Debatte über Netzneutralität Netflix bezahlt für Verbindung zu Comcast

Netzneutralität in Gefahr? Netflix hat sich offenbar direktere Verbindungen zum US-Provider Comcast erkauft. Das Streamingportal will sicherstellen, dass seine Videos zügig bei Comcast-Kunden ankommen. Kritiker fürchten um die Gleichbehandlung aller Dienste im Internet.

Netflix: Vertrag mit Comcast regelt Daten-Durchleitung
AP

Netflix: Vertrag mit Comcast regelt Daten-Durchleitung


Netflix zieht nach: Anders als andere große Internetunternehmen hatte sich das Streamingportal bislang geweigert, für direktere Verbindungen zu den marktführenden US-Providern zu zahlen. Am Sonntag gaben Netflix und Comcast nun bekannt, eine entsprechende Vereinbarung getroffen zu haben. Für die nächsten Jahre sei Comcast-Kunden durch die Abmachung ein hochwertiges Netflix-Videoerlebnis garantiert.

Details des Deals sind bislang nicht bekannt, nach Recherchen von "re/code" handelt es sich aber um eine Transit-Vereinbarung. Mutmaßlich nimmt Netflix für die Verbindung, die über Datenzentren Dritter realisiert werden soll, also Geld in die Hand. Die "New York Times" will erfahren haben, dass jährlich mehrere Millionen Dollar an Comcast fließen werden.

Jede Firma mit einer eigenen Leitung?

Der Deal wirft ein Schlaglicht auf eine Debatte, die auch in Europa gerade mit großer Vehemenz geführt wird: Wie viel Freiheit sollen Diensteanbieter und Internet-Provider dabei haben, Einzelverträge über Traffic-Durchleitung abzuschließen? Soll es erlaubt sein, den eigenen Daten ein Vorfahrtsrecht zu erkaufen? Verfechter der sogenannten Netzneutralität sehen die Chancen kleiner, weniger finanzkräftiger Anbieter in Gefahr, Internetnutzer ebenso gut zu erreichen wie Giganten wie Netflix. Am Montagabend wird der Industrieausschuss des Europaparlaments über künftige Regelungen zum Thema abstimmen. Kritiker wie die Organisation La Quadrature du Net warnen, Vorentwürfe ließen befürchten, die EU werde sich vom Prinzip der Netzneutralität verabschieden.

Comcast und Netflix betonen in ihrer Stellungnahme allerdings, dass die Netflix-Daten künftig nicht bevorzugt behandelt würden. In den USA waren schon kurz nach Bekanntgabe des Deals Stimmen laut geworden, die die Netzneutralität in Gefahr sehen, mindestens indirekt.

"In einer Welt, in der Netflix und Yahoo direkt mit den Providern in den Wohnvierteln verbunden sind, wird jede Internetfirma ihre eigene Leitung haben", kommentiert etwa die "Washington Post" mit Blick auf die Zukunft. "Und zu überwachen, ob verschiedene Leitungen gleich gut sind, ist ein viel größeres Problem als festzusetzen, dass alle Daten innerhalb einer einzigen Leitung gleich behandelt werden."

"Nichts mit der Netzneutralität zu tun"

Eine Gegenstimme zu den kritischen Medienberichten findet sich im "StreamingMediaBlog". Dan Rayburn schreibt dort, Abmachungen wie die von Netflix und Comcast seien nicht ungewöhnlich, zudem hätten sie aus seiner Sicht überhaupt nichts mit der Netzneutralität zu tun.

Dass sich Netflix auf den Deal eingelassen hat, überrascht dagegen manchen Kommentator - "GigaOM"-Autorin Stacey Higginbotham spricht gar von einer "Kapitulation". Sie sieht langfristig vor allem die Intransparenz bei den Vereinbarungen zwischen Inhalteanbietern und Providern als Problem.

Eine Begründung, warum Netflix den Deal eingeht, liefert das "Wall Street Journal". Die Zeitung schreibt, Netflix-Geschäftsführer Reed Hastings habe nicht gewollt, dass sich die Streaminggeschwindigkeit weiter verschlechtert und so zu einem größeren Problem für die Kunden wird.

