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Videoüberwachung: Wiener Verein hackt Polizeikamera

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Datenschützer haben mit einfachster Technik Überwachungsvideos der österreichischen Polizei empfangen. Auf dem Berliner Hackerkongress berichteten sie erstmals über ihre spektakuläre Aktion, mit der sie gegen die zunehmende Kamerapräsenz protestieren.

Adrian Dabrowski weiß, wie man zu Hackern spricht. Er hält einen Videoscanner nach oben, den er kürzlich bei eBay ersteigert hat, und sagt schelmisch: "Die Inbetriebnahme ist illegal." Alle Fotos von dem eingeschalteten Scanner würden von der Website des Herstellers stammen, beteuert er in breitestem Wienerisch.


Die Zuhörer auf dem Chaos Communication Congress freuten sich diebisch. Denn Dabrowski und seinem Kollegen Martin Slunksy ist in Wien ein erstaunlicher Coup geglückt - zumindest aus Hackerperspektive: Sie haben eine Überwachungskamera der Polizei gehackt. Und der ominöse Videoscanner, der auch auf exotischen Frequenzen Kamerabilder empfangen kann, war dazu nicht einmal vonnöten. Primitivste Technik für ein paar Dutzend Euro reichte vollkommen aus.

Das Anzapfen der Überwachungskamera liegt nach Aussage Dabrowskis schon einige Wochen zurück. Auf dem Berliner Hackerkongress berichteten er und Slunksy jedoch erstmals öffentlich über ihre Aktion.

In Österreich darf die Polizei seit Anfang 2005 öffentliche Plätze per Videokamera überwachen. So schraubte die Wiener Polizei im April eine dreh- und neigbare Kamera an einen Laternenmast auf dem Schwedenplatz. Es ginge darum, die Sicherheit zu erhöhen und den Drogenhandel einzudämmen, hieß es.

Ein gefundenes Fressen für den Verein Quintessenz, der sich der "Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter" verschrieben hat und in dem Dabrowski und Slunsky mitarbeiten. Die zunehmende Präsenz von Kameras ist den Datenschützern schon lange ein Dorn im Auge. Sie bezweifeln, dass dadurch mehr Sicherheit geschaffen wird. Als die Wiener die Überwachungstechnik genauer unter die Lupe nahmen, machten sie erstaunliche Entdeckungen.

Beamte als Spanner?

So wurde die ferngesteuerte Kamera häufig gar nicht auf den Platz gerichtet, sondern auf umliegende Häuser. "Wenn nix los ist, schauen die Polizisten halt in fremde Zimmer", sagte Dabrowski im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das ist offenbar auch der Polizeiführung bekannt, wie der Verein von einem höheren Beamten erfahren haben will. Die Spanner in Uniform sollen künftig mit mehr Kameras gezähmt werden, die gleichzeitig verfolgt werden müssen. Ob's funktioniert?

Nicht nur die Überwacher selbst leisteten sich peinliche Fehltritte - auch die von ihnen beauftragten Techniker, die offensichtlich ein schlecht abgesichertes System installierten. Zum Einsatz kam eine fernsteuerbare Videokamera, die ihr Bild per Funk in ein Polizeifahrzeug überträgt - und zwar analog. In dem weißen Lieferwagen, der auf dem Schwedenplatz steht, sitzen in der Regel zwei bis drei Polizisten.

"Anfangs dachten wir fälschlicherweise, es handelt sich um ein WLAN", berichtete Dabrowski den versammelten Hackern. Doch dann sei schnell klar gewesen, dass eher das Know-how von Amateurfunkern gefragt war und nicht das von IT-Spezialisten.

Die Kamera funkt mit einer Frequenz von 2,3 Gigahertz - ein für Ermittler reservierter Bereich. Ob man da nicht einfach mal kurz reinschauen könnte, fragten sich Slunsky und seine Quintessenz-Kollegen, um zu sehen, was die Polizisten da so auf dem Schirm haben?

"Am besten im Ausland besorgen"

Schnell war der vermutliche Hersteller des Überwachungssystems recherchiert. "Wir hätten uns in einem Webshop einen Original-Empfänger kaufen können", sagte Slunsky. "Damit hätte man die Kamera sogar schwenken können. Aber das Gerät war uns zu teuer."

Stattdessen orderten die Aktivisten via eBay den beschriebenen Videoscanner im Handyformat für 300 Euro, den man wohl besser nicht anschalten sollte, weil er auch Frequenzen empfangen kann, die für Ermittler reserviert sind. Obendrein sei der Scanner kompliziert zu bedienen und ein gigantischer Batterienfresser, erklärte Dabrowski.

