeben, die zu sehen sind.

Diese Beschreibungen sind so standardisiert, dass sich, sind alle Videos auf diese Weise bearbeitet, per Mausklick alle Aufnahmen einer Person heraussuchen lassen, auf die bestimmte Parameter zutreffen. Fredericks gibt sich gegenüber wthr.com zuversichtlich, dass der oder die Täter mit diesem System überführt werden können: "Er wird auf Hunderten Aufnahmen sein."

Ganz so schnell, wie es sich die Ermittler wünschen, geht so etwas aber nicht. Nach den Ausschreitungen von Vancouver brauchten die Experten zwei Wochen, um 5000 Stunden Videomaterial zu bearbeiten, zu sichten und zu analysieren. Und vom Marathon in Boston wird es wesentlich mehr Material geben. Wie viel davon bereits ausgewertet worden ist, ist unklar.



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
bronck 19.04.2013
1. Ist das noch notwendig?
Einer der Attentäter scheint tot zu sein und der Zweite ist auf der Flucht. Loht da noch der Aufwand tausende Stunden Videos zu sichten und zu bearbeiten?
kleinzack 19.04.2013
2. bitte etwas aktueller - mit neueren besseren Fahndungsfotos
http://edition.cnn.com/2013/04/18/us/boston-blasts/index.html?iref=allsearch
schlachtross 19.04.2013
3. The answer is YES!
Zitat von bronckEiner der Attentäter scheint tot zu sein und der Zweite ist auf der Flucht. Loht da noch der Aufwand tausende Stunden Videos zu sichten und zu bearbeiten?
Erstens gilt es das angeschlagene Sicherheitsbedürfnis mit schnellen Fahndungserfolgen zu stärken. Zweitens wäre der eine Täter noch nicht dingfest gemacht worden, hätten die Forensiker nicht die 'Tonnen' von Bildmaterial durchsucht. Drittens gilt es die Hintergründe des Vorgehens und der Motivlage zu 100% zu ermitteln, um die Lehren für die Zukunft zu ziehen. Viertens gilt es den möglichen Prozess (es müssen ja nicht alle bei der Festnahme sterben) möglichst sauber vorzubereiten.
georg.vt@gmx.de 19.04.2013
4. optional
Wenn der nächste erschossen würde, ist das ganze nur noch ne Alibiveranstaltung. Vielleicht wurden ja auch die falschen erschossen.
hackee1 19.04.2013
5. Auf Schritt und Tritt
Zitat von sysopAFP/ FBI600 Überwachungskameras machten Aufnahmen vom Tatort, Zigtausende Bilder müssen ausgewertet werden - nach nur drei Tagen pickte das FBI aus einer Fülle an Informationen die Verdächtigen im Fall der Bostoner Bombenanschläge. Wie gingen die Beamten vor? http://www.spiegel.de/netzwelt/web/videoforensik-so-analysieren-experten-die-videos-aus-boston-a-895193.html
600 Überwachungskameras waren es denke nicht. Einige der 600 werdeen provate Kameras gewesen sein, deren Besitzer die Szenerie rund um den Zieleinlauf gefilmt haben. Erschreckend ist die Zahl dennoch. Auch in Deutschland ist die Anonymität im öffentlichen Raum kaum noch gewährleistet. Egal wo man sich bewegt folgt einem auf Schritt und Tritt eine Überwachungskamera. Zur Rechtfertigung dienen dann wieder solche Ausnahmefälle wie hier in Boston. Nur eins hat die Kameraüberwachung auch hier wieder - wie in vielen Fällen davor auch - gezeigt: Die Überwachung verhindert solche Fälle nicht. Im Idealfall hilft sie dabei einen solchen Fall schneller aufzuklären, aber sie scheint keine abschreckende Wirkung zu haben. Dafür nimmt man aber massive Einschnitte in die Bürgerlichen Freiheitsrechte in Kauf. Wie auch bei der Vorratsdatenspeicherung und anderen Eingriffen. So kommen wir der totalen Überwachung immer ein Schrittchen näher, ohne auch nur einen minimalen Zuwachs an Sicherheit zu haben. Auch die U-Bahn Schläger z.B. haben sich nicht von Kameras von Ihrem tun abhalten lassen. In einigen Jahren wird es dann möglich sein von jedem deutschen Städter ein lückenloses Bewegungsprofil zu erstellen. Man darf gespannt sein, wann sich die Kameras an Laptops und Handys nicht mehr abschalten lassen, das verdecken derselben unter Strafe gestellt wird und jeder Bürger verpflichtet ist jeden seiner privaten Räume und jeder Unternehmer jeden Arbeitsplatz mit einer Kamera auszustatten. Zumindest was die Kameraüberwachung von Arbeitsplätzen angeht wurde in der jüngeren Vergangenheit ja schon ein frecher Versuch unternommen.
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