Zuletzt hatte es immer wieder Berichte über einen Tempoabfall bei den Anschlüssen der Netzbetreiber Verizon und Comcast gegeben. Eine Statistik, die Netflix regelmäßig selbst erstellt, zeigte, dass die bei Comcast ermittelte Durchschnittsbandbreite für Netflix-Streams seit Oktober von 2,07 Mbit/s auf 1,51 Mbit/s im Januar gefallen war.

mbö



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zzipfel 24.02.2014
1. Ja und ...?
Zitat von sysopAPNetzneutralität in Gefahr? Netflix hat sich offenbar direktere Verbindungen zum US-Provider Comcast erkauft. Das Streamingportal will sicherstellen, dass seine Videos zügig bei Comcast-Kunden ankommen. Kritiker fürchten um die Gleichbehandlung aller Dienste im Internet. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/videostreaming-netflix-investiert-in-verbindung-zu-comcast-a-955267.html
Wo ist jetzt das Problem? Wer zahlt bekommt bessere Leistungen, als wer auf "alles umsonst" setzt. Der zahlende Bäckerei-Kunde bekommt besser und schneller an seine Waren, als der Bettler der vlt. nach übriggebliebenen Brötchen vom Vortag bittet. Leistung muss sich wieder lohnen :-)
cronotk 24.02.2014
2.
Zitat von zzipfelWo ist jetzt das Problem? Wer zahlt bekommt bessere Leistungen, als wer auf "alles umsonst" setzt. Der zahlende Bäckerei-Kunde bekommt besser und schneller an seine Waren, als der Bettler der vlt. nach übriggebliebenen Brötchen vom Vortag bittet. Leistung muss sich wieder lohnen :-)
Ich hoffe, Ihr Beitrag war sarkastisch gemeint. Comcast ist ein Internet Service Provider. Seine Kunden bezahlen ihm den schnellen Zugang zu Inhalten. Wenn Netflix dafür bezahlen muss, dass Comcast-Kunden einen annehmbaren Zugang zu den eigenen Inhalten hat, dann betreibt Comcast Betrug am eigenen Kunden.
zzipfel 24.02.2014
3. Nö ... die Kunden sind ja nicht gezwungen ...
Zitat von cronotkIch hoffe, Ihr Beitrag war sarkastisch gemeint. Comcast ist ein Internet Service Provider. Seine Kunden bezahlen ihm den schnellen Zugang zu Inhalten. Wenn Netflix dafür bezahlen muss, dass Comcast-Kunden einen annehmbaren Zugang zu den eigenen Inhalten hat, dann betreibt Comcast Betrug am eigenen Kunden.
derartige Verträge abzuschliessen, bzw. solange in den Verträgen (AG'B´s etc.) drinsteht, dass Übertragunsgeschwindigkeiten unterschiedlich ausfallen, kann von "Betrug" absolut keine Rede sein. Das ist halt eine Frage von Vertragsgestaltung und Vertragsfreiheit.
cronotk 24.02.2014
4.
Zitat von zzipfelderartige Verträge abzuschliessen, bzw. solange in den Verträgen (AG'B´s etc.) drinsteht, dass Übertragunsgeschwindigkeiten unterschiedlich ausfallen, kann von "Betrug" absolut keine Rede sein. Das ist halt eine Frage von Vertragsgestaltung und Vertragsfreiheit.
Die Vertragsfreiheit ist bei Monopolisten (und das ist Comcast in weiten Teilen der USA) eingeschränkt.
zzipfel 24.02.2014
5. Jeder hat das Recht selber derartige Zugänge bereitzustellen ...
Zitat von cronotkDie Vertragsfreiheit ist bei Monopolisten (und das ist Comcast in weiten Teilen der USA) eingeschränkt.
und das lässt sich auch in den USA zB über Satellitentechniken erreichen. Natürlich kann sich das Angebot für die Kunden finanziell aufwendiger darstellen, aber - wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen. Insoweit kann von einer Monopolisierung überhaupt keien Rede sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.