Videoplattformen Gerangel um die YouTube-Stars

In den USA versuchen kleinere Videoplattformen, populäre Hobbyfilmer von YouTube abzuwerben. Sie locken die Stars mit einer hohen Beteiligung an den Werbeerlösen und hoffen auf mehr Zuschauer. Mancher Videomacher sieht die Entwicklung mit Befremden.

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Shmuel Tennenhaus fühlt sich neuerdings ein bisschen wie ein gefragter Star. Den Comedien, der auf YouTube die Videokolumne "Ask a Jew" (Frage einen Juden) betreibt, umwerben nämlich diverse YouTube-Konkurrenten, darunter Metacafé und Mania TV. Man verspricht ihm eine Beteiligung an den Werbeeinahmen und will ihm zudem Präsenz garantieren.

"Das alles ist wirklich sehr seltsam", sagte er der "New York Times". Er könne sich kaum vorstellen, dass er der Einzige sei, der auf diese Weise angesprochen werde. In der Tat scheint in den USA das Gerangel um besonders erfolgreiche Videofilmer begonnen zu haben. Dies bestätigte auch Paul Robinett, der auf YouTube unter dem Namen Renetto firmiert und es auf mehr als eine Millionen Videoabrufe gebracht hat: "Ich denke, jeder der eine Video-Seite betreibt, hat mich kontaktiert."

Content is King - die alte neue Weisheit aus der Medienbranche gilt natürlich auch für Videoplattformen. Das haben ihre Macher längst begriffen und handeln entsprechend. Je attraktiver das Angebot, umso mehr Surfer kommen vorbei und umso höher fallen die Werbeeinnahmen aus. Und natürlich lohnt es sich, besonders erfolgreiche Videoproduzenten auch mit Geld zu belohnen - durch eine Beteiligung an den Werbeerlösen.

16.000 Euro mit Videos verdient

Genau dies tut YouTube, der unumstrittene Marktführer unter den Videoplattformen aber bisher nicht - eine Chance für die Konkurrenten, populäre Hobbyfilmer abzuwerben. Im Januar hatte YouTube angekündigt, dass in den nächsten Monaten auch die Autoren der Filme an der Werbung mitverdienen sollen. Konkretes darüber ist jedoch nicht bekannt.

Beim Kölner Portal Sevenload.de ist man da schon einen Schritt weiter: "Videomacher bekommen bei uns 50 Prozent der Werbeeinnahmen", sagt Ibrahim Evsan, Geschäftsführer und Gründer der Firma. Dies gelte jedoch nur für ausgewählte Videos, die in die Rubrik "Special" einsortiert wurden. "Bei uns haben Leute schon 16.000 Euro mit ihren Videos verdient."

Das ganz große Geschäft bietet Sevenload freilich noch nicht. Pro Monat kommen nach Evsans Angaben etwa 2,5 Millionen Besucher auf die Seite und rufen circa 20 Millionen Videos ab.

Das gezielte Abwerben erfolgreicher Videomacher passiere in Deutschland noch nicht, sagt Evsan, "aber es wird kommen". Ein Grund dafür ist sicher auch, dass es noch an wirklichen Stars mangelt, die Zehntausende oder gar Millionen Surfer in ihren Bann ziehen. So wie einst Lonelygirl15, die mittlerweile nicht nur auf YouTube, sondern auch auf Revver.com zu sehen ist.

Gute Leute halten

Tilo Bonow, Sprecher von MyVideo, hält das Thema Abwerben für "ganz aktuell", wie er gegenüber SPIEGEL ONLINE sagt. Derzeit kämen die spannendsten Künstler jedoch von ganz allein zu MyVideo, dem nach eigenen Angaben größten Videoportal Deutschlands mit über sieben Millionen Videoabrufen täglich. Die generelle Frage sei: Wie könne man gute Leute halten? Wie die Qualität erhöhen? Bonow verweist auf MyVideo-Kolumnen wie Karl Kackmanns Kosmos oder Taff WG 2.0, die bereits besonders erfolgreich seien. Den Künstlern komme es vor allem auf eine hohe Reichweite an, die bekämen sie am besten beim Marktführer MyVideo.

Wechsel von Plattform zu Plattform wie im Fall Lonelygirl15 hat es auch in Deutschland schon gegeben: Hansens Taxi, ein Comedy-Format, lädt seine Clips seit kurzem nicht nur bei MyVideo, sondern auch bei Sevenload hoch. "Den absoluten Top-Star gibt es aber noch nicht", räumt Sevenload-Chef Evsan ein, verweist jedoch auf Rob Vegas und AlexTV, denen er noch Großes zutraut. "Auch Stefan Raab hat Jahre gebraucht, um bekannt zu werden."

Bei YouTube scheint man mittlerweile auf die Abwerbeversuche der Konkurrenz zu reagieren: Paul Robinett alias Renetto sagte der "New York Times", eine Agentur habe ihn kontaktiert und eine Beteiligung von 20 Prozent an den Werbeerlösen angeboten. Robinett bekam von YouTube selbst jedoch keine Bestätigung für die angebliche Offerte.



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