Zum Tod von Colin Kroll Liebe Leserin, lieber Leser,

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im Rückblick wirkt manches Seltsame gar nicht mehr so komisch. Das gilt zum Beispiel für die Sechs-Sekunden-Videos, die einst Vine populär machten. Als die Video-App Anfang 2013 offiziell startete, fragten sich viele Internetnutzer, wer derart kurze, immer wieder neu startende Clips braucht. Andere fingen an, mit dem Format zu experimentieren.

Fünf Jahre später sind einige, die mit Vine-Sketchen begannen, weit über die Plattform hinaus bekannt: Brittany Furlan etwa steigert ihre Berühmtheit gerade als Protagonistin der neuen Netflix-Doku "The American Meme". Zudem ist das Netz längst voll von Kurzvideos: Gifs sind vermutlich mehr Menschen ein Begriff als jemals zuvor in der Internetgeschichte. Und für Instagram-Nutzer ist es heute das Normalste der Welt, dass die Einzelelemente sogenannter Storys maximal 15 Sekunden lang sind.

Einer, der glaubte, dass man Kürzevorgaben nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Herausforderung verstehen kann, war Colin Kroll, Jahrgang 1984. "Wir haben eine eigene Vision von Videos, die mobil aufgenommen werden", sagte der Mitgründer von Vine einmal der "Berliner Morgenpost". Twitter teilte diese Vision und übernahm den Dienst.

Am Sonntag nun ist Kroll, der später auch noch die in den USA populäre Live-Quiz-App HQ Trivia mitgründete, leblos in seiner Wohnung aufgefunden worden.

Colin Kroll
Getty Images

Colin Kroll

Krolls Name war jenseits der Techfirmen- und Investoren-Branche vergleichsweise wenigen Menschen bekannt: Einen englischen Wikipedia-Eintrag bekam er erst anlässlich seines Todes. Das verwundert, hatte Krolls Wirken doch entscheidenden Einfluss darauf, wie unser Online-Alltag heute aussieht. Der spielt sich zwar nicht mehr auf Vine selbst ab - Twitter stellte die App 2016 wieder ein-, dafür aber eben auf Instagram und anderen Diensten, die sich von Vine inspirieren ließen.

Auf der Vine-Website wurden die Kurzvideos 2013 als "kleine Fenster" ins Leben der Menschen inszeniert. Heute hat fast jeder Dienst solche Fenster, eben in Form der erwähnten Storys. Und wer weiß, ob Vine nicht noch viel mehr Potenzial gehabt hätte, wäre nicht Twitter, sondern Facebook der Käufer gewesen? Immerhin hatte Mark Zuckerberg 2013 persönlich die Entscheidung absegnet, Vines Zugang zur Freunde-Suche des Netzwerks zu kappen. Im Unternehmen des Facebook-Chefs, der übrigens im selben Jahr wie Kroll zur Welt kam, hatte man Vine offenbar von Anfang an als potenziellen Konkurrenten wahrgenommen.

Auch Colin Krolls zweites bekanntes Projekt, HQ Trivia, ist keine reine Erfolgsgeschichte. So hatten er und sein Mitgründer Rus Yusupov trotz ihres originellen App-Konzepts Ende 2017 Probleme, Investoren zu finden - angeblich auch aufgrund von Krolls Umgang mit Frauen bei Twitter. Kroll sagte zu diesem Thema in einer allgemeineren Stellungnahme von Anfang 2018, dass er bei Vine einst wegen "schlechtem Management" entlassen worden war.

Wie es ohne Kroll mit HQ Trivia weitergeht, wird sich zeigen. Ich glaube, dass eines Tages dieses oder ein von ihm inspiriertes anderes Online-Quiz mit Echtgeld-Gewinnen großen Erfolg haben wird. Was Kroll begonnen hat, dürfte auch in diesem Fall Spuren hinterlassen. Vielleicht wie im Fall von Vine nicht die tiefsten. Aber solche, die jeder entdecken wird, der genauer hinschaut.


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