Videospiele Kunst mit der Doom-Engine

Computerspiele sind mal Kunst und mal Schrott. Aber als Ausdrucksmittel können sie alle dienen. Sieben Game-Künstler treten den Beweis an, dass eine 3D-Engine und Pixelgrafik weit mehr erzeugen können als virtuelle Spielewelten.

Von


John Haddock

Revolte in China: Welt aus "War-Craft"-Sicht

Revolte in China: Welt aus "War-Craft"-Sicht

Es gibt Bilder, die jeder in seinem Kopf gespeichert hat: die Ermordung JFKs. Rodney King, der im Scheinwerferlicht eines Einsatzwagens der LAPD von Polizisten zusammengeschlagen wird. Eric Harris und Dylan Klebold, die, ihre Waffen im Anschlag, durch die menschenleere Cafeteria der Columbine High School laufen. Oder die gewalttätige Niederschlagung der studentischen Revolte am Platz des himmlischen Friedens.

Jon Haddock nimmt diese modernen Ikonen und verfremdet sie. Am Bildschirm formt er sie zu digitalen Gemälden, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind in isometrischer Perspektive dargestellt. Mit dem simplen Trick, das Weltgeschehen aus der "War-Craft"-Sicht zu zeigen, schafft der Künstler eine beachtliche Irritation. Er führt uns vor Augen, wie sehr unser popkulturelles und politisches Gedächtnis in den Schienen läuft, die die Massenmedien verlegt haben. Und wie es entgleist, wenn jemand diese Schienen verbiegt. www.whitelead.com/jrh

Brody Condon

Computerspiele sind seit den ersten Gewaltdarstellungen ein Politikum. Dass sie aber auch selbst einen Beitrag zu politischen Diskussionen leisten können, beweist der amerikanische Künstler Brody Condon. In seinem mit der Künstlergruppe "C-Level" entwickelten Spiel "Waco: Resurrection" erlebt man den blutigen FBI-Einsatz gegen den Sektenführer David Koresh und seine Anhänger, bei dem 1993 mehr als 70 Menschen ihr Leben verloren. Nach dem Blutbad hatte es hitzige Debatten darüber gegeben, ob hier christliche Hardliner in der US-Regierung an Koresh ein Exempel statuieren wollten. Im Spiel nimmt man Koreshs Perspektive ein, verhandelt mit Gott und kämpft mittels göttlicher Superkräfte gegen das FBI.

Um reine Gewalt dreht sich die Half-Life-Mod "Adam Killer", in der Condon in leeren weißen Räumen den immergleichen Gegner Mal um Mal wehrlos zur Schlachtung freigibt. Durch einen Grafik-Glitch füllen sich die Levels zunehmend mit

"Adam Killer": Blutige Zerrbilder

"Adam Killer": Blutige Zerrbilder

blutigen Zerrbildern der Gewalttaten des Spielers, bis der sich zuletzt in einem endlosen weißen Schacht wiederfindet, aus dem zerfetzte Gliedmaßen auf ihn herabregnen. Mit "650 Polygon John Carmack 2.0" verließ Condon jüngst den virtuellen Raum. Er baute eine Kunststoffskulptur des Spieleschöpfers Carmack als eine aus 650 Polygonen zusammengesetzte "Quake"-Spielfigur. www.tmpspace.com

Moswitzer-Jahrmann

Das österreichische Künstlerduo Max Moswitzer und Margarete Jahrmann machte lange Zeit nur Netzkunst. "LinX3D", ursprünglich der Name eines von ihnen eingerichteten Linux-Kunstservers, war ihr erstes Computerspiel-Kunstwerk. Der Spieler steht hier an einem Arcade-Automaten und spielt online gegen Kontrahenten, die in Form von ASCII-Programmcode dargestellt werden. Der Spieler selbst wird während des Spiels von einer Kamera aufgezeichnet und ebenfalls in ASCII-Zeichen übersetzt, die als zusätzliche Textur in die Spielgrafik eingebaut werden.

"LinX3D": Gegner in Form von ASCII-Code

"LinX3D": Gegner in Form von ASCII-Code

Das Ergebnis ist eine Spielwelt, die gleichermaßen Text und Grafik, Programm und Programmcode ist, und in der die Bildschirmbarriere zwischen Spieler und Avatar brüchig wird. In ihrer jüngsten Arbeit "Nybble Engine" verbinden die beiden Österreicher Computerspiel mit skulptureller Arbeit und Performance: Im Rahmen einer Art Vorlesung werden Netzwerkmatches in einem abstrakten Computerspielszenario wie Echtzeit-Filme vorgeführt. Anstelle von Waffen halten die Avatare räumliche Visualisierungen von Netzwerkprozessen in den Händen, die in der realen Welt per 3D-Objekt-Printer als Skulptur ausgegeben werden. Hört sich verwirrend an? Ist es auch. Einen besseren Einblick vermittelt der 20-minütige Mitschnitt von "Nybble Engine" auf der GEE-DVD. www.climax.at

Mr. Ministeck

Das Pixel steht für die kleinste Einheit einer Rastergrafik. Ebenso aber steht es auch - was in den Zeiten von "Doom 3" und Konsorten gerne in Vergessenheit gerät - für den Grundbaustein von Computerspielgrafiken. Norbert Bayer alias Mr. Ministeck erinnert sich für uns - und kramt die Klassiker der C64-Ära wieder aus der schamhaften Verdrängung des Hightech-Zeitalters hervor.

Low Tech: Welt aus analogen Plastikstiften

Low Tech: Welt aus analogen Plastikstiften

Seine Motive reichen von "Donkey Kong" über "Giana Sisters" bis hin zum legendären "Pac-Man". Doch anders als in den aktuellen, optisch geglätteten Remakes der jugendlichen Pixelgesichter des Computerspiels bleiben bei Bayer digitale Kosmetika in der Schublade. Er geht sogar einen Schritt weiter und übersetzt die digitalen Motive in die vollanalogen Plastikstifte jener Ministeckmosaike, die in den siebziger und achtziger Jahren Spielzeugläden füllten und elterliche Geldbörsen leerten.

Kritiker mögen Norbert Bayer vorwerfen, er reproduziere immer wieder ein- und dasselbe Konzept, unbestritten bleibt: Mit seiner Hinwendung zum archaischen Material Ministeck nimmt er eine besondere Position in der heutigen Computerspielkunst-Szene ein. Und anders als andere Vertreter dieses neuen Bereichs der Medienkunst läuft er nicht Gefahr, sich in bloßer multimedialer Technikprahlerei zu verlieren. Low Tech at its best. www.misterministeck.de

Weiter in Teil 2:

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