Es müsse doch noch billiger und noch besser gehen, sagten sich die Quintessenz-Aktivisten - und wurden fündig. Ein analoger Satellitenreceiver kann den Job genauso gut übernehmen, sofern sein Frequenzband breit genug ist. Für läppische 15 Euro erstanden sie bei eBay ein Gerät, das es von 700 MHz bis 2,7 GHz schafft - die Polizeifrequenz von 2,3 GHz war somit kein Problem.

Das Schöne an dem Receiver: Er lässt sich auch mit 12 Volt betreiben - hilfreich, wenn man im Kleinbus auf dem Wiener Schwedenplatz Runden dreht. Jetzt fehlten den beiden Kamerahackern nur noch eine passende Antenne und ein sogenannter Copy-Enhancer, um analoge Kopiersperren zu eliminieren. "Am besten im Ausland besorgen", meinte Dabrowski, zumindest in Deutschland seien solche Geräte nicht legal.

Babyphone des Nachbarn auf dem Schirm

Dann setzten sich Slunsky und Dabrowski in ein Auto. "Es sollte möglichst etwas größer sein", so Slunksy, "in einem Chrysler Voyager macht es Spaß." Einer zielte mit der Antenne auf die Kamera, der andere behielt den Monitor im Auge. Und plötzlich seien tatsächlich Überwachungsbilder aufgetaucht, berichtet Dabrowski - natürlich nur "versehentlich".

Die Vorführung eines Mitschnittes ihres Kamerahacks wollten die beiden nicht riskieren - aus juristischen Gründen. "Wir hatten ursprünglich sogar eine Liveübertragung zum Chaos Communication Congress erwogen", sagte Dabrowski, aber die Polizei habe vor zwei Wochen eine neue Kamera installiert, die andere Übertragungstechnik nutze.

Ähnlich wie Dabrowski und Slunsky, die sich ins Wiener Polizei-TV einklinkten, arbeitet auch die kanadische Künstlerin Michelle Teran. Sie hat bereits mehrfach bei Gängen durch Städte Bilder von funkenden Überwachungskameras sichtbar gemacht - jedoch in legalen Frequenzbereichen.

In einem Wagen schiebt sie einen Monitor über dem Fußweg, der Videobilder von Funkkameras in Geschäften zeigt - aber auch aus Treppenhäusern und Privathaushalten. Viele Besitzer von Hightech-Babyfons mit Bildübertragung wissen offenbar gar nicht, dass jeder anschauen kann, was sich vor der Linse abspielt.

Den Aktivisten von Quintessenz geht es nicht allein ums Hacken von Videokameras - sie verstehen ihre Arbeit ähnlich wie der Bielefelder Verein FoeBud auch als Aktionskunst mit ernsthaftem Hintergrund.

Mit Leuchtkappe gegen Kameraüberwachung

Jüngstes Projekt der Österreicher ist eine Privacy-Mütze, die Überwachungskameras blenden soll. Mit Dutzenden Infrarot-LEDs, die an der Kappe befestigt sind, will Dabrowski den Effekt ausnutzen, dass CCD-Chips in Kameras sehr empfindlich auf Infrarotlicht reagieren.

Die LEDs sollen große Teile des Bildes überstrahlen, sodass kaum noch etwas zu erkennen ist. Vorbild ist eine Arbeit des Amerikaners Michael Naimark, der Videokameras mit Laserpointern geblendet hat, und zwar aus Entfernungen bis zu 100 Metern. Zerstört werden die Kamerasensoren dabei übrigens nicht.

Dabrowski hat seine Strahlkappe bereits getestet - allerdings nur aus kurzem Abstand mit einer einzigen LED. "Ich habe 50 Dioden mitgebracht", sagte er auf dem Chaos Communication Congress. Er wolle die Tage in Berlin nutzen, um die Privacy-Kappe zusammenzubauen.

Testmöglichkeiten in Wien gibt's genügend: Neben dem Schwedenplatz wird mittlerweile auch der Karlsplatz mit Kameras beobachtet. Die Drogenszene am Schwedenplatz habe sich offenbar beeindrucken lassen, teilte die Polizei vor einigen Tagen mit, wie sich an einem Rückgang der Suchtmitteldelikte um 68 Prozent erkennen lasse. Wo jetzt gedealt wird, sei aus der Statistik freilich nicht ablesbar. Die Polizei will auf jeden Fall noch mehr Kameras aufstellen, zum Beispiel am Wiener Westbahnhof.

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Verein Quintessenz: Der Polizei über die Schulter sehen